- ESN, Naturally You (Pamela Reif) und More Nutrition vermarkten Ashwagandha-Nahrungsergänzungsmittel als Lifestyle-Produkte für mentale Gesundheit. foodwatch hält diese Werbeversprechen für rechtswidrig.
- Bundesinstitut für Risikobewertung warnt vor Nebenwirkungen von Ashwagandha.
- foodwatch fordert bessere Kontrolle des Online-Markts für Nahrungsergänzungsmittel.
foodwatch hat die Unternehmen ESN, Naturally You (Pamela Reif) und More Nutrition wegen irreführender Werbung für ihre Ashwagandha-Nahrungsergänzungsmittel abgemahnt. Alle drei Hersteller der im Trend liegenden Produkte werben mit gesundheitsbezogenen Aussagen zu Stressabbau, besserem Schlaf und emotionaler Stabilität – dabei sind diese Werbeversprechen nach der europäischen Health-Claims-Verordnung nicht zulässig. Gleichzeitig verschweigen oder verharmlosen die Unternehmen nach Auffassung von foodwatch dokumentierte Gesundheitsrisiken des Pflanzenstoffs. Konkret geht es um die Produkte „Ashwa+“ von ESN, „Mental Balance“ von Naturally You und die „Ashwagandha Sticks“ von More Nutrition. Die Verbraucherorganisation forderte eine bessere Kontrolle von Werbung für Nahrungsergänzungsmittel.
„Das Beispiel Ashwagandha zeigt: In Deutschland können Hersteller ihre Nahrungsergänzungsmittel ungehemmt mit völlig überzogenen Versprechen bewerben – und die Behörden schauen weg“, sagte Laura Knauf von foodwatch. „Hersteller wie ESN und More Nutrition machen mit riskanten Nahrungsergänzungsmitteln fette Gewinne – die Verbraucher:innen sind die Leidtragenden. Der wachsende Online-Markt muss endlich wirksam überwacht werden!”
Bundesinstitut für Risikobewertung warnt vor Ashwagandha
Ashwagandha, auch Schlafbeere genannt, ist eine Pflanze aus dem asiatischen Raum. Vor allem online sind Ashwagandha-Nahrungsergänzungsmittel in Form von Pulver, Tropfen oder Kapseln im Trend. Studien deuten zwar darauf hin, dass der Pflanzenstoff kurzzeitig einen Effekt auf Stress und Schlaf haben kann. Allerdings fehlen umfassendere Daten aus Langzeitstudien. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) warnt vor der Einnahme. Insbesondere Schwangere, Stillende, Kinder und Menschen mit Lebererkrankungen sollten Ashwagandha nicht konsumieren. In einer Stellungnahme von 2024 nennt das BfR mögliche Nebenwirkungen wie Übelkeit, Kopfschmerzen, Hautausschläge sowie Effekte auf Hormon- und Immunsystem. Besonderen Anlass zur Vorsicht gäben Fallberichte über Leberschäden. Die Weltgesundheitsorganisation weist seit 2009 auf mögliche Nebenwirkungen und Wechselwirkungen mit Medikamenten hin.
Mehrere Länder haben bereits reagiert: Dänemark verbot 2023 den Verkauf von Ashwagandha-Präparaten. Polen führte verbindliche Höchstmengen für Withanolide – die wirksamsten Bestandteile von Ashwagandha – und verpflichtende Warnhinweise ein. Großbritannien, Frankreich und die Niederlande veröffentlichten Sicherheitswarnungen. Deutschland hat trotz der BfR-Einschätzung von 2024 bisher weder Warnhinweise noch Höchstmengen vorgeschrieben.
Falsche Versprechen, fehlende Warnhinweise
ESN, More Nutrition und Naturally You sind bekannte Marken mit einer großen Reichweite in den sozialen Medien. Nach Auffassung von foodwatch bewerben alle drei Hersteller ihre Ashwagandha-Mittel mit rechtswidrigen Gesundheitsversprechen. Außerdem fehlten bei allen Produkten zentrale Sicherheitsinformationen dort, wo Verbraucher:innen sie erwarteten: in Instagram-Posts, auf der Verpackung oder auf der Produkt-Webseite.
ESN bewirbt Ashwa+ als eines seiner Bestseller-Produkte für die Regeneration nach „intensiven Workouts“, als „Stresssupport für Körper und Geist“ und für besseren Schlaf. Das Unternehmen empfiehlt für „Ashwa+“ eine Tagesdosis, die dreimal so hoch ist wie die in Polen zulässige Höchstmenge für Withanolide. In einem Blogbeitrag auf seiner Website nennt ESN sogar die sechsfache Menge. Warnhinweise für Schwangere, Stillende, Kinder und Menschen mit Lebererkrankungen finden sich weder auf dem Produkt selbst, der Produktseite noch in der Social-Media-Werbung, sondern erst nach langem Suchen in Blogbeiträgen. Zudem wird dort behauptet, Ashwagandha wirke sich positiv auf eine Unterfunktion der Schilddrüse aus – ohne die dokumentierten Risiken für die Schilddrüsenfunktion zu erwähnen.
Pamela Reif empfiehlt in Instagram-Videos das Supplement „Mental Balance“ ihres Unternehmens Naturally You, „wenn Stress, innere Unruhe oder mentale Belastung dich im Alltag schnell aus dem Gleichgewicht bringen“ oder „du dich häufig erschöpft fühlst und dir mehr emotionale Stabilität wünschst“. Ein Warnhinweis findet sich nur ganz unten auf der Website, nicht aber in den Instagram-Posts zum Produkt. Die empfohlene Dosis von zwei Kapseln täglich enthält mit 15 Milligramm Withanoliden die anderthalbfache Menge der in Polen geltenden täglichen Höchstmenge.
More Nutrition bewirbt seine „Ashwagandha Sticks“ auf Instagram als Mittel gegen Grübeln und Stress im Alltag und für die „tägliche Wellness-Routine“ – ohne Warnhinweis. Auf der Website taucht der Hinweis erst weit unten in den Verzehrempfehlungen auf. Die Sticks enthalten das Anderthalbfache der in Polen geltenden Höchstmenge.
Behörden kontrollieren Online-Gesundheitswerbung kaum
foodwatch kritisierte, dass Hersteller in Deutschland ihre Nahrungsergänzungsmittel mit illegalen Gesundheitsversprechen vermarkten könnten, ohne dass die Behörden eingreifen. Das betrifft nicht nur Ashwagandha-Produkte: Eine aktuelle foodwatch-Recherche kam zum Ergebnis, dass 98 Prozent der Gesundheitswerbung für Nahrungsergänzungsmittel in sozialen Medien irreführend ist. foodwatch sieht das Hauptproblem bei der kommunal organisierten Lebensmittelüberwachung in Deutschland. Die Ämter seien heillos überlastet und stießen bei der Überprüfung der Werbung auf Webseiten und in sozialen Medien endgültig an ihre Grenzen. foodwatch forderte deshalb, die Kontrolle des Online-Markts auf Bundesebene zu bündeln und mit ausreichend Personal und Geld auszustatten. Außerdem spricht sich die Verbraucherorganisation für EU-weit einheitliche Höchstmengen für Ashwagandha und vergleichbare Wirkstoffe, verpflichtende Warnhinweise für Risikogruppen sowie ein verpflichtendes Zulassungsverfahren für Nahrungsergänzungsmittel aus.
Gesundheitsbezogene Werbeaussagen zu Pflanzenstoffen („Botanicals“) wie Ashwagandha sind nach der EU-Health-Claims-Verordnung grundsätzlich verboten, da für sie keine zugelassenen Claims existieren. Der Europäische Gerichtshof hat 2025 klargestellt, dass auch bei der EU-Kommission beantragte, aber noch nicht entschiedene Aussagen („on-hold claims“) nicht verwendet werden dürfen. Aus Sicht von foodwatch verstoßen ESN, Naturally You und More Nutrition deshalb gegen die Health-Claims-Verordnung und bewerben ihre Produke mit illegalen Gesundheitsversprechen.
Quellen und weiterführende Informationen:
- Fotos der 3 abgemahnten Ashwagandha-Produkte (Download)
- foodwatch-Hintergrundpapier: Ashwagandha: Trendprodukt mit zweifelhafter Wirkung – und großen Risiken
- Abmahnung an More Nutrition (Quality First GmbH)
- Abmahnung an Naturally Pam GmbH
- Abmahnung an ESN (Fitmart GmbH & Co. KG)
- Screenshots der abgemahnten Gesundheitswerbung auf Instagram (Download)
- Bundesinstitut für Risikobewertung (2024): Ashwagandha: Schlafbeeren-Präparate mit möglichen Gesundheitsrisiken
- foodwatch-Pressemitteilung (03/26): Verbrauchertäuschung bei Online-Werbung für Nahrungsergänzungsmittel – foodwatch-Recherche zeigt massives Behördenversagen
PM foodwatch e.V.