Als langjähriger Einsatztrainer, Rettungsdienstprofi und Ausbilder im Bereich Gewaltprävention stelle ich eine Frage, die in der aktuellen Qualitätsdebatte nicht länger umgangen werden sollte:
Waren Sie selbst bereits in realen Einsatzsituationen, in denen innerhalb von Sekunden unter massivem Stress, bei unklarer Lage, Aggression, Angst und unmittelbarer Gefährdung entschieden werden musste?
Waren Sie in Situationen, in denen nicht der nächste technische Ablauf einer Kampfkunst gefragt war, sondern Menschenleben, Patienten, Teammitglieder und die eigene Sicherheit gleichzeitig geschützt werden mussten?
Diese Fragen sind weder Provokation noch persönliche Abwertung. Sie sind eine fachlich notwendige Abgrenzung.
Denn zwischen sportlicher Kompetenz und einsatzpraktischer Handlungskompetenz besteht ein erheblicher Unterschied.
Sportliche Graduierungen – anerkennenswert, aber kein Kompetenznachweis für den Einsatz
Hohe Dan- und Meistergraduierungen im Kampfsport verdienen Respekt. Sie dokumentieren jahrelanges Training, Disziplin, technisches Können und persönliche Ausdauer.
Aber sie dokumentieren keine Einsatzkompetenz.
Ein Meistergrad sagt zunächst etwas über die Beherrschung eines sportlichen Systems aus. Er sagt nicht automatisch aus, ob jemand in einer realen Bedrohungslage in der Lage ist,
- unter extremem Stress handlungsfähig zu bleiben,
- eine dynamische Lage innerhalb von Sekunden richtig einzuschätzen,
- Menschen in psychischen Ausnahmesituationen zu erreichen,
- Konflikte zu deeskalieren,
- Gefahren für Patienten, Kollegen und sich selbst zu erkennen,
- rechtssichere Entscheidungen zu treffen,
- oder innerhalb eines Einsatzteams taktisch und professionell zu handeln.
Eine Graduierung auf der Matte ist deshalb kein Ersatz für Erfahrung im Einsatz.
Wer beides gleichsetzt, vermischt zwei völlig unterschiedliche Kompetenzbereiche.
Einsatz ist kein Training
Im Dojo gibt es einen entscheidenden Unterschied zur Realität:
Im Training weiß man, dass trainiert wird. Im Einsatz weiß man nicht, was als Nächstes passiert.
Es gibt keine abgesprochenen Abläufe, keinen Trainingspartner, der auf das richtige Signal reagiert, keine sichere Trainingsumgebung und keinen vorhersehbaren Gegner.
In realen Einsatzlagen treffen Rettungskräfte auf Angst, Schmerz, Verwirrtheit, psychische Ausnahmesituationen, Alkohol- und Drogeneinfluss, Aggression, unübersichtliche Umgebungen und teilweise lebensbedrohliche Gefahren.
Dann entscheidet sich, ob jemand tatsächlich handlungsfähig ist.
Nicht auf der Matte. Nicht bei einer Prüfung. Sondern in der Realität.
Einsatztrainerwissen entsteht durch Einsatz – nicht durch Graduierung
Aus meiner langjährigen beruflichen Erfahrung ist für mich deshalb eindeutig:
Einsatztrainerwissen kann man nicht allein aus einem Kampfsportsystem ableiten.
Es entsteht durch praktische Erfahrung, wiederholte Konfrontation mit realen Einsatzlagen und die professionelle Aufarbeitung dieser Erfahrungen.
Dazu gehören unter anderem:
- Erfahrung mit realen Bedrohungs- und Konfliktlagen,
- Stressstabilität und situative Wahrnehmung,
- Gefahren- und Lageeinschätzung,
- psychologische Kompetenz im Umgang mit Menschen in Krisen,
- Kommunikation unter Extrembedingungen,
- Deeskalation,
- rechtssichere Entscheidungsfindung,
- operative Kenntnisse des Rettungsdienstes,
- Teamkommunikation und taktisches Verhalten,
- sowie die Fähigkeit, auch unter hohem Zeitdruck verantwortungsvoll zu handeln.
Keine dieser Kompetenzen wird automatisch durch einen schwarzen Gürtel oder einen hohen Dan-Grad erworben.
Die Realität lässt sich nicht simulieren
Ich habe in meinen beruflichen Einsätzen – im Rettungsdienst, in Konfliktlagen und auch in internationalen Krisenregionen – erlebt, wie schnell eine scheinbar kontrollierbare Situation eskalieren kann.
In solchen Situationen zählt nicht, wer die technisch schönste Bewegung beherrscht.
Es zählt,
- wer Gefahren rechtzeitig erkennt,
- wer einen Menschen trotz Aggression erreicht,
- wer die Situation deeskalieren kann,
- wer seine Position richtig wählt,
- wer sein Team nicht gefährdet,
- wer unter Stress einen klaren Kopf behält,
- und wer innerhalb von Sekunden eine professionelle und ethisch vertretbare Entscheidung trifft.
Das ist Einsatzkompetenz.
Und genau diese Kompetenz muss vermittelt werden, wenn Menschen für reale Bedrohungslagen im Rettungswesen ausgebildet werden sollen.
Wer Einsatzkräfte ausbildet, muss die Einsatzrealität kennen
Hier liegt für mich der entscheidende Punkt:
Wer Rettungskräfte für reale Bedrohungslagen ausbildet, sollte selbst wissen, wie sich reale Bedrohungslagen anfühlen und entwickeln.
Theoretisches Wissen, sportliche Erfahrung oder Lehrgänge können wertvolle Ergänzungen sein.
Sie können jedoch keine persönliche Einsatzerfahrung ersetzen.
Es reicht nicht, über Stress, Aggression, Gewalt oder Deeskalation zu sprechen. Man muss verstehen, wie Menschen unter tatsächlichem Einsatzstress reagieren, wie schnell Wahrnehmung und Kommunikation versagen können und welche Konsequenzen falsche Entscheidungen haben.
Kampfsport und Einsatzkompetenz sind komplementär – aber nicht austauschbar
Ich stelle den Wert des Kampfsports ausdrücklich nicht infrage.
Im Gegenteil: Kampfsport kann für Rettungskräfte wertvolle Elemente liefern – beispielsweise Körperbeherrschung, Distanzgefühl, Reaktionsfähigkeit, Selbstkontrolle und Training unter Druck.
Aber:
Kampfsport ist ein Baustein. Einsatzkompetenz ist ein eigenes Fachgebiet.
Beides darf nicht miteinander verwechselt werden.
Ein schwarzer Gürtel ist ein Nachweis sportlicher beziehungsweise systembezogener Ausbildung.
Einsatzerfahrung ist ein Nachweis dafür, dass jemand bereits mit der Realität konfrontiert war, auf die er andere vorbereiten will.
Wer diese Unterschiede verwischt, schafft keine höhere Qualität – sondern ein falsches Sicherheitsgefühl.
Eine unbequeme, aber notwendige Frage
Deshalb sollte sich jeder, der Selbstverteidigung oder Gewaltprävention für Rettungskräfte anbietet, selbstkritisch fragen:
Welche reale Einsatzkompetenz bringe ich tatsächlich mit?
Nicht:
„Welchen Dan habe ich?“
Nicht:
„Wie lange trainiere ich schon?“
Nicht:
„Wie viele Lehrgänge habe ich besucht?“
Sondern:
„Welche realen Situationen habe ich selbst erlebt, ausgewertet und daraus gelernt – und bin ich dadurch tatsächlich qualifiziert, Einsatzkräfte auf genau diese Realität vorzubereiten?“
Das ist die entscheidende Frage.
Schlussbemerkung
Die aktuelle Diskussion darf deshalb nicht auf die Frage reduziert werden, ob Kampfsport wertvoll ist. Natürlich ist er wertvoll.
Die eigentliche Frage lautet:
Reichen sportliche Qualifikationen allein aus, um Menschen auszubilden, die in hochdynamischen und potenziell lebensbedrohlichen Einsatzsituationen Verantwortung tragen?
Aus meiner Sicht als Einsatztrainer ist die Antwort eindeutig:
Nein.
Wer Einsatzkräfte auf reale Bedrohungslagen vorbereitet, braucht mehr als technische Fertigkeiten und sportliche Graduierungen.
Ohne reale Einsatzerfahrung in Eigenverantwortung fehlt ein wesentlicher Bestandteil der Einsatzkompetenz.
Und genau darüber muss in der Branche offen, ehrlich und ohne falsche Rücksicht gesprochen werden.
Alfred Brandner