Ich bin im Ruhestand – aber die Nächte haben das noch nicht verstanden

Ich bin offiziell im Ruhestand, aber das heißt bei mir ungefähr so viel wie „Der Motor läuft jetzt nur im Standgas“. Die Nächte hören ja nicht auf, nur weil ich keine Dienstkleidung mehr trage. Nehmen wir den jüngsten Fall an der Tankstelle in der Buchstraße: Drei Männer, alle gut alkoholisiert, erst verbale Streitereien, dann Bierflaschen, dann Polizei – ein Klassiker der nächtlichen Selbstüberschätzung.

Für viele ist das ein Blaulichtbericht. Für mich ist das Dienstag. Ich habe Jahrzehnte im Rettungsdienst und in der Gewaltprävention verbracht. Ich kenne diese Nächte, in denen Menschen plötzlich glauben, sie seien die Hauptrolle in einem Actionfilm, obwohl sie in Wirklichkeit nur an einer Tankstelle stehen und sich mit Bierflaschen bewerfen. Ich erkenne Konflikte, bevor sie wissen, dass sie Konflikte werden wollen. Das ist kein Talent, das ist Training. Körpersprache, Distanzzonen, Alkoholmotorik – ich sehe das alles, bevor der erste Flaschenwurf überhaupt geplant ist.

Und wenn ich zufällig vorbeikomme, bin ich nicht der Typ, der filmt. Ich bin der Typ, der früher reagiert als der Zufall. Man wird ja nicht langsamer, man wird früher. Das gilt in der Sporthalle genauso wie auf der Straße. Während andere sich fragen, ob sie noch genug Kleingeld für den Automaten haben, sehe ich schon, wer gleich stolpert, wer sich überschätzt und wer mit einem „Was willst du?“ in eine Eskalation rutscht, die ich schon hundertmal erlebt habe. Ich mische mich nicht ein, um mich einzumischen. Ich mische mich ein, wenn es kippt. Und es kippt schneller, als die meisten glauben.

Parallel dazu schreibe ich. Nicht, weil ich nostalgisch bin, sondern weil ich weiß, dass Erfahrung nur dann etwas taugt, wenn man sie teilt. Ich habe genug Nächte erlebt, in denen Sekunden über Leben entschieden haben. Wenn ich also erklären kann, wie man Grenzen setzt, wie man deeskaliert oder wie man sich nicht selbst in Schwierigkeiten bringt, dann tue ich das. Nicht als Held, sondern als jemand, der weiß, wie schnell aus „Wird schon nichts passieren“ ein Einsatz wird.

Was es bedeutet, im Ruhestand Einsatztrainer zu sein? Es bedeutet, dass ich nicht mehr im Blaulicht stehe, aber immer noch Licht bin. Es bedeutet, dass ich Verantwortung nicht ablege wie eine Jacke. Es bedeutet, dass ich nachts wach liege, weil die Erfahrung nicht schläft. Und es bedeutet, dass ich weiterhin für Menschen da bin – manchmal sichtbar, oft unsichtbar, aber immer rechtzeitig. Ich bin eben einer von denen, die nicht aufhören, weil sie nicht aufhören können. Und ganz ehrlich: Ich würde es auch gar nicht wollen. Und wenn die Nacht wieder kippt, bin ich nicht der, der wegläuft – ich bin der, der schon da ist.

Alfred Brandner

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