Schwäbisch Gmünd ist bekannt für Gold, Silber und Schmuck. Doch ein Kapitel der Stadtgeschichte geriet über Jahrzehnte in den Hintergrund: die Glasindustrie. Eine Branche, die nach dem Zweiten Weltkrieg Menschen Arbeit, Identität und Zukunft gab – und später fast lautlos verschwand. Einer, der diese Leerstelle nicht akzeptierte, ist Alfred Brandner. Glasmacherjunge von 1967, später Rettungsassistent, Seemann, Erfinder, Dozent. Und vor allem: Bewahrer einer Tradition, die drohte, vergessen zu werden.
Aufbau einer Industrie – und ihr stiller Abschied
Die Wiesenthaler Glashütte wurde 1952 errichtet. Das Richtfest markierte den Beginn einer neuen industriellen Ära. Die ersten Schmelzöfen gingen in Betrieb, die Produktion lief im Akkord. In den 1970er‑Jahren wurde die Hütte in das Großunternehmen Schott integriert und von Dr. Klaus bis zur Schließung 1989 geleitet. Viele der Beschäftigten waren Heimatvertriebene aus Gablonz, die in Gmünd eine neue berufliche Heimat fanden. Die Glasindustrie war mehr als ein Gewerbe – sie war ein soziales Gefüge, ein kultureller Anker.
Mit dem Ende der 1980er‑Jahre erloschen die Öfen. Die Hallen wurden abgerissen, die Formen verrotteten. Wo einst Glas entstand, stehen heute Baumärkte und Kindergärten. Die Stadt wandte sich anderen Themen zu. Die Glasgeschichte geriet in Vergessenheit.
Ein Jugendlicher in der Hitze der Öfen
1967 betrat der fünfzehnjährige Alfred Brandner die Wiesenthalhütte. Fünf Uhr morgens, keine Einweisung, keine Schonfrist. Nur Hitze, Rhythmus und Verantwortung. Er begann als Einträger, arbeitete sich über Jahre zum Einbläser hoch – der Königsdisziplin des Handwerks. Die Arbeit war hart, präzise, gemeinschaftlich. „Wenn einer nicht funktionierte, verdienten alle kein Geld“, erinnert sich Brandner. Die Hütte war Arbeitswelt und Lebensschule zugleich.
Es sind die kleinen Geschichten, die diese Zeit lebendig machen: Nächte, in denen Brandner nach der Disco nicht nach Hause ging, sondern an die Tür der Glashütte klopfte. Der Nachtheizer ließ ihn hinein. Um fünf Uhr begann die Schicht. Eine Jugend zwischen Hitze, Verantwortung und Zusammenhalt.
Originalstücke aus einer verschwundenen Welt
Heute besitzt Brandner noch mehrere Glasprodukte aus jener Zeit – Originalstücke, die Ende der sechziger Jahre unter seinem eigenen Mitwirken gefertigt wurden. Es sind filigrane, mundgeblasene, aber auch formgepresste Arbeiten, die die Präzision und den Rhythmus der damaligen Produktion sichtbar machen. Diese Objekte sind mehr als Erinnerungen: Sie sind Belege einer industriellen Kultur, die in Schwäbisch Gmünd einst Alltag war und heute fast musealen Charakter hat. Ihre Existenz verleiht Brandners Erzählungen eine besondere Authentizität – sie sind greifbare Zeugnisse einer Epoche, die sonst nur noch in Archiven und Erzählungen existiert.
Die Recherchejahre – und ein Moment im Rathaus
Ab 2020 spürte Brandner immer deutlicher, wie wenig in der Stadt an die Glasindustrie erinnerte. Während Gmünd international als Gold‑ und Silberstadt glänzte, blieb die Glasgeschichte im Schatten. Brandner begann zu recherchieren. Er sammelte Dokumente, sichtete alte SDR‑Filme, sprach mit Zeitzeugen, durchforstete Archive und Museen. Er schrieb – hartnäckig und unbeirrbar.
2023 erschien sein Text „Der Glasmacher“ im Einhornjahrbuch und im Filstalexpress. Die Autoreneinladung im Rathaus wurde zu einem Wendepunkt. Brandner präsentierte seine Geschichte dort, wo sonst politische Entscheidungen fallen. Die Zuhörer sahen Hitze, Rhythmus und Arbeitslieder vor sich – eine Welt, die verschwunden war. Viele reagierten mit Rührung und Dankbarkeit. Es war ein Moment, in dem ein Stück Stadtgedächtnis zurückkehrte.
Ein Fernsehteam, alte Filme – und ein Satz, der berührt
Kurz darauf drehte der SWR die Reportage „Die vergessene Glasstadt Schwäbisch Gmünd“. Gedreht wurde in Brandners Wohnung, im Glasmuseum im Prediger und an ehemaligen Glashüttenstandorten. Als Brandner alte SDR‑Filme sah, erkannte er seinen Meister, Kollegen, die Hallen und Öfen. „Da haben Sie mir aber schöne Erinnerungen mitgebracht“, sagte er in Richtung Regie. Ein Satz, der viele Zuschauer berührte – und die Bedeutung dieser fast vergessenen Industrie sichtbar machte.
Die Reportage zeigte: Schwäbisch Gmünd war einst eine Hochburg der Glasmacherkunst. Die Gablonzer fanden hier Arbeit und Würde. Die Glasindustrie prägte Identität und Gemeinschaft. Und heute erinnert nur wenig daran.
Die Glut im Prediger – und die Rückkehr der Erinnerung
Im Museum im Prediger wurde die neue Abteilung „Glas & Schmuck“ eröffnet. Vasen, Stangenglas, filigrane Trinkgläser und Modeschmuck – alles hergestellt in Schwäbisch Gmünd. Eine 97‑jährige Besucherin, Tochter eines Gablonzer Schmuckmachers, sagte: „Das finde ich wunderschön, dass die Erinnerung daran erhalten bleibt.“ Brandner sah die Stücke seiner Jugend und sagte: „Das ist eine wirkliche Bereicherung.“
Ein Mann, der die Glut bewahrt
Vielleicht ist das die eigentliche Geschichte: Nicht die verschwundenen Hütten, nicht die stillen Zeitungen, nicht einmal die Fernsehkameras. Sondern ein Mann, der sagt: „Das hier gehört zu uns.“ Und der dafür sorgt, dass eine Stadt ein vergessenes Kapitel ihrer Identität wieder wahrnimmt.
Alfred Brandner – Zeitzeuge, Autor, Bewahrer der Glasmachertradition Schwäbisch Gmünd