Als die Jünger Jesu vor rund zweitausend Jahren darüber stritten, wer von ihnen wohl der Größte und Wichtigste sei, taten sie etwas zutiefst Menschliches. Sie dachten in den Kategorien ihrer Zeit: Macht, Status, Hierarchie und Leistung. Die Antwort, die sie erhielten, war jedoch eine radikale Absage an dieses Denken. Jesus rief ein Kind herbei, stellte es in ihre Mitte und erklärte: Wer nicht umkehrt und wird wie die Kinder, wird nicht in das Himmelreich gelangen. (Mt 18,3)
Diese Szene ist weit mehr als eine rührende Anekdote. Sie ist eine gesellschaftspolitische Revolution im Miniformat. In der antiken Welt besaßen Kinder keinerlei Rechte, keine Stimme und kaum gesellschaftlichen Wert. Indem Jesus das Kind aus der Unsichtbarkeit holte und ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückte, vollzog er einen radikalen Perspektivwechsel. Er machte das vermeintlich Schwächste zum Maßstab für das Größte.
Genau in dieser Bewegung liegt die tiefe Verbindung zum heutigen Weltkindertag. Der 1954 von der UN-Vollversammlung eingeführte Tag der Kinderrechte holt die Kinder aus der Peripherie des Erwachsenenalltags direkt in die Mitte der Gesellschaft. In einer Welt, die von wirtschaftlichen Interessen, geopolitischen Konflikten und dem Streben nach Macht dominiert wird, setzt der Weltkindertag eine notwendige Zäsur. Er zwingt uns dazu, innezuhalten und auf unsere Kinder zu schauen und darauf, welche Stärken sie haben und wo sie Unterstützung brauchen, um eben diese zu entwickeln.
„Starke Kinder, starke Zukunft“, so lautet das Motto des diesjährigen Weltkindertages, das in vielen Veranstaltungen, auch hier im Landkreis, auf die Rechte von Kindern und Jugendlichen eingeht. Im Fokus steht dieses Jahr besonders die mentale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen angesichts der rasant zunehmenden Digitalisierung, der Herausforderungen durch KI und den großen Einfluss der sozialen Medien. Mehr denn je ist es heute wichtig, Kinder gerade in diesen Bereichen zu stärken, sie in ihrer Urteilskraft zu fördern, Werte zu vermitteln und sie vor Manipulation zu schützen. Ebenso wichtig ist es, die Kinder selbst zu fragen, worin sie ihre Stärke sehen und was sie brauchen, um sich stark zu fühlen.
Unsere Kinder sind unsere Zukunft. Die Aufgabe der Politik, der Bildungsträger, der Gesellschaft und aller Eltern ist es, Kindern und Jugendlichen zur Seite zu stehen und alles zu tun, um sie stark zu machen für eine Zukunft, die wir uns alle erhoffen und wünschen: Eine Zukunft in der das Miteinander im Kleinen wie im Großen geprägt ist von Respekt, Vertrauen, Mitmenschlichkeit und Frieden.
Elke Lang
Seelsorgerin bei Menschen mit Behinderung, Dekanat Göppingen-Geislingen