Anlässlich des Tages der Kinderrechte am 20. September begrüßt ver.di Baden-Württemberg zwar die heute vom SWR vermeldete Schaffung von zusätzlichen Stellen in der Sprachförderung, auf die sich die Landesregierung geeinigt habe, als Schritt in die richtige Richtung. Die Situation vieler Kinder im Land bleibt kritisch: Sparmaßnahmen, Kürzungen in den kommunalen Haushalten, struktureller Personalmangel und Arbeitsbelastung bedrohen die verlässliche Versorgung von Kindern und Familien in Baden-Württemberg.
Das in der UN-Kinderrechtskonvention verbriefte Recht auf Bildung, Schutz und chancengleiche Entwicklung droht im Alltag vieler Einrichtungen in Baden-Württemberg unter die Räder zu geraten. Obwohl Kitas, Jugendämter, Schulsozialarbeit und soziale Beratungsstellen unverzichtbare Säulen der sozialen Daseinsvorsorge sind, sparen Land und Kommunen die soziale Infrastruktur zunehmend kaputt. Kürzungen bei Förderprogrammen, Haushaltssperren und unbesetzte Stellen führen dazu, dass Öffnungszeiten reduziert, Betreuungsangebote eingeschränkt und notwendige Hilfen für Familien verzögert werden.
Wie dramatisch die Lage ist, zeigt der aktuelle „Realitätscheck Soziale Arbeit 2026“ von ver.di. Die bundesweite wissenschaftliche Untersuchung – durchgeführt in Kooperation mit Prof. Dr. Nikolaus Meyer (Hochschule Fulda) und Prof. Dr. Yalçın Kutlu (Technische Hochschule Mannheim) – vermittelt ein klares Bild der Arbeitsrealität, das sich auch in den Kitas und Sozialen Diensten in Baden-Württemberg widerspiegelt:
• 88,9 Prozent der befragten Kita-Teams und 86,0 Prozent der Teams im Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD) arbeiten oft oder sehr häufig an ihrer persönlichen Belastungsgrenze.
• 91,0 Prozent der Kita-Teams und 86,0 Prozent der ASD-Teams müssen regelmäßig fachliche Abstriche bei ihrer Arbeit machen.
• 79,9 Prozent der Kita-Teams geben an, dass die Rechte und individuellen Entwicklungsbedürfnisse der Kinder nicht mehr vollständig verwirklicht werden können.
• 89,9 Prozent der Kita-Teams und 88,4 Prozent der ASD-Teams sehen dringenden Bedarf für mindestens einer zusätzlichen Stelle über den vorhandenen Stellenplan hinaus.
• 98,4 Prozent der Kita-Beschäftigten haben Sorge, ihren Beruf unter den derzeitigen Rahmenbedingungen nicht bis zum Renteneintrittsalter durchhalten zu können.
„Die Ergebnisse unseres Realitätschecks sind ein Alarmzeichen, das die Politik nicht ignorieren darf. Anstatt bei sinkenden Kinderzahlen Qualität aufzubauen, drohen an vielen Orten neue Sparrunden und Stellenstreichungen. Wir fordern die Landesregierung und die Kommunen auf, die Kürzungen zu stoppen und die vorhandenen Kapazitäten zur Qualitätssteigerung im System zu belassen. Am 26. September gehen wir bundesweit auf die Straße, um den Sozialstaat zu verteidigen – für gute Arbeit und die Rechte von Kindern“, so Jan Bleckert, Landesfachbereichsleiter für den öffentlichen Dienst bei ver.di Baden-Württemberg.
Wie verfehlt die Förder- und Finanzierungspolitik des Landes teilweise ist, zeigt sich auch an Detailregelungen wie der geplanten Neuausrichtung der Verwaltungsvorschrift „Fachdienst Sprache“. Statt eine verlässliche, auskömmlich finanzierte und unbefristete Sprachförderung an allen Kitas in Baden-Württemberg zu garantieren, setzt das Land auf befristete Drei-Jahres-Projekte, eine zu hohe Zahl zu betreuender Kitas pro Stelle (bis zu 20 Kitas pro Stelle) und Förderdeckel, die nicht einmal die Realkosten abdecken. Dies ist nur ein Beispiel von vielen, wie durch mangelnde Mittel Qualitätsstandards abgesenkt und Beschäftigte in befristete Unsicherheit gedrängt werden.
„In den Kitas erleben wir jeden Tag, was Sparmaßnahmen bedeuten: Wenn Kolleginnen und Kollegen fehlen, bleibt keine Zeit mehr für die individuelle Sprachbildung oder die individuelle Förderung von Kindern. Auch die uns anvertrauten Kinder mit besonderen Bedarfen bleiben auf der Strecke. Kinder brauchen dringend Verlässlichkeit und pädagogische Fachkräfte, die nicht dauerhaft am Limit arbeiten“, so Sabine Leber-Hoischen, Vorsitzende der Fachgruppe Erziehung, Bildung und Soziale Arbeit von ver.di Baden-Württemberg.
„Auch in den Jugendämtern und den Allgemeinen Sozialen Diensten im Land ist die Belastungsgrenze überschritten. Wenn bei den sozialen Dienstleistungen gekürzt wird, gerät der Kinderschutz in Gefahr. Wir fordern eine verbindliche Personalbemessung und die volle Ausfinanzierung der sozialen Arbeit“, ergänzt Ariane Raad, ver.di Baden-Württemberg.
Am Samstag, dem 26. September 2026, ruft der DGB mit seinen Mitgliedsgewerkschaften zu einem bundesweiten Aktionstag auf. Auch in Stuttgart und Freiburg wird es Demonstrationen geben.
ver.di Baden-Württemberg fordert alle Beschäftigten aus dem Sozial- und Erziehungsdienst, Eltern, Wohlfahrtsverbände sowie Bürger:innen auf, gemeinsam für die Rechte der Kinder und gegen den Sozialabbau auf die Straße zu gehen.
PM ver.di Landesbezirk Baden-Württemberg