Achtklässler der Hieberschule erleben Uhingen vom Rollstuhl aus. Sie prüfen die Stadt auf Barrierefreiheit und präsentieren die Ergebnisse beim Schulfest. Die Idee dafür kam beim Jugendforum im März bei einem Gespräch mit Bürgermeister Matthias Wittlinger auf.
Wie fühlt sich der Alltag im Rollstuhl an? Mit dieser Frage beschäftigten sich 11 Mädchen und 11 Jungs der Klasse 8a der Uhinger Hieberschule im Projekt „Rock’n’Roll“. Organisiert wurde das Projekt von Schulsozialarbeiterin Gülcan Urku. Den Anstoß dazu gab ein Gespräch beim Jugendforum mit Bürgermeister Matthias Wittlinger, bei dem das Thema Barrierefreiheit im Mittelpunkt stand. „Die Schülerinnen und Schüler erklärten sich sofort bereit, an dem besonderen Projekt mitzuwirken“, erklärt die Schulsozialarbeiterin.
An zwei Projekttagen erkundeten die 22 Jugendlichen Uhingen aus einer für sie völlig neuen Perspektive: im Rollstuhl. Die dafür benötigten Rollstühle stellte das Sanitätshaus Hartlieb aus Göppingen zur Verfügung. „Dafür sind wir dem Unternehmen sehr dankbar“, ergänzt Sabine Müller, die zusammen mit Nina Tischler Klassenlehrerin der Jugendlichen ist.
Bevor sie aber durch Uhingen zogen, setzten sich die SchülerInnen und Schüler zunächst mit dem Thema Behinderung und Perspektivwechsel auseinander. In einer Sensibilisierungsübung führten sie sich gegenseitig mitverbundenen Augen durch das Schulgebäude. Dadurch konnten sie erste Erfahrungen sammeln, wie sehr man auf Vertrauen, Orientierung und Unterstützung angewiesen ist. Diese Übung bildete die Grundlage für die anschließende Auseinandersetzung mit Barrierefreiheit und der Mobilität im Rollstuhl.
Die Jugendlichen testeten zahlreiche Alltagssituationen. Sie fuhren zum Einkaufen, besuchten unter anderem den Uhinger Bahnhof, die örtlichen Kreditinstitute, das Rathaus und die Stadtbücherei. Außerdem nutzten sie den Bus und überprüften die Barrierefreiheit der Bushaltestellen sowie des Bürgerbusses. Dabei stellten sie fest, dass viele öffentliche Gebäude dank Aufzügen gut zugänglich sind. Gleichzeitig wurden aber auch Hindernisse deutlich. Besonders am Bahnhof zeigte sich, dass der Gleiswechsel aufgrund der Unterführung und der steilen Rampen für Rollstuhlfahrer nur schwer oder gar nicht möglich ist.
„Erst durch das eigene Ausprobieren konnten sie nachvollziehen, wie anspruchsvoll der Alltag für Menschen im Rollstuhl sein kann“, sagt Klassenlehrerin Nina Tischler. Viele von ihnen waren überrascht, welche Herausforderungen bereits kleine Bordsteine, enge Wege oder Steigungen darstellen. Die Schülerinnen und Schüler hielten ihre Beobachtungen in einer Übersicht fest, in der sie barrierefreundliche und problematische Orte in Uhingen dokumentierten.
Die Erlebnisse wurden während des Projekts gefilmt. Den Videoschnitt übernahm Achtklässlerin Stefanie Krämer, zugleich stellvertretende Schülersprecherin, die aus den Aufnahmen einen Film sowie mehrere Kurzvideos erstellte.
Beim Schulfest präsentierte die Klasse ihre Ergebnisse der Öffentlichkeit. Neben dem Film und der Übersicht über barrierefreie und nicht barrierefreie Orte konnten die Besucherinnen und Besucher einen Rollstuhl-Parcours in der Sporthalle absolvieren. Dabei mussten sie Slalom um Hütchen fahren, Hindernisse überwinden, rückwärts mit dem Rollstuhl manövrieren und aus sitzender Position einen Basketball in den Korb werfen. Für jüngere Kinder stand zusätzlich ein kleinerer Rollstuhl bereit, sodass auch sie den Parcours ausprobieren konnten.
„Ich bin den Schülerinnen und Schülern sowie allen Beteiligten sehr dankbar, dass das, was wir beim Jugendforum als Idee besprochen hatten, so gut umgesetzt wurde“, lobt Bürgermeister Matthias Wittlinger. Doch nicht nur Menschen, die auf den Rollstuhl angewiesen sind, würden von den Erkenntnissen des Projekts „Rock’n’Roll“ profitieren. Barrieren im Alltag seien auch ein Hindernis für ältere Menschen, für Kinderwägen und zum Teil für Radfahrer. „Daher ist diese Aktion weit mehr als ein Projekt für Menschen mit Handicap“, betont Matthias Wittlinger.
Und was die noch zu verbessernde Barrierefreiheit beim Bahnhof betrifft, so ergänzt der Bürgermeister, dass die Stadtverwaltung hierbei auf die Deutsche Bahn AG angewiesen sei. Da ein Umbau großes Gerät erfordert und womöglich nicht während des laufenden Zugverkehrs erfolgen kann, soll ein Zeitfenster genutzt werden, in dem die Deutsche Bahn AG die Strecke ausbauen möchte: Die Stadt meldete der DBAG ein Zeitfenster in 2029/2030 an, um Rampen zur Unterführung, welche Eigentum der DBAG ist, zu bauen. Aktuell soll ein Termin vereinbart werden, um die Möglichkeiten des Ausbaus der behindertengerechten Rampen zu prüfen.
„Das Projekt hat bei den Jugendlichen einen bleibenden Eindruck hinterlassen“, lobt Schulsozialarbeiterin Gülcan Urku. Wer heute einem Menschen im Rollstuhl begegne, könne sich deutlich besser vorstellen, welchen Herausforderungen dieser im Alltag zu meistern habe. „Ein Perspektivwechsel“, lobt auch Matthias Wittlinger, „der Verständnis schafft und den Blick für Barrierefreiheit nachhaltig geschärft hat“.
Info: In Uhingen befinden sich 65 Bushaltestellen von denen 22 Bushaltestellen barrierefrei umgebaut wurden. Um mobil zu bleiben, gibt es zusätzlich das Angebot des Bürgerbusses. Die Uhinger Linie (ULi) fährt für alle Altersklassen auf 3 unterschiedlichen Routen im Stundentakt in der Uhinger Kernstadt bis zu 20 Stationen für geringes Fahrtgeld an und verfügt außerdem über eine ausklappbare Rampe sowie einen großzügigen Innenraum für Rollstühle, Rollatoren und Kinderwagen.
Foto (Stadt Uhingen): Beim Schulfest der Hieberschule war in der Turnhalle ein Rollstuhl-Parcours aufgebaut, bei dem Schulsozialarbeiterin Gülcan Urku die teilnehmenden Jugendlichen angeleitet hat.
PM Stadtverwaltung Uhingen