Fachkräftereport BW: Probleme mit der Zuwanderungsbürokratie machen Südwestunternehmen besonders zu schaffen

Jedes zweite Südwestunternehmen (53 Prozent) kann trotz der schwierigen Wirtschaftslage derzeit offene Stellen nicht besetzen. Der Fachkräftemangel ist für 64 Prozent der Betriebe das größte Geschäftsrisiko neben der schwächelnden Inlandsnachfrage. „Diese Rückmeldungen sind für Baden-Württemberg als Wirtschaftsstandort besonders alarmierend“, sagt Claus Paal, Vizepräsident des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertages (BWIHK) und Präsident der IHK Region Stuttgart, welche für Volkswirtschaft und Konjunkturfragen im BWIHK federführend ist. „Wenn wir jetzt nicht handeln, wird der Fachkräftemangel den erhofften Aufschwung im kommenden Jahr ausbremsen und unsere Wettbewerbsfähigkeit nachhaltig gefährden. Rohstoff- und Energiepreise können sich flexibel ändern – die Demografie nicht. Neben der Nutzung inländischer Potenziale ist deshalb die Anwerbung ausländischer Fachkräfte für unsere Betriebe eine wichtige Stellschraube.“

Fast jedes Unternehmen (92 Prozent) erwartet vom Fachkräftemangel in naher Zukunft negative Folgen fürs eigene Geschäft – zusätzlich zu den derzeit ohnehin erheblichen Herausforderungen. Das sind zehn Prozentpunkte mehr als im Bundesschnitt. Dies ist das Ergebnis der BW-Auswertung des deutschlandweiten Fachkräftereports, an dem in Baden-Württemberg im Herbst 3.340 Unternehmen aller Branchen und Größen teilgenommen haben.

Bürokratische Hemmnisse bei der Zuwanderung deutlich höher als bundesweit

Im Gegensatz zum Bund machen den Unternehmen im Südwesten die komplizierten und langsamen Verfahren besonders zu schaffen. Für 65 Prozent der Betriebe sind das die Top-Hindernisse bei der Zuwanderung internationaler Fachkräfte, bundesweit sagen das 54 Prozent. „Die Unternehmen wünschen sich, dass das neue Gesetz zur Fachkräfteeinwanderung ganz einfach seinen Zweck erfüllt, indem es die überbordende Bürokratie abbaut und Verfahren vereinfacht und beschleunigt“, erklärt Claus Paal. „Das zeigt, wie dringend auch hierzulande eine funktionierende zentrale Einwanderungsstelle eingerichtet werden muss. Sonst sind die bürokratischen Hürden weiter ein besonderer Klotz am Bein im Werben und Ringen um ausländische Arbeitskräfte. Deshalb wünschen wir uns vom Land, dass hierzu schnell ein Finanzierungs- und Umsetzungskonzept vorgelegt wird. Die zentrale Stelle könnte die örtlichen Ausländerbehörden spürbar entlasten, unterstützen und dazu beitragen, dass die Fachkräftegewinnung aus dem Ausland auch besser gelingt.“ Eine Verbesserung der Sprachlernangebote wünschen sich im Südwesten wie auf Bundesebene 62 Prozent der Betriebe. Das Thema betriebsnaher und bezahlbarer Wohnraum für ausländische Fachkräfte ist im Südwesten jedoch ein größeres Problem als bundesweit (49 Prozent der Nennung gegenüber 28 Prozent im Bundesdurchschnitt).

Baden-Württemberg besonders betroffen

Für das wirtschaftsstarke Baden-Württemberg ist der Arbeits- und Fachkräftemangel besonders kritisch. Es gehört zu den Bundesländern mit der niedrigsten Arbeitslosenquote und der höchsten Erwerbstätigenquote. Um dem Fach- und Arbeitskräftemangel entgegenzuwirken, benötigen die Unternehmen passende und verlässliche Rahmenbedingungen, so Paal. Weitere Optionen sind die Mehrbeschäftigung von Frauen und Älteren, die Intensivierung der Aus- und Weiterbildung, die Integration Arbeitsloser, innovativer Arbeitszeitmodelle sowie Produktivitätssteigerung und Automatisierung.

92 Prozent der Südwestunternehmen erwartet ernste Folgen

Die Folgen der Fachkräftelücke sind gravierend. 70 Prozent der Unternehmen erwarten eine Mehrbelastung der vorhandenen Belegschaft, was wiederum Abwanderung und erhöhten Krankenstand begünstigt kann. 63 Prozent der Befragten befürchten steigende Arbeitskosten. Jeder zweite Betrieb (48 Prozent) erwartet, durch Fachkräftemangel an Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren. Ein Viertel (25 Prozent) bangt um seine künftige Innovationsfähigkeit.

Breite der Wirtschaft betroffen

Quer durch alle Branchen und Berufe ist die Wirtschaft von Fachkräfteengpässen betroffen. „Am häufigsten und branchenübergreifend scheitern die Südwestunternehmen bei der Besetzung von Stellen für Fachkräfte mit dualer Berufsausbildung. 78 Prozent der Befragten würden gerne mehr dual ausgebildete Praktiker einstellen“, so Paal. Es gäbe in einigen Branchen aber auch einen allgemeinen Mangel an Arbeitskräften. Im Hotel- und Gaststättengewerbe und der Verkehrsbranche suche derzeit jeder zweite Betrieb vergeblich auch nach ungelernten Arbeitskräften.

Der Baden-Württembergische Industrie- und Handelskammertag (BWIHK) ist eine Vereinigung der zwölf baden-württembergischen Industrie- und Handelskammern (IHKs). In Baden-Württemberg vertreten die zwölf IHKs die Interessen von weit mehr als 650.000 Mitgliedsunternehmen. Zweck des BWIHK ist es, in allen die baden-württembergische Wirtschaft und die Mitgliedskammern insgesamt betreffenden Belangen gemeinsame Auffassungen zu erzielen und diese gegenüber der Landes-, Bundes- und Europapolitik sowie der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) und anderen Institutionen zu vertreten.

 

PM Baden-Württembergischer Industrie- und Handelskammertag

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