Sonntagsgedanken: Wer sieht mich? Ohne Rechnung, aber nicht umsonst.

Als Jesus die vielen Menschen sieht, „hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren müde und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten haben“ (Mt 9,36). Dieses Evangelium vom Sonntag klingt erstaunlich aktuell. Viele Menschen kennen dieses Gefühl aus ihrem Leben. Menschen sind erschöpft: von Krisen, schlechten Nachrichten, steigenden Kosten. Sie kennen es auch aus der Arbeitswelt: hoher Druck, knappe Zeit, Personalmangel, ständige Erreichbarkeit, steigende Erwartungen. Man soll funktionieren, liefern, erreichbar sein, freundlich bleiben. Und manchmal bleibt die Frage: Wer sieht mich? Wer hört mir zu? Wer oder was bleibt, wenn ich nicht leisten kann?

Jesus sieht zuerst die Not. Er sieht nicht Zahlen, Rollen oder Funktionen, sondern Menschen. Und dann ruft er seine Jünger beim Namen. Keine perfekten Fachkräfte, keine religiösen Spitzenleute, sondern konkrete Menschen mit Stärken und Grenzen. Ihnen vertraut er seine Sendung an: aufzurichten, zu heilen, Frieden zu bringen, dem Leben zu dienen.

Ein entscheidender Satz dabei lautet: „Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben.“ (Mt 10,8). Das ist keine Aufforderung, sich ausbeuten zu lassen. Es ist eine Aufforderung zur geistlichen Freiheit. Nicht alles im Leben darf nach Kosten-Nutzen-Rechnung laufen. In der Arbeitswelt ist vieles notwendig an Leistung, Verantwortung, Lohn und Gegenleistung gebunden. Aber der Mensch ist mehr als seine Funktion. Kollegialität, Geduld, ein gutes Wort, Zeit für Gespräche, Fairness und Vertrauen lassen sich nicht einfach abrechnen. Und doch tragen sie eine Gemeinschaft.

Können wir geben, ohne ständig zu zählen? Ohne sofort zu fragen: Was bringt mir das? Wer sieht es? Bekomme ich Anerkennung zurück? Vielleicht lässt die Zusage Gottes zur Freiheit uns innerlich mehr frei werden, sodass wir nicht mehr nur sagen: Wenn du mir gibst, gebe ich dir auch. Sondern: Ich gebe gern, weil ich selbst beschenkt bin – und Du es brauchst.

Das verändert auch den Arbeitsplatz. Es macht uns nicht naiv, aber menschlicher. Wir müssen keine Angst haben, immer der Dumme zu sein, wenn wir helfen, teilen, ermutigen oder Verantwortung übernehmen. Wer aus Gottes Zusage lebt, gewinnt neuen Spielraum. Er kann Grenzen setzen und einfordern – und dennoch großzügig bleiben.

Die Namen der Apostel erinnern uns: Jesus ruft konkrete Menschen. Heute dürfen wir vielleicht unsere eigenen Namen einsetzen. Wir alle sind gerufen: im Büro, in der Werkstatt, im Betrieb, in Pflege, Schule, Verwaltung und Familie.

Umsonst geben heißt dabei nicht wertlos geben. Es heißt: aus Liebe geben. Genau darin wird Gottes Reich sichtbar. In und durch uns.

Wer sieht mich? Ohne Rechnung, aber nicht umsonst.

 

Norbert Köngeter, Stadtdiakon und Betriebsseelsorger

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