Seit Jahren arbeitet der baden-württembergische Landwirtschaftsminister Peter Hauk (CDU) daran, Biogas als sicheres Standbein der Landwirtschaftsbetriebe fest zu verankern. Man müsse den schlafenden Riesen wecken, teilte Hauk im Jahr 2022 mit. Auch die bayerische Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber setzt sich seit Jahren aktiv und im engen Schulterschluss mit der Branche für Biogasanlagen ein. Jetzt soll ein süddeutscher Biogasgipfel der Landwirtschaftsministerien von Baden-Württemberg und Bayern den Plänen neuen Auftrieb geben. Die Naturschutzverbände NABU und BUND in Baden-Württemberg sehen das kritisch: Der Teufel steckt im Detail.
Wann ist Biogas ökologisch sinnvoll?
„Biogas aus Reststoffen macht Sinn. Unsinnig ist es jedoch, dafür extra Energiepflanzen anzubauen, denn im Vergleich zu Windenergie und Photovoltaik wird dafür sehr viel Fläche verbraucht“, stellt der NABU-Landesvorsitzende Johannes Enssle klar. Als Faustzahl gilt: Auf einem Hektar Photovoltaik (PV)-Fläche kann mindestens 28-mal so viel Energie produziert werden wie mit einem Hektar Energiemais. „Unsere landwirtschaftlichen Böden sind zu wertvoll, um sie für eine so ineffiziente Technologie wie Biogas zu opfern. Gleichzeitig ist die Vermaisung der Agrarlandschaft durch die Biogas-Erzeugung eine ökologische Katastrophe. Maismonokulturen sind artenarme Wüsten – was wir brauchen, ist ein Öko-Gasgipfel, der naturverträglichere Lösungen entwickelt“, betont Enssle.
Aktuell werden nur 22,7 Prozent des deutschen Getreides für die menschliche Ernährung genutzt. Der Rest wird vorrangig als Viehfutter oder für Energiepflanzen verbraucht. Für die Verbände ist das kein zukunftsfähiges Modell für die Ernährungssicherheit in Deutschland. „Wer mit dem Argument der Ernährungssicherheit regelmäßig gegen die Inanspruchnahme von landwirtschaftlichen Flächen durch den Naturschutz wettert, sollte zunächst bei sich selbst aufräumen. Dazu gehört, sich für PV statt für ineffizientes Biogas einzusetzen, und für weniger Massentierhaltung und damit weniger Futtermittelerzeugung“, appellieren die Verbände an die Akteure des Agrarsektors.
Sylvia Pilarsky-Grosch, Landesvorsitzende des BUND Baden-Württemberg: „Wir brauchen flexible Biogasanlagen, die nur dann Strom, Wärme und Gas produzieren, wenn nicht genügend Energie aus Wind und Photovoltaik verfügbar ist – und nicht solche, die rund um die Uhr Energie bereitstellen. Für die Produktion sollten nur Substrate verwendet werden, die in vorgelagerten Prozessen übrigbleiben – wie Bioabfälle, Ernterückstände, Zwischenfrüchte, Untersaaten, Gülle und Mist, Paludikulturen von wiedervernässten Moorböden und Schnitte von mehrjährigen Blühflächen. Denn dann entsteht sowohl ein naturschutzfachlicher Nutzen als auch ein nachhaltiger Energieträger.“
Von der Landespolitik in Baden-Württemberg fordern die Verbände eine klare Ausrichtung der Biogasproduktion an den Bedürfnissen der Menschen und der Natur: „Der Biogasgipfel in Ulm muss den Rahmen dafür setzen, dass die Branche nicht auf kurzfristige wirtschaftliche Interessen ausgerichtet bleibt, sondern langfristig, naturverträglich und nachhaltig zur Energiewende beiträgt“, so Pilarsky-Grosch abschließend.
Hintergrund:
- Bioenergie naturverträglich gestalten
- Wildpflanzen für Biogas
- BUND Baden-Württemberg zu Bioenergie
- In Baden-Württemberg gibt es 1.032 landwirtschaftliche Biogasanlagen (Stand 2023). Aktuell werden rund 130.000 Hektar Silomais angebaut (Stand 2025). Knapp die Hälfte des angebauten Silomaises ist für die Biogasnutzung bestimmt. Bezogen auf die Ackerfläche von 807.000 Hektar liegt der Anteil der für Biogas genutzten Fläche mit rund 100.000 Hektar bei 11,2 Prozent. Die Reststoffnutzung, über Gülle und Mist hinaus, wird in vergleichsweise wenigen Betrieben praktiziert.
PM NABU (Naturschutzbund Deutschland) Landesverband Baden-Württemberg e.V.