Fachtag zum Thema Aufarbeitung sexualisierte Gewalt in Stuttgart

Beim Fachtag des Familienbunds kamen Betroffene, Politiker:innen, Aufarbeitende und Vertreter:innen der Medien zusammen, um gemeinsam auf das Thema sexualisierte Gewalt in Institutionen wie Kirche und Sport zu schauen und zu diskutieren, was es für eine gelingende Aufarbeitung braucht.

Am Samstag, 20. Juni 2026 fand in Stuttgart der Fachtag „Aufarbeitung ist der Schlüssel zur Gerechtigkeit“ statt. Eingeladen hatte der Familienbund der Katholiken Landesverband Baden-Württemberg mit dem Ziel, aus verschiedenen Perspektiven auf das Thema sexualisierte Gewalt in Institutionen wie Kirche und Sport sowie die Aufarbeitung zu schauen. Teilnehmende aus mehreren Bundesländern und Diözesen sind der Einladung nach Stuttgart gefolgt.

„Unsere Idee war es, Betroffene, Politiker:innen, Aufarbeitende und Vertreter:innen der Medien zusammenzubringen, um gemeinsam über den Stand der Aufarbeitung in Baden-Württemberg nachzudenken. Und ich denke, dass der Fachtag dies sehr gut erfüllen konnte“, so der Landesvorsitzende des Familienbundes der Katholiken, Karlheinz Heiss.

Vielfalt war angesagt bei den Vorträgen, mit denen der Tag in Stuttgart-Degerloch begann. Dr. Lena Hofer, Wissenschaftstheoretikerin aus München, referierte über Begriffe im Kontext von organisierter sexualisierter und systematischer Gewalt, Prof. Dr. Jörg Eisele, Professor für Strafrecht an der Universität Tübingen, stellte in seinem Vortrag die Entwicklung des Sexualstrafrechts in Deutschland vor. Prof. Dr. Timo Stiller, Sportwissenschaftler an der PH Schwäbisch Gmünd, schilderte aus der Sicht des Sports, wie sich aus dem Blick auf den Nationenmedaillenspiegel bei Olympia ein mitunter zerstörerischer Druck auf Sportfunktionäre und Athlet:innen aufbaut.

Wie ist die persönliche Einschätzung des Stands der Aufarbeitung in den Kirchen und im Sport?

Der Nachmittag führte die Teilnehmenden in einen intensiven Austausch mit vier Betroffenen: Michelle Timm, die immer wieder die Aufarbeitung am Kunstturnforum in Stuttgart kritisiert; Raphael Hildebrandt, der Missbrauch durch einen katholischen Priester erleiden musste; Detlev Zander, Heimkind in Korntal und Sprecher der Betroffenenvertretung im Beteiligungsforum der Evangelischen Kirche Deutschland und der Diakonie Deutschland; Rolf Fahnenbruck, Betroffener im Umfeld der Katholischen Kirche.

Im abschließenden Podiumsgespräch wurde diskutiert, wie Aufarbeitung der Schlüssel zur Gerechtigkeit sein kann. Auf dem Podium saßen Thomas Poreski, stellvertretender Fraktionsvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen im Landtag, Miriam Hesse, Journalistin, Detlev Zander, Prof. Dr. Timo Stiller und Prof. Dr. Jörg Eisele, der seine Expertise auch als Co-Vorsitzender der Aufarbeitungskommission in der Diözese Rottenburg-Stuttgart einbrachte.

Damit aus der Aufarbeitung Gerechtigkeit erwachsen kann, ist für Prof. Eisele zentral, dass die entscheidende Person die Verantwortung trägt und die Empfehlungen der Aufarbeitungskommission auch umsetzt. Das ist auch Prof. Stiller mit Blick auf den Spitzensport ein Anliegen: „Wer Macht hat, muss Verantwortung übernehmen“ und dazu brauche es in erster Linie Menschen mit Haltung. Auf die Frage, welche Verantwortung die Politik in diesem Zusammenhang übernehmen könne, stellt Thomas Poreski in Aussicht, die Netzwerke Kinderschutz landesweit auszurollen sowie die Qualitätssicherung in den Jugendämtern voranzutreiben. Das Thema Aufarbeitung sei jedoch bislang nur im Bereich der staatlichen Heimerziehung angegangen worden, andere Bereiche wie Schule lägen noch brach. Hier aktiv zu werden, so die Journalistin Miriam Hesse, müsste von den Medien und der Öffentlichkeit viel stärker eingefordert werden. Stattdessen beobachte sie ein „gesamtgesellschaftliches Ausblenden“ des Themas, sobald die jeweiligen Skandale abgeebbt seien.

„Für mich ist klar, dass mit diesem Fachtag ein Tor weit aufgemacht wurde, um die wichtigsten Player bei der Aufarbeitung an einen Tisch zu bringen. Podiumsgäste wie auch Teilnehmende konnten voneinander lernen und sich zugleich für die Weiterarbeit vernetzen“, so die Geschäftsführerin des Landesverbands, Dr. Lucia
Gaschick. „Die Aussagen der Teilnehmenden und der Expert:innen hierzu waren eindeutig“, resümiert Landesvorsitzender Heiss: „Der Austausch ist noch nicht die Aufarbeitung; aber wenn Aufarbeitung fruchtbar werden soll, dann ist dies die Grundlage.“

Der Wunsch der Teilnehmenden war, an diesem Thema und am Format weiterzuarbeiten. Die Veranstalter versichern, dass der nächste Fachtag für 2028 geplant ist.

Der Landesverband Baden-Württemberg des Familienbundes der Katholiken setzt sich zusammen aus den Diözesanverbänden Freiburg und Rottenburg-Stuttgart. Er ist einer von 11 Landesverbänden in Deutschland und gehört überdies dem Bundesverband des Familienbunds der Katholiken an. Der Verband versteht sich als „Stimme der Familien“ – als Interessenvertretung aller Familien in Gesellschaft, Politik und Kirche. Die Rahmenbedingungen für Familien müssen nach Ansicht des Familienbundes so gestaltet sein, dass jede Familie – unabhängig von ihrer jeweiligen Ausprägung – bestmöglich gelingen kann.

Foto (Familienbund) v.l.n.r.: Detlev Zander, Thomas Poreski MdL, Moderator Christoph Weinmann, Miriam Hesse, Prof. Dr. Jörg Eisele, Prof. Dr. Timo Stiller

 

PM Familienbund der Katholiken in der Erzdiözese Freiburg

Permanentlink zu diesem Beitrag: https://filstalexpress.de/soziales/208821/fachtag-zum-thema-aufarbeitung-sexualisierte-gewalt-in-stuttgart/

Schreibe einen Kommentar