Am 1. September 1941 wurden Juden im Deutschen Reich per Polizeiverordnung gezwungen, den gelben Davidstern („Judenstern“) mit der Aufschrift „Jude“ „sichtbar auf der linken Brustseite des Kleidungsstückes zu tragen“.
Nachdem, was seit 1933 so abging, hört sich das jetzt eher banal an, war es aber nicht. Mittlerweile wurden die meisten Juden vertrieben oder ermordet, so dass es nicht mehr so viele gab und diese damit leichter zu erfassen waren. Diejenigen, die noch in Deutschland lebten, wurden damit zu Freiwild erklärt und konnten leichter deportiert werden. Da wenige Tage vorher bei einem Massaker gegen Juden in der Ukraine der Holocaust eine neue Dimension angenommen hat, war der Judenstern die Vorstufe eines noch größeren Wahnsinns.
Ich erinnere mich noch, dass während der Pandemie Impfgegner und Verschwörungstheoretiker freiwillig den Judenstern trugen, weil sie damit signalisieren wollten, dass sie diskriminiert werden, wie die Juden damals. Ich könnte mich heute noch tierisch darüber aufregen, weil die Juden den Stern damals nicht freiwillig trugen und ohne eigenes Zutun Opfer von Vernichtung und Massenmord wurden. Impfgegner hingegen konnten weitestgehend frei leben und mussten lediglich ein paar Einschränkungen in Kauf nehmen, weil sie ungeimpft nicht überall hin konnten.
Am 1. September 1971 trat das Bundesausbildungsförderungsgesetz (BaFöG) in Kraft. Vom Prinzip her eine gute Idee, hat aber bis heute noch Luft nach oben.
Zum einen sind die Sätze meist zu niedrig, so dass ärmere Bevölkerungsschichten trotzdem von Angeboten ausgeschlossen werden, weil sie den fehlenden Betrag nicht aufbringen können. Darüber hinaus ist es zu starr und erlaubt oftmals keine Ausnahmen. Ich habe das als Student am eigenen Leib erfahren, da ich ohne eigene Schuld die Regelstudienzeit überschritt und darum keinen Anspruch mehr auf BaFöG hatte. Ich habe im vorletzten Semester 2 Prüfungen in den Sand gesetzt und es war zeitlich nicht möglich, beide im letzten nachzuschreiben. Daher musste ich ein Jahr warten, bis es neue Termine gab. Und viele Studenten überziehen, weil sie nebenher arbeiten müssen und daher nicht das gesamte Pensum schaffen. Sie werden dadurch doppelt bestraft, wenn ihnen dann auch noch das BaFöG gestrichen wird. Man sollte daher mindestens 2 Semester bei entsprechender Begründung Anspruch auf Verlängerung haben und in Ausnahmefällen auch länger.
Dann war ich Samstag auf dem Plärrerumzug in Augsburg. Eine sehr heterogene Auswahl von Gruppen rund um Augsburg war vertreten, was mir sehr gut gefallen hat.
Leider lief auch die AfD mit, die das vermutlich wegen des Grundsatzes des Gleichbehandlung durfte. Und auch wenn ich dieses rechte Pack ertragen muss, habe ich das nicht kommentarlos hingenommen, sondern sie ausgepfiffen und meinen Unmut kundgetan. Am meisten hat mich angewidert, dass sie unseren Bundesadler und unsere Schwarz-rot-goldene-Flagge für ihre Zwecke missbrauchten, denn diese Symbole stehen für Einigkeit, Recht und Freiheit und nicht für Rechtsextremismus. Dann lief bei denen noch ein Afrodeutscher mit, den ich mit „schämen Sie sich“ begrüßte. Er meinte dann, wir wären per du und würden auf der gleichen Seite stehen – dem habe ich entschieden widersprochen. Ebenfalls schlimm finde ich, wie offen sich AfD-Mitglieder schon in der Öffentlichkeit präsentieren und wie das mittlerweile in vielen Teilen der Bevölkerung hingenommen wird. Bei einigen Zuschauern hatte man den Eindruck, dass sie große Sympathien für die Feinde unseres freiheitlichen Landes empfinden und das auch offen zeigen.
Vor kurzem habe ich mit einem 4 jährigen UNO gespielt und nachdem er mehrfach 4 Karten ziehen musste, wurde er ungehalten und wollte es einfach nicht tun.
Ich habe ihm erklärt, dass man sich an Regeln halten muss und er ziehen soll. Er weigerte sich und ich habe ihm erklärt, dass er auch nicht in den Supermarkt gehen könne und für Schokolade, die 1€ kostet, nur 50 Cent zahlen kann, was er mir nicht geglaubt hat. Ich habe ihm dann gesagt, dass sich sein Vater – ein sehr liberaler, aber auch konsequenter Mensch – sich ja auch an Regeln hält und wenn er nach Hause kommt und Hunger hat, für ihn Essen kocht und ihn nicht hungern lässt. Der Junge wollte seinen Vater daraufhin fragen, wie er das sieht. Ich habe dem Vater die Situation geschildert und darauf hingewiesen, dass ich seinem Sohn erklärt habe, dass es Regeln gibt, an die man sich zu halten hat. Kleiner Exkurs an dieser Stelle: Wie man Regeln auslegt und welche man brechen kann, das wird der kleine Junge im Laufe seines Lebens noch lernen bzw. kann man ihm erklären, wenn er älter ist – jetzt muss er erst einmal begreifen, dass man sich an Regeln hält.
Seine Oma mischte sich daraufhin ein und meinte, er ist doch erst 4. Ich habe trotzdem auf meinem Standpunkt bestanden. Sein Vater, der auch ein sehr besonnener Mensch ist, ging mit seinem Sohn kurz raus und ich weiß nicht, was sie besprochen haben. Auf jeden Fall kam der Junge wieder rein und wollte weiterspielen. Wie ich seinen Vater einschätze, hat er ihm auf seine ihm eigene vernünftige Art erklärt, dass man sich an Regeln halten muss, was sein Sprössling eingesehen hat. Ich bin froh, dass ich konsequent geblieben bin und mich nicht von seiner Oma habe überreden lassen, vom Kurs abzuweichen, denn der Bub hat durch diese Aktion positive Erkenntnisse für sein Leben gewonnen. Er kann sich auch glücklich schätzen, so einen guten Vater zu haben, der ihm als Vorbild dient – und sicher wird er ihm in ein paar Jahren auch Pragmatismus lehren, aber dafür ist er jetzt noch zu klein.
Um zu wissen, welches Geistes Kind die AfD ist, ist der Junge noch zu klein. Aber in ein paar Jahren wird sein Vater ihm das sicher erklären und ihn Demokratie, Freiheit und Nächstenliebe lehren.
Vielleicht pfeift er diese rechten Gesellen dann auch aus. Hätten sie bereits 1941 und davor gelebt, wäre der Vater mit Sicherheit auch gegen die Nazis gewesen, hätte offen seinen Unmut kundgetan und als er merkte, dass es immer schlimmer wird, vermutlich rechtzeitig das Land verlassen. Aus dem sicheren Exil hätte er seinem Sohn – wenn er alt genug ist – erklärt, was in seinem Heimatland abgeht und dass man Regeln, die Juden vorschreiben, einen Stern zu tragen, nicht folgen darf, weil sie falsch sind. Tun wir heute alles dafür, dass es nie wieder so weit kommt. Seien wir unseren Kindern Vorbild und geben wir ihnen Halt, damit sie unsere Demokratie und Werte verteidigen.
Am 8. September habe ich Geburtstag. Aber seit einigen Jahren weiß ich, dass am 8. September 1941 mit der Belagerung Leningrads eines der fürchterlichsten Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkriegs seinen Lauf nahm, woran ich an diesen Tag immer denken muss.
Schaut euch dazu bitte diesen Film an (verfügbar bis 29.9):
Was in dieser Doku leider nicht rauskommt, ist die Rolle der Sowjetunion bei diesem Verbrechen. Aus Prestigegründen sollte Leningrad um jeden Preis gehalten werden und es wurden keine Anstrengungen übernommen, die Zivilbevölkerung zu evakuieren. Hätten Stalin und Konsorten sich anders verhalten, wäre es nie so weit gekommen. Und wären die Kommunisten nicht so ignorant und untätig gewesen, hätten sie die Achsenmächte bereits Wochen vorher stoppen können, so dass diese gar nicht erst bis nach Leningrad hätten vorrücken können. Aber dies soll keine Entschuldigung für die deutschen Greueltaten in diesem Vernichtungskrieg sein. Wir müssen uns jeden Tag aufs Neue vor Augen halten, wozu Menschen fähig sind und jeden Tag aufs Neue uns dafür einsetzen, dass sich Geschichte nicht wiederholt.
An dieser Stelle möchte ich euch diesen schönen, aber sehr kritischen Song empfehlen (Billy Joel – Leningrad):
Er zeigt eindrucksvoll die Geschichte Leningrads vom Zweiten Weltkrieg bis zum Ende des Kalten Kriegs und seiner Menschen, aber auch, wie Menschen zu Freunden werden und wie der in diesem Song beschriebene Viktor nie aufgehört hat, an das Gute zu glauben und sich dafür einzusetzen. In Minute 1:35 heißt es „Cold War kids were hard to kill“. Ich selbst bin eines der letzten Kinder des Kalten Kriegs, weil ich als Jahrgang 1984 mich noch an die fürchterlichen Grenzkontrollen der DDR erinnern kann, die ich von Westeuropa her nicht kannte, die mich damals zutiefst beängstigt und verstört haben und mich bis heute prägen. Heute gibt es noch bessere Zeitzeugen, aber ich habe mir vorgenommen, sollte ich alt werden, ich werde den dann jungen Menschen davon erzählen. Auch habe ich veranlasst, dass auf meiner Beerdigung von dieser Erfahrung berichtet werden soll.
Doch wann begann und wann endete der Kalte Krieg und wer ist ein Kind des Kalten Kriegs? Ich bin der Meinung, dass sich diese Fragen nicht eindeutig beantworten lassen und daher soll es jeder für sich versuchen.
Hier meine These: Der Kalte Krieg begann schon im April 1945, weil sich herauskristallisierte, dass die Ost- und Westalliierten komplett andere Vorstellungen für die Nachkriegsordnung hatten und die Spannungen da schon sichtbar waren. Er endete für mich am 31. Dezember 1989, da die osteuropäischen Terrorregime gefallen waren und auch Glasnost und Perestroika in der Sowjetunion Wirkung zeigten.
Da man nach deutschem Recht mit 14 nicht mehr Kind ist, sind für mich alle ab dem 1. April 1931 geborenen Menschen Kinder des Kalten Kriegs. Sicher gibt es auch Menschen, die vom Kalten Krieg nicht betroffen waren, aber das jetzt zu differenzieren, ginge zu weit. Ich würde aber nicht alle, die vor dem 31. Dezember 1989 geboren wurden, als Cold War Kids bezeichnen, da man noch eine Erinnerung bzw. einen Bezug zu diesen haben muss. So würde ich die meisten Menschen meiner Generation nicht mehr dazuzählen, weil eben das alles fehlt.
Der Kalte Krieg prägte die Menschen aber auch auf verschiedenste Weise. Billy Joel war zwar weit weg von der „Front“, aber durch die Kuba-Krise doch involviert.
Durch Europa verlief der Eiserne Vorhang, der irgendwie fast alle Länder und damit auch seine Menschen tangierte. In Deutschland gab es viele geteilte Familien und dadurch auch direkte Berührungspunkte. Aber allein durch Schule und Medien konnte man sich dem Einfluss nicht entziehen. Die – zumindest latente – Angst hat die Menschen aber auch abgehärtet, was mehrere Generationen in der westlichen Welt in gewisser Weise auch stabilisiert hat. Die Kinder des Kalten Kriegs der heutigen EU- und NATO-Staaten haben meist die Seiten gewechselt und sind jetzt auf der Seite der Sieger.
Ich für meinen Teil bin gerade in so schwierigen Zeiten froh, wie wir sie gerade durchleben, Kind des Kalten Kriegs zu sein, da mich das abgehärtet hat und ich damit besser durchs Leben komme. Jüngere Menschen drohen an den immer katastrophaler werdenden Zuständen leichter zu zerbrechen. Und ich weiß, wie wichtig ein geeintes Europa ist, weil ich es noch anders kenne. Mein Vermächtnis zu Lebzeiten ist daher, mich jeden Tag aufs Neue für unsere Werte einzusetzen, bevor es zu spät ist.
Dann habe ich zufällig erfahren, dass sich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs keine Regierung so lange gehalten hat wie die von Duce Giorgia Meloni:
Das Fazit ist, dass sie nicht wirklich viel erreicht hat. Im letzten Abschnitt steht, dass Meloni sich zwar von ihrer einst rechtsextremen Ideologie gelöst hat, trotzdem bleibt sie eine Postfaschistin, der nicht zu trauen ist. Die Fratelli d´Italia und deren rechte Regierungspartner sind eines autoritären Geistes Kinder in der Nachfolge eines Benito Mussolinis, nur mit anderem Gewand. Deren Politik wird Italien und Europa auf lange Sicht zurück in ein dunkles Zeitalter führen, das einst für die Belagerung Leningrads und den Kalten Krieg verantwortlich war. Leider sieht es derzeit nicht danach aus, als ob sich das italienische Volk seiner Regierung durch Wahlen entledigen wird. Daher werden wir mit der Duce und ihren Schergen vermutlich noch einige Jahre leben müssen – mit allen Konsequenzen.
Marcel Kunz