Am Montag geht die Schule wieder los. Viele blicken diesem Termin mit ambivalenten Gefühlen entgegen. Wenn es nach meinem damaligen Lateinlehrer ginge, müsste man eigentlich dankbar sein. Sein Standardsatz war: „Non scolae sed vitae discimus.“ – „Nicht für die Schule, sondern fürs Leben lernen wir.“ Dabei war es gerade das Fach Latein, das am Wahrheitsgehalt dieses Satzes Zweifel aufkommen ließ: Was um alles in der Welt hat man im Leben davon, wenn man weiß, dass „Leben“ hier im Dativus commodi steht, dem Dativ des Vorteils?
Inzwischen hat mich die Erfahrung gelehrt: Nach Schule und Berufsausbildung kommt die Schule des Lebens. Und hier zeigt sich, was sich wirklich bewährt. Vor allem aber stellt sich heraus: das Lernen geht weiter. Schon die Bibel spricht von lebenslangem Lernen. „Gib dem Weisen, so wird er noch weiser werden; lehre den Gerechten, so wird er in der Lehre zunehmen.“ (Sprüche 9,9) Der Bibel geht’s dabei allerdings nicht um Lateinvokabeln, Zahlen und Fakten, sondern um Weisheit, also die Fähigkeit ein gutes Leben zu führen, ein Leben, auf das ich einmal zufrieden zurückblicken kann. Es geht um Respekt und Ehrfurcht, die Bibel spricht von Gottesfurcht. Ich soll mir und meinen Mitgeschöpfen gleichermaßen gerecht werden.
Das alles kann man nicht in der Schule lernen, sondern nur, indem man neugierig auf die Welt bleibt und sich immer wieder ansprechen, fragen und vielleicht auch hinterfragen lässt von den Dingen und Menschen, die einem begegnen.
Nicht zuletzt gehört zum Lernstoff des Lebens, dass man sich mit seinen Stärken und Schwächen, Möglichkeiten und Einschränkungen als Gottes Geschöpf begreift und erkennt, dass einem mehr geschenkt wird, als man je selber geben kann. „Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man euch in den Schoß geben“, sagt Jesus (Lukas 6,38). Der Mensch steht also bei Gott im Dativus commodi – im Dativ des Vorteils. Gott hat die Welt zu unserem Vorteil eingerichtet, dass wir ein gutes Leben führen können. Latein ist also doch zu etwas gut, wenn es einem hilft, das herauszufinden! In diesem Sinne: Einen guten Schulanfang euch Schülerinnen und Schülern in eurer Schule – und uns allen in der Schule des Lebens!
Pfarrer Johannes Wahl
Ev. Kirchengemeinde Faurndau-Wangen-Oberwälden