Leichtjet oder mittelgroßes Flugzeug? Vergleichen Sie die Anforderungen bei der Auswahl eines Privatflugzeugs für Kurzstreckenflüge von Deutschland in die Alpen. Für Reisende, die von Deutschland aus in den Süden fliegen, liegen die Alpen nah genug, sodass eine Flugreise naheliegend erscheint. Für Privatflieger ist die Wahl eines Flugzeugs für eine Alpenreise jedoch nicht einfach nur eine Frage des Jets mit der größten Reichweite oder der größten Kabine. Wann ist also ein Leichtjet sinnvoll, und wann lohnt es sich, auf eine mittelgroße Kabine umzusteigen?
Bei einem Alpenflug ist zusätzliche Reichweite oft Reichweite, die man nicht nutzt
Nehmen wir den Embraer Phenom 300E, einen modernen Leichtjet. Er hat eine angegebene Reichweite von 2.010 Seemeilen bzw. 3.723 Kilometern bei fünf Passagieren unter festgelegten Bedingungen. Seine maximale Reisegeschwindigkeit beträgt 464 Knoten, was etwa 859 km/h entspricht.
Vergleichen Sie das mit der mittelgroßen Embraer Praetor 500E. Ihre angegebene Reichweite steigt bei vier Passagieren deutlich auf 3.340 Seemeilen bzw. 6.186 Kilometer. Ihre Höchstgeschwindigkeit liegt mit Mach 0,83 etwas höher.
Bei Kurzstreckenflügen macht diese zusätzliche Reichweite jedoch keinen nennenswerten Unterschied.
Für jemanden, der mit einem Privatjet von Deutschland zu Zielen in Österreich oder der Schweiz reist, bieten beide Flugzeuge deutlich mehr Reichweite, als die Reise erfordert. Der Wechsel in die Mittelklasse nur um der zusätzlichen Flugreichweite willen bringt daher auf einer kurzen Strecke über die Alpen relativ wenig Vorteil.
Stattdessen hängt die Entscheidung zunehmend davon ab, was im Inneren des Flugzeugs geschieht – und wo es landen muss.
Sechs Passagiere und Skier können die Gleichung verändern
Die Kapazität eines Flugzeugs sollte nicht mit der Komfortkapazität verwechselt werden.
Die Phenom 300E bietet je nach Konfiguration Platz für bis zu neun oder zehn Passagiere, ihre Standard-Passagierkonfiguration sieht jedoch sechs Plätze vor. Sie verfügt über ein Gesamtvolumen von 84 Kubikfuß (2,38 Kubikmeter) für Gepäck und Stauraum.
Für ein Paar, eine Familie oder eine kleine Gruppe, die für ein Wochenende in die Alpen reist, kann das mehr als ausreichend sein.
Das gilt jedoch nicht unbedingt für eine größere Gruppe, die mit Wintergepäck reist. Skiurlaube können neben gewöhnlichen Koffern auch sperrige Jacken, Stiefel, Helme und Ausrüstung mit sich bringen. Eine Geschäftsreise mit sechs Kollegen kann wiederum andere Anforderungen mit sich bringen, insbesondere wenn die Passagiere während des Fluges arbeiten möchten.
Hier bietet der Umstieg auf ein mittelgroßes Flugzeug einen spürbaren Vorteil.
Der Praetor 500E ist um eine sechs Fuß hohe Kabine mit ebenem Boden herum konzipiert, sodass die meisten Passagiere aufrecht stehen können, anstatt sich in gebückter Haltung durch die Kabine zu bewegen. Er bietet zudem eine voll ausgestattete Bordküche und eine separate Toilette.
Für einen Kurzflug mit drei Passagieren mögen diese Ausstattungsmerkmale unnötig sein. Bei einer Reisegruppe von sieben oder acht Personen kann das zusätzliche Kabinenvolumen jedoch einen größeren Unterschied ausmachen als die größere Reichweite.
Der Zielflughafen verdient ebenso viel Aufmerksamkeit wie das Flugzeug
Die Luftfahrt in den Alpen bringt einen weiteren Aspekt mit sich: den Flughafen selbst.
Einige der nützlichsten Flughäfen der Region liegen in anspruchsvollen Umgebungen. Der Flughafen Engadin in Samedan liegt auf 1.707 Metern über dem Meeresspiegel und ist der höchstgelegene Flughafen Europas. Er verzeichnet jährlich rund 15.000 Flugbewegungen und spielt eine wichtige Rolle bei der direkten Anbindung des Oberengadins an den Luftverkehr.
Die Flugzeugleistung ändert sich je nach Betriebsbedingungen. Start- und Landebahnlänge, Temperatur, Höhe, Wetter und Flugzeuggewicht müssen für jeden einzelnen Flug berücksichtigt werden. Diese Spezifikationen verdeutlichen, warum die einfache Wahl der größten verfügbaren Kabine nicht immer die richtige Lösung ist.
Auf Meereshöhe unter Standardbedingungen gibt Embraer für die leichte Phenom 300E bei maximalem Startgewicht eine Startstrecke von 978 Metern an. Für die größere Praetor 500E beträgt der entsprechende veröffentlichte Wert 1.287 Meter.
Mit anderen Worten: Der Wechsel zu einem größeren Flugzeug kann unterschiedliche Anforderungen an die Startbahn mit sich bringen.
Leichtjets sind die ideale Wahl für kleinere Gruppen
Für zwei bis fünf Passagiere, die von Deutschland in die Alpen reisen, bietet ein Leichtjet oft mehr Kapazität, als die Reise selbst erfordert.
Die Wahl eines Leichtjets bedeutet nicht zwangsläufig, bei der für eine kurze Europareise erforderlichen Leistung Kompromisse einzugehen. Für kleinere Gruppen bietet das kompaktere Flugzeug möglicherweise einfach eine bessere Übereinstimmung zwischen den Fähigkeiten des Flugzeugs und dem Einsatzzweck.
Es gibt jedoch Ausnahmen. Spezielles Gepäck, Anforderungen der Passagiere und der vorgesehene Flughafen können die Wahl des geeigneten Flugzeugs beeinflussen. Deshalb muss die Flugzeugauswahl für einen Flug in die Alpen auf der konkreten Reiseroute basieren und nicht allein auf der Kategorie.
Mittelgroße Flugzeuge kommen zum Zug, wenn es auf den Komfort ankommt
Das stärkste Argument für ein mittelgroßes Flugzeug auf diesen Strecken ist nicht, schneller in die Alpen zu gelangen, sondern der Komfort.
Vergleichen Sie die Kabine des Light-Jets Phenom 300E mit dem sechs Fuß hohen Innenraum mit ebenem Boden der Praetor 500E. Letzterer ist so konzipiert, dass sich die Passagiere natürlicher bewegen können, und bietet mehr Platz zum Arbeiten, Essen oder einfach zum Ausbreiten.
Je mehr Passagiere, desto wichtiger ist die Kabinengröße. Vier Führungskräfte, die von München zu einem Meeting fliegen, finden einen Light-Jet vielleicht völlig ausreichend. Sieben Kollegen, die gemeinsam von Frankfurt aus reisen, oder eine größere Familie, die mit umfangreichem Gepäck in die Alpen fliegt, könnten den zusätzlichen Platz eines mittelgroßen Flugzeugs jedoch als wesentlich wertvoller empfinden.
Auch hinsichtlich des Kabinenklimas kann es Unterschiede geben. Embraer gibt für die Praetor 500E eine Kabinenhöhe von 5.800 Fuß bei einer Reiseflughöhe von 45.000 Fuß an, während für die Phenom 300E eine maximale Kabinenhöhe von 6.600 Fuß angegeben wird.
Bei einem kurzen Flug dürfte dieser Unterschied allein kaum einen Wechsel der Flugzeugklasse rechtfertigen, doch er ist eines der Merkmale, die eine mittelgroße Kabine attraktiver machen können.
Manchmal lässt sich das beste Alpenflugzeug nicht eindeutig einer der beiden Kategorien zuordnen
Flugzeugkategorien an sich sind nicht absolut.
Die in der Schweiz gebaute Pilatus PC-24 ist ein gutes Beispiel dafür. Pilatus beschreibt sie als Kombination aus einer Kabine, die mit größeren Flugzeugen vergleichbar ist, und Kurzstart- und Landeeigenschaften, die eher mit kleineren Typen assoziiert werden.
Die aktuelle PC-24 verfügt über eine Kabine mit einem Volumen von 501 Kubikfuß, eine Reichweite von 2.000 Seemeilen mit sechs Passagieren und eine angegebene Startstrecke auf Meereshöhe von 940 Metern bei maximalem Startgewicht. Sie ist zudem für den Betrieb auf kurzen und sogar unbefestigten Start- und Landeflächen ausgelegt.
Diese Kombination verdeutlicht, warum die Auswahl eines Flugzeugs anhand einer einfachen Einstufung als „leicht“ oder „mittelgroß“ irreführend sein kann.
Insbesondere für den Flugbetrieb in den Alpen können die Start- und Landeleistung sowie die Eignung des Flughafens manchmal aussagekräftigere Auswahlkriterien sein als die herkömmliche Größenkategorie.
Wählen Sie das Flugzeug entsprechend der Reise
Für Kurzstreckenflüge von Deutschland in die Alpen bietet die Buchung eines größeren Flugzeugs keinen automatischen Vorteil.
Bei einer kleinen Gruppe und normalem Gepäck bietet ein moderner Light Jet ausreichende Reichweite und Geschwindigkeit sowie Leistungseigenschaften, die für kürzere Strecken geeignet sind.
Wenn die Passagierzahl steigt, das Gepäck sperriger wird oder Passagiere mehr Wert auf Stehhöhe in der Kabine und Arbeitsfläche legen, verschiebt sich das Gleichgewicht in Richtung mittelgroßer Flugzeuge. Das endgültige Reiseziel kann die Abwägung erneut verändern.
Abschließende Gedanken
Bevor Sie sich für ein Flugzeug entscheiden, sollten Sie überlegen, wie viele Personen mitreisen und was sie mitnehmen. Davon hängt ab, wie viel Platz sie in der Kabine benötigen. Ebenso müssen Sie berücksichtigen, welcher Flughafen am nächsten an ihrem Zielort liegt.
Bei einem kurzen Flug über die Alpen sind diese Faktoren wichtiger als die Wahl des Flugzeugs mit der größten Reichweite.
PM