Pfingsten gehört für mich zu den faszinierendsten Festen im Kirchenjahr. Vielleicht, weil es so überraschend aktuell ist.
Die biblische Geschichte erzählt von Menschen, die verunsichert sind. Die Jünger ziehen sich zurück. Sie wissen nicht, wie es weitergeht. Und dann kommt plötzlich Bewegung hinein: Wind. Feuer. Begeisterung. Neue Kraft. Menschen fangen an zu reden – und das Erstaunliche ist: Andere verstehen sie. Jeder hört die Botschaft in seiner eigenen Muttersprache.
Mich berührt das. Denn oft erleben wir heute eher das Gegenteil. Menschen sprechen dieselbe Sprache – und verstehen sich trotzdem nicht. In Familien wird aneinander vorbeigeredet. In politischen Debatten wird sofort bewertet statt zugehört. In sozialen Medien wird oft mehr geschrien als gesprochen.
Pfingsten erzählt von einer anderen Möglichkeit. Nicht davon, dass plötzlich alle einer Meinung sind. Sondern davon, dass echtes Verstehen möglich wird. Dass Menschen einander zuhören. Dass Unterschiede nicht trennen müssen.
Und vielleicht ist genau das heute so dringend nötig: weniger Rechthaben und mehr echtes Interesse am anderen. Mehr Fragen als vorschnelle Urteile. Mehr Zuhören.
Pfingsten erzählt außerdem davon, dass neue Kraft entstehen kann, wo Menschen mutlos geworden sind. Wir erleben gerade so manche Unsicherheit: Kriege, gesellschaftliche Spannungen, Zukunftsängste, persönliche Sorgen. Die Jünger damals kannten dieses Gefühl auch. Doch sie bleiben nicht in ihrer Angst sitzen. Sie gehen wieder hinaus ins Leben.
Ich mag diesen Gedanken: Gottes Geist macht Menschen nicht perfekt. Aber er macht mutig. Offen. Lebendig. Vielleicht beginnt Pfingsten genau dort – wo Menschen einander wieder zuhören, wo neue Hoffnung wächst und wo wir spüren: Wir müssen diese Welt nicht allein tragen.
Pfarrerin Meike Zyball
Pfarramt Johanneskirche
Evangelische Emmauskirchengemeinde Holzheim- Schlat