Die Zahl der neu eingetragenen Ausbildungsverträge in Baden-Württemberg ist deutlich zurückgegangen. Zum Beginn des Ausbildungsjahres 2026 verzeichnen die Industrie- und Handelskammern landesweit 31.413 neue Ausbildungsverträge – neun Prozent weniger als zum gleichen Zeitpunkt des Vorjahres.
Besonders stark fällt der Rückgang in den technischen Berufen aus. Hier wurden 10,8 Prozent weniger Verträge eingetragen. In der Elektrotechnik beträgt das Minus 15,6 Prozent, darunter auch die Fachinformatiker mit 19,1 Prozent weniger. Auch wichtige kaufmännische Ausbildungsberufe verlieren deutlich: Bei den Kaufleuten für Büromanagement liegt die Zahl der Neuverträge 12,9 Prozent unter dem Vorjahresniveau, bei den Industriekaufleuten 11,5 Prozent. Weitgehend stabil zeigen sich dagegen die Bankkaufleute sowie die Ausbildungsberufe im Hotel- und Gastgewerbe.
„Diese Zahlen sind ein deutliches Warnsignal. Der demografische Wandel macht keine Konjunkturpause. Wenn heute weniger junge Menschen ausgebildet werden, fehlen unserer Wirtschaft in wenigen Jahren genau diese Fachkräfte“, sagt Claus Paal, Vizepräsident des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertages (BWIHK) und Präsident der IHK Region Stuttgart. Laut IHK-Fachkräftemonitor fehlen in Baden-Württemberg heute rund 143.000 Fachkräfte. Bis 2035 könnte die Lücke auf 373.000 anwachsen – davon rund 235.000 beruflich qualifizierte Fachkräfte.
Gleichzeitig verändert Künstliche Intelligenz Tätigkeiten und Kompetenzanforderungen in den Unternehmen mit hoher Geschwindigkeit. Gerade bei kaufmännischen und administrativen Tätigkeiten können Routineaufgaben zunehmend automatisiert oder mit Unterstützung von KI erledigt werden. Paal warnt davor, daraus die falschen Schlüsse zu ziehen: „KI macht Ausbildung nicht überflüssig. Sie verändert, wofür und wie wir ausbilden müssen. Wir brauchen auch künftig beruflich qualifizierte Fachkräfte – aber sie müssen lernen, KI souverän einzusetzen, Ergebnisse zu beurteilen und Verantwortung für Entscheidungen zu übernehmen.“
„Gerade jetzt nicht bei der Ausbildung nachlassen“
Die schwierige wirtschaftliche Lage erreiche zunehmend auch die Ausbildung, so Paal. Unternehmen würden Investitionen und Personalplanungen kritisch überprüfen. Gleichzeitig blieben weiterhin viele Ausbildungsplätze unbesetzt. „Ich habe Verständnis dafür, dass Unternehmen, die wirtschaftlich unter Druck stehen, bei Neueinstellungen und Ausbildung zurückhaltender planen müssen“, sagt Paal. „Umso wichtiger ist es, dass diejenigen Betriebe, die ausbilden und es sich leisten können, gerade jetzt nicht nachlassen, sondern ihr Engagement möglichst verstärken. Und ich appelliere an Unternehmen, die ausbilden könnten, dies bislang aber noch nicht tun: Prüfen Sie jetzt, ob Sie jungen Menschen eine Chance geben und damit zugleich in Ihre eigene Fachkräftesicherung investieren können.“
Ausbildung sei keine Investition nur in guten Zeiten. „Wer heute bei Ausbildung spart, muss Fachkräfte morgen auf einem immer enger werdenden Arbeitsmarkt suchen und teuer einkaufen. Deshalb müssen wir jetzt um jeden Ausbildungsplatz und jeden Ausbildungsbetrieb kämpfen“, so Paal. Die IHKs stünden insbesondere Unternehmen, die neu in die Ausbildung einsteigen wollen, mit Beratung und konkreter Unterstützung zur Seite. Zugleich müssten Politik, Schulen, Wirtschaft und Kammern gemeinsam daran arbeiten, Jugendliche und Betriebe besser zusammenzubringen.
Berufsorientierung an allen Schulen
Eine zentrale Forderung des BWIHK richtet sich an die Landespolitik: Ab dem kommenden Jahr muss eine flächendeckende Beratung zur beruflichen Bildung an allen Schulen ermöglicht werden. „Wir müssen jungen Menschen viel früher zeigen, welche Chancen eine Ausbildung bietet – und zwar unabhängig davon, welche Schule sie besuchen“, fordert Paal. „Informationen über Ausbildung, Studium und berufliche Karrierewege gehören gleichberechtigt an alle Schulen. Dafür brauchen auch die Akteure der beruflichen Bildung einen verlässlichen Zugang.“ Berufsorientierung müsse zudem praxisnäher werden. Schülerinnen und Schüler sollten frühzeitig Unternehmen und Berufsbilder kennenlernen und eigene praktische Erfahrungen sammeln können.
Berufsstartkompetenzen und Berufsschulen stärken
Handlungsbedarf sieht der BWIHK auch bei den Voraussetzungen für einen erfolgreichen Berufsstart. Unternehmen berichten insbesondere von Defiziten bei Basis- und Berufsstartkompetenzen.
Der BWIHK fordert deshalb:
- Talentorientierte Berufsorientierung an allen Schularten stärken und eine flächendeckende Beratung zur beruflichen Bildung ermöglichen
- Deutsch und Mathematik sowie weitere Berufsstartkompetenzen stärker fördern
- berufliche und akademische Bildung als gleichwertig behandeln
- mehr praktische Erfahrungen und Kontakte zu Unternehmen während der Schulzeit ermöglichen
- Berufsschulen modern und bedarfsgerecht ausstatten
- Ausbildungsbetriebe und Berufsschulen von unnötiger Bürokratie entlasten
KI-Agenda des Landes zügig umsetzen
„Wir können es uns angesichts des demografischen Wandels nicht leisten, junge Menschen auf dem Weg in den Beruf zu verlieren“, sagt Paal. „Wir brauchen jetzt eine gemeinsame Kraftanstrengung für die duale Ausbildung.“ Dazu gehöre auch, die duale Ausbildung noch besser an die Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt anzupassen. Paal fordert deshalb, die KI-Zusatzqualifikation ‚Künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen‘ an Berufsschulen flächendeckend auszubauen und KI-Kompetenzen systematisch in der beruflichen Bildung zu verankern. Zugleich müsse die angekündigte KI-Agenda des Landes zügig umgesetzt werden. „Wir müssen alles dafür tun, dass die berufliche Bildung mit der dynamischen Entwicklung im Bereich Künstliche Intelligenz Schritt halten kann.“
Hintergrund:
- Die Zahlen der Ausbildungsverträge wurden zum Stichtag 26. August 2026 erhoben, minimale Veränderungen zum 1. September 2026 sind daher möglich.
- Claus Paal ist Vizepräsident des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertages (BWIHK) und Präsident der IHK Region Stuttgart.
- Die IHK Region Stuttgart ist innerhalb des BWIHK federführend für die Themen Berufliche Ausbildung und Fachkräfte.
Der Baden-Württembergische Industrie- und Handelskammertag (BWIHK) ist eine Vereinigung der zwölf baden-württembergischen Industrie- und Handelskammern (IHKs). In Baden-Württemberg vertreten die zwölf IHKs die Interessen von mehr als 650.000 Mitgliedsunternehmen. Zweck des BWIHK ist es, in allen die baden-württembergische Wirtschaft und die Mitgliedskammern insgesamt betreffenden Belangen gemeinsame Auffassungen zu erzielen und diese gegenüber der Landes-, Bundes- und Europapolitik sowie der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) und anderen Institutionen zu vertreten.
PM Baden-Württembergischer Industrie- und Handelskammertag