NABU-Studie: Ernährungssicherheit gelingt auch ohne pauschale EU-Agrarsubventionen

Die Sicherung der Ernährung und eine nachhaltige Produktionsweise und Vermarktung sind in Baden-Württemberg zentrale politische Ziele der Landesregierung. So wird derzeit auch über die Aufnahme des Begriffs der „Ernährungssouveränität“ in die Landesverfassung diskutiert. Die Agrarsubventionen der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) tragen zur Ernährungssicherheit jedoch weit weniger bei, als Vertreter*innen der Landwirtschaft häufig behaupten. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie des NABU auf Grundlage des agrarökonomischen Modells CAPRI. Demnach würden selbst bei einem vollständigen Wegfall der GAP-Zahlungen die landwirtschaftlichen Produktionsmengen und Selbstversorgungsgrade in Deutschland und Europa kaum sinken.

„Wir brauchen einen ehrlichen Austausch über die Zukunft der Agrarpolitik und wofür öffentliches Geld ausgegeben wird“, fordert der NABU-Landesvorsitzende Johannes Enssle angesichts der Studienergebnisse. Für Enssle ist klar: „Landwirtinnen und Landwirte brauchen eine verlässliche Unterstützung – für den Schutz von Klima, Natur und Wasser ebenso wie für die Anpassung ihrer Betriebe an die Folgen des Klimawandels. Genau diese Leistungen müssen künftig viel gezielter honoriert werden als bisher. Pauschale Flächenprämien hingegen sind aus der Zeit gefallen und eine Verschwendung von Steuermitteln.“

Für die Studie wurde mithilfe des europaweit etablierten Modells CAPRI simuliert, wie sich verschiedene Reformen der GAP ab 2028 auf Produktion, Selbstversorgung und Flächennutzung auswirken würden. Analysiert wurden sowohl ein vollständiger Wegfall der GAP-Zahlungen als auch die Abschaffung der Basisprämie. Die Ergebnisse fallen eindeutig aus: Im Pflanzenbau gehen die Produktionsmengen in Deutschland je nach Szenario lediglich um bis zu 2,8 Prozent zurück. Die Milchproduktion bleibt nahezu unverändert, die Fleischerzeugung sinkt um maximal 0,75 Prozent. Beim wichtigsten Brotgetreide Weizen würde der Selbstversorgungsgrad in Deutschland von rund 134 auf etwa 129 Prozent zurückgehen – und damit weiterhin deutlich über dem Eigenbedarf liegen. Auch auf EU-Ebene bleibt die Versorgung mit Getreide, Fleisch sowie Obst und Gemüse gesichert.

Ein weiterer Befund der Studie: Die heutigen Direktzahlungen wirken deutlich stärker als Preistreiber für Boden- und Pachtpreise, als dass sie Effekte auf die landwirtschaftliche Produktion hätten. „Da mehr als 60 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen in Baden-Württemberg gepachtet sind, profitieren von den pauschalen Flächenprämien eher jene, die Flächen besitzen, als die wirtschaftenden Betriebe. Das zeigt ein Blick auf die Entwicklung der Pachtpreise im Südwesten, die sich in den vergangenen Jahren zum Teil deutlich erhöhten, vor allem beim Ackerland.

Anders ist die Situation beim Dauergrünland. Weil rund 20 Prozent dieser Flächen kaum zur Ernährungssicherung beitragen, würden sie ohne gezielte Förderung wohl aus der Nutzung fallen. Gleichzeitig handelt es sich häufig um besonders wertvolle Lebensräume für Artenvielfalt, Klima- und Gewässerschutz. Werden die bisherigen Mittel statt für Direktzahlungen gezielt für Agrarumweltmaßnahmen und Grünlandprogramme eingesetzt, können diese Flächen so erhalten werden, dass für Natur und Klima echte Mehrwerte entstehen – und landwirtschaftliche Betriebe daran verdienen.

„Die Zukunft der GAP liegt in der Honorierung gesellschaftlicher Leistungen der Landwirtschaft. Pauschale Flächenprämien sind ein unwirksames Instrument, sie helfen weder die Ernährung zu sichern, noch bremsen sie den Artenschwund in der Agrarlandschaft oder den Verlust landwirtschaftlicher Betriebe, der sich seit 2020 weiter beschleunigt hat: Erneut haben allein von 2020 bis 2023 rund vier Prozent oder 1.600 Höfe im Südwesten dicht gemacht.

Es ist Zeit, die Direktzahlungen in der kommenden Förderperiode schrittweise auslaufen zu lassen und die Mittel vollständig für Natur-, Klima- und Gewässerschutz einzusetzen. Davon profitieren Landwirtschaft und Gesellschaft gleichermaßen“, so Enssle.

Der NABU fordert deshalb, die GAP für die Förderperiode 2028 bis 2034 grundlegend neu auszurichten. Damit die GAP auch künftig finanziell stark ausgestattet bleibt, müssen die Mittel vollständig in Honorierungszahlungen für gesellschaftlich gewünschte Leistungen der Landwirtschaft überführt werden. Eine Forderung, die nicht nur der NABU erhebt, sondern die inzwischen einen breiten Konsens darstellt: Wissenschaftliche Beratungsgremien und breite gesellschaftliche Dialogprozesse – vom Wissenschaftlichen Beirat für Agrarpolitik (WBAE) über die Zukunftskommission Landwirtschaft (ZKL) bis zum europäischen Strategic Dialogue (SD) der EU-Kommission – empfehlen seit Jahren, pauschale Flächenprämien schrittweise auslaufen zu lassen und öffentliche Mittel stattdessen gezielt für gesellschaftlich gewünschte Leistungen einzusetzen.

So könnten Natur- und Klimaschutz gestärkt, landwirtschaftliche Betriebe gezielt unterstützt und öffentliche Mittel wirksamer eingesetzt werden.

Zur vollständigen Studie: NABU-Faktencheck zur geplanten GAP-Reform 2028

Foto (© NABU/Uwe Prietzel): Streuobstwiesen mit Schafherde

 

PM NABU (Naturschutzbund Deutschland), Landesverband Baden-Württemberg e. V.

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