Die Bibel erzählt ihre Botschaft oft in Bildern. Bis heute sprechen wir davon, dass jemand „den Boden unter den Füßen verliert“ oder „durch stürmische Zeiten geht“. Niemand versteht solche Redewendungen wörtlich. Sie beschreiben Erfahrungen, die jeder Mensch kennt. Auch die Heilige Schrift verwendet diese Bildsprache. Wer ihre Bilder versteht, entdeckt, dass sie nicht von einer längst vergangenen Welt erzählen, sondern bis heute aktuell sind.
Das Evangelium dieses Sonntags ist dafür ein eindrucksvolles Beispiel. Die Jünger befinden sich nachts auf dem See. Der Wind wird immer stärker, die Wellen schlagen gegen das Boot, Unsicherheit breitet sich aus. Plötzlich erscheint Jesus und geht über das Wasser auf seine Jünger zu. Petrus fasst Mut, steigt aus dem Boot und geht ihm entgegen. Doch als sein Blick auf den Wind und die Wellen fällt, überkommt ihn erneut die Angst. Er beginnt zu sinken und ruft: „Herr, rette mich!“
Wer diese Geschichte nur als eindrucksvolle Wundererzählung liest, übersieht ihren tieferen Sinn. Der See steht für die Unberechenbarkeit des Lebens. Jeder kennt Zeiten, in denen der Gegenwind stärker wird als erwartet: Krankheit, Sorgen um die Familie oder die Zukunft, Enttäuschungen oder das Gefühl, den Halt zu verlieren. Das Boot, in dem die Jünger sitzen, wurde bereits in den ersten Jahrhunderten des Christentums als Bild für die Kirche verstanden, die ihren Weg durch die Stürme der Zeit nimmt und dennoch nicht untergeht. Zugleich ist es ein Bild für jeden Menschen, der unterwegs ist und nach einem festen Halt sucht.
Petrus geht nicht aus eigener Kraft über das Wasser, sondern im Vertrauen auf Christus. Er beginnt auch nicht wegen des Sturms zu sinken, sondern in dem Augenblick, als sein Blick sich von Jesus löst und sich nur noch auf Wind und Wellen richtet. Die Angst nimmt seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch.
Diese Erfahrung ist erstaunlich zeitlos. Sorgen, Krisen und belastende Nachrichten drängen sich in den Vordergrund und bestimmen oft unseren Alltag. Das Vertrauen wird kleiner, weil die Angst größer erscheint. Doch eines verändert sich nicht: Christus bleibt derselbe. Er lässt den sinkenden Petrus nicht allein, sondern streckt ihm sofort die Hand entgegen und zieht ihn empor.
Bemerkenswert ist dabei, dass Jesus den Sturm nicht sofort beendet. Er nimmt den Jüngern auch nicht jede Angst. Vielmehr begegnet er ihnen mitten in ihrer Unsicherheit. Seine Gegenwart verändert den Sturm nicht unmittelbar, wohl aber den Menschen, der ihm begegnet.
Diese ausgestreckte Hand reicht Christus auch heute jedem Menschen entgegen. Sie gilt denen, die müde geworden sind, die den Mut verloren haben oder sich von Gott entfernt fühlen. So bleibt am Ende die Frage, die das Evangelium dieses Sonntags jedem stellt: Bin ich bereit, auch meine Hand nach Christus auszustrecken und mich von seiner liebenden Hand ergreifen zu lassen?
Vikar Patrick Kurfess, Göppingen