„schwerstmehrfach normal“ – pro familia Baden-Württemberg und Lebenshilfe Baden-Württemberg veranstalteten gemeinsamen Fachtag in Stuttgart

Am Donnerstag, 01.Februrar 2024 hat der inklusive Fachtag „Prozessbegleitung bei der Entwicklung sexualpädagogischer Konzepte in Einrichtungen der Behindertenhilfe (ProSeKo)“ in Stuttgart stattgefunden. Der Fachtag wurde im Rahmen des gleichnamigen Landesprojektes von pro familia Baden-Württemberg in Kooperation mit der Lebenshilfe Baden-Württemberg ausgerichtet.

Über 100 Selbstvertreter*innen, Fachkräfte und Angehörige haben sich getroffen, um sich über den Nutzen von sexualpädagogischen Konzepten, deren Entwicklung und nachhaltige Verankerung im Einrichtungsalltag zu informieren. Einen besonderen Fokus legte die Veranstaltung dabei auf partizipative Prozesse und Kriterien gelingender Partizipation aller.

Vortrag, Podiumsdiskussion und verschiedene Workshops öffneten Erfahrungsräume und haben zum angeregten fachlichen Austausch eingeladen. Es wurde deutlich, dass das Thema Sexualität in Einrichtungen der Behindertenhilfe einen festen Platz im Diskurs beansprucht. Moderiert wurde der Fachtag von Prof. Dr. Simone Danz, Professorin für Bildung und soziale Inklusion der Hochschule RheinMain in Wiesbaden.

In den Begrüßungen durch Ruth Weckenmann, Landesvorstandsvorsitzende von pro familia Baden-Württemberg und Peter Benzenhöfer, Landesvorstandsvorsitzender der Lebenshilfe Baden-Württemberg,  wurde das gemeinsame Ziel der Veranstalter, die sexuelle Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderung zu stärken, deutlich gemacht. Benzenhöfer betonte dabei die Gleichheit aller Menschen, unabhängig von Geschlecht, Religion, Hautfarbe oder auch Behinderung und stellte pointiert fest: „Wir sind doch alle schwerstmehrfach normal.“

Ministerialrätin Kirsten Schmidts benannte im Grußwort der Veranstaltung die Wichtigkeit eines umfassenden Verständnisses von Sexualität und betonte die Verantwortung des Landes, entsprechende „Maßnahmen zu ergreifen, um die UN-BRK mit Leben zu füllen“, hier sei „noch Luft nach oben“, so Schmidts.

Dass neben Partizipation eine Sexualpädagogik der Vielfalt, die der Vielfältigkeit der Menschen Rechnung trägt, eine wichtige Grundlage sexueller Selbstbestimmung darstellt, machte Prof. Dr. Robin Bauer, DHBW Baden-Württemberg, in seinem Fachvortrag „Sexualpädagogische Konzepte: Selbstbestimmung partizipativ und vielfältig gestalten“ deutlich. Dem (Gewalt-)Schutzkonzept, das als Baustein einer „Gefahrenabwehrpädagogik“ zum Standard in der Behindertenhilfe gehört, stellte er das „Lustkonzept“ zur Seite, denn gewisse Risiken müssten eingegangen werden, um ein menschenwürdiges Leben zu führen. Offenheit für eigene Erfahrungen und Experimente sowie Eigensinn wurden als Richtschnur einer lustbetonten Sexualpädagogik der Vielfalt aufgezeigt, die zudem größeren präventiven Nutzen habe als restriktive Schutzkonzepte, denn, so Bauer: „Scham ist kein guter Begleiter in Bezug auf Schutz vor sexualisierter Gewalt.“

Bei einer Podiumsdiskussion, die von Prof. Dr. Simone Danz geleitet wurde, kamen Selbstvertreter*innen und Fachkräfte zu Wort, die im Rahmen des Landesprojektes und mit Begleitung von pro familia sexualpädagogische Konzepte für ihre Einrichtungen entwickelt hatten. Alle Teilnehmer*innen waren sich einig darüber, dass die offene Auseinandersetzung mit dem Thema Sexualität und die Verschriftlichung von Regeln und Standards das Zusammenleben und -Arbeiten verbessern zur Handlungssicherheit aller Beteiligten beitragen. Marion Grimm vom Sexualpädagogischen Fachdienst der Paulinenpflege Winnenden e.V. hat in den von pro familia begleiteten Arbeitsgruppen mitgearbeitet und zog als Fazit: „Der positive Blick auf Sexualität war überfällig nach zwanzig Jahren Fokus auf Schutzkonzepte“. Es sei ein Aufwand, so Grimm, „aber einer, der sich lohnt.“

Das Projekt „Prozessbegleitung bei der Entwicklung sexualpädagogischer Konzepte in Einrichtungen der Behindertenhilfe (ProSeKo)“  wird finanziert durch das Ministerium für Soziales, Gesundheit und Integration aus Landesmitteln, die der Landtag Baden-Württemberg beschlossen hat.

 pro familia Baden-Württemberg – Deutsche Gesellschaft für Familienplanung, Sexualpädagogik und Sexualberatung e.V.  ist Teil eines bundesweiten Fachverbandes für Sexualität, Partnerschaft und Familienplanung. Als Netzwerk engagiert sich pro familia für sexuelle und reproduktive Rechte und Gesundheit. Zu pro familia in Baden-Württemberg gehören 18 Kreis- /Ortsvereine mit 19 Beratungsstellen und fünf Außenstellen. Die Beratungsstellen bieten Sexual-, Schwangerschafts-, und Paarberatung. pro familia ist darüber hinaus mit sexualpädagogischen Angeboten in Schulen und Jugendfreizeiteinrichtungen und durch Informationsveranstaltungen und Fortbildungen für Eltern, Lehrkräfte und Betreuungspersonal aktiv. Als Landesverband organisiert pro familia Baden-Württemberg den fachlichen Austausch zwischen den Beratungsstellen, unterstützt deren Arbeit und vertritt pro familia in Gremien auf Landesebene, gegenüber Politik und Verwaltung sowie in der Öffentlichkeit. pro familia Baden-Württemberg wird durch das Ministerium für Soziales, Gesundheit und Integration Baden-Württemberg gefördert und ist Mitglied im Paritätischen Baden-Württemberg und im Landesfrauenrat.

Der Landesverband Baden-Württemberg der Lebenshilfe für Menschen mit Behinderung e.V. ist der Zusammenschluss von 62 Orts- und Kreisvereinigungen der Lebenshilfe mit insgesamt 22.000 Einzelmitgliedern sowie 42 weiteren Mitgliedsorganisationen.

Wesentliche Aufgabe des Landesverbandes ist es, die Interessen (insbesondere geistig) behinderter Menschen und ihrer Angehörigen gegenüber der Landespolitik und den Leistungsträgern (Sozialhilfeträger, Pflegekassen usw.) zu vertreten. Außerdem unterstützt der Landesverband die Arbeit der Lebenshilfe -Vereine vor Ort, die über ihre Selbsthilfetätigkeit hinaus auch Träger von über 300 Diensten und Einrichtungen (Frühförderstellen, Kindergärten, Schulen, Werkstätten für behinderte Menschen, Integrationsfirmen, Wohnangebote, Offene Hilfen / Familienentlastende Dienste) sind, welche von etwa 20.000 Menschen mit Behinderungen und ihren Familien in Anspruch genommen werden. Darüber hinaus ist der Landesverband Lebenshilfe Träger des Bundesfreiwilligendienstes und des Freiwilligen Sozialen Jahres in vielen seiner Mitgliedsorganisationen.

Dem zehnköpfigen Landesvorstand gehören zwei Eltern und Angehörige sowie zwei Menschen mit Behinderungen an. Der Landesvorsitzende ist der erste Selbstvertreter eines Landesverbandes der Lebenshilfe in Deutschland. Die Lebenshilfe ist eine Selbsthilfeorganisation, in der betroffene Menschen und deren Angehörige ihre Interessen wirksam selbst vertreten.

PM pro familia Baden-Württemberg

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