Im Evangelium des kommenden Sonntags stellt Jesus seinen Jüngern die berühmte Frage: „Für wen haltet ihr mich?“ Unmittelbar zuvor hatten die Jünger auf die Frage „Für wen halten mich die Leute?“ einiges von den umherschwirrenden Meinungen über Jesus berichtet, was uns Heutige vielleicht ein bisschen an Quizshow-Situationen erinnert (Johannes der Täufer, Elija, Jeremia oder sonst ein Prophet stehen als Antworten zur Wahl). Nun aber, bei der Frage, die direkt an die Jünger geht, lässt der temperamentvolle Petrus gar keinen Raum für gegebenenfalls peinliches Raten, sondern gibt ohne Zögern die definitive Antwort: „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!“
Der Dialog mündet darin, dass Petrus für seine Antwort den höchsten „Preis“ bekommt, den man als Jünger Jesu bekommen kann: Jesus bestimmt ihn zum Fundament seiner Kirche: „Auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen … Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben.“ Doch zuvor geschieht etwas Erstaunliches: Auf die Antwort des Petrus sagt Jesus zunächst nicht „Richtig!“ oder etwas Ähnliches. Es folgt keine inhaltliche Bewertung, sondern eine Seligpreisung und Zuschreibung an Petrus: „Du bist Petrus – der Fels“. Jesus dreht also die Perspektive um. Aus der Frage, für wen die Leute und die Jünger ihn halten, macht Jesus eine Aussage darüber, wer die anderen, in diesem Fall Petrus, für ihn sind.
Man könnte also sagen: „Sag mir, für wen du mich hältst, und ich sage dir, wer du bist.“ Indem Petrus das hundertprozentige Vertrauen in Jesus bekundet hat, hat er sich als der Fels erwiesen, auf den Jesus seine Kirche bauen kann. Indem er eine Aussage über Jesus gemacht hat, hat er eine Aussage über sich selbst gemacht.
Wie wir andere sehen, sagt viel über uns aus. „Dich = mich“ heißt die Formel in dem Satz, der mit „Für wen halte ich …“ beginnt. Dieses Wechselverhältnis von eigener Haltung und Urteil über andere kann man nutzen, um an sich zu arbeiten. Zum Beispiel: Zu uns selbst einen positiven Bezug zu finden, wird uns helfen, eine positive Haltung zu anderen zu finden. Oder: In anderen das Gute zu sehen, hilft uns zu entdecken, dass wir diese Werte selber in uns tragen. Damit das möglich wird, müssen wir uns zunächst fragen und heraufordern lassen, so wie Jesus seine Jünger fragt und eine Antwort herausfordert.
Wer fragt? Das Leben fragt uns ständig: Ist dieser Mensch oder diese Situation nur lästig oder eine Chance zu wachsen? – Um diese Chance zu nutzen, können wir Räume, Zeiten und Gelegenheiten suchen und uns gönnen, um uns vom Leben fragen und herausfordern zu lassen, um uns selbst zu begegnen und um uns zu entwickeln. Damit uns eine möglichst gute Antwort auf die Frage einfällt: „Für wen halte ich d/mich?“
Dr. Frank Suppanz, Katholische Erwachsenenbildung (keb) Kreis Göppingen