Ich schreibe diesen Text aus Baden‑Württemberg, aus einer Region, in der ich seit vier Jahrzehnten im Einsatz stand: Schwäbisch Gmünd, Aalen, Ulm, Göppingen, Schorndorf, Stuttgart. Orte, an denen Gewalt nicht theoretisch ist, sondern real. Orte, an denen Menschen nicht fragen, ob eine Bedrohung „realistisch“ ist – sondern ob sie sie überleben.
Und genau deshalb irritiert mich ein wachsendes Phänomen: Selbstverteidigungslehrer, die noch nie eine akute Ausnahme‑ oder Bedrohungslage erlebt haben. Menschen, die tagsüber im Büro sitzen und abends anderen erklären, wie man einen Messerangriff überlebt. Trainer, die nie mit einem Täter gesprochen haben, nie einen Übergriff gesehen haben, nie in einer Lage standen, in der Sekunden über Leben entscheiden.
Das ist nicht nur ein pädagogisches Problem. Es ist ein Risiko für die innere Sicherheit – auch hier im Südwesten. Ich berichte über aktuelle Erkenntnisse der letzten Monate, denn manchmal beginnt Aufklärung nicht mit Zahlen, sondern mit Herzklopfen – dem Moment, in dem man erkennt, dass ausgeübte Praxis in keiner Weise mit der Realität vereinbar ist.
Die Hallen‑Illusion: Sicherheit ohne Realität
Ich kenne die Einsatzrealität in Baden‑Württemberg. Ich habe Gewalt in engen Wohnungen erlebt, Übergriffe in Kneipen, Kliniken und auf offener Straße gesehen. Ich habe Menschen aus brennenden Häusern geholt, mit Opfern gesprochen, die in Panik erstarrten, die die Kontrolle verloren, die körperlich und seelisch zusammenbrachen.
Und dann sehe ich Selbstverteidigungskurse, in denen ein „Angreifer“ höflich den Arm hebt, damit der „Verteidiger“ die einstudierte Bewegung ausführen kann. Ein Ritual, das mit echter Gewalt so viel zu tun hat wie ein Planspiel mit einem Amoklauf.
Doch genau diese Rituale werden Menschen in Schwäbisch Gmünd, Ulm, Göppingen und anderswo als „Selbstschutz“ verkauft.
Gewalt in BW: impulsiv, roh, unberechenbar
Ein echter Täter brüllt. Er rastet aus. Er schlägt, tritt, sticht – chaotisch, impulsiv, brutal.
Ich habe das in Rettungswagen erlebt, an Brandstellen, in verrauchten Kneipen, in Kliniken, auf Landstraßen und in Großstädten. Gewalt ist nicht choreografierbar. Gewalt ist nicht planbar. Gewalt ist nicht „trainierbar“ im Hallenformat.
Und sie trifft Menschen, die oft völlig unvorbereitet sind.
Falsche Sicherheit ist ein politisches Problem – auch im Südwesten
Wenn Menschen glauben, sie seien vorbereitet – und es nicht sind –, entsteht ein sicherheitspolitisches Risiko. Denn falsche Sicherheit führt zu falschen Entscheidungen. Zu riskantem Verhalten. Zu Situationen, die eskalieren, weil man sich auf Techniken verlässt, die im Ernstfall versagen.
Wir diskutieren in Baden‑Württemberg über Gewalt gegen Einsatzkräfte, über Prävention, über Sicherheit im öffentlichen Raum. Doch eine Frage wird kaum gestellt:
Wer lehrt eigentlich Selbstschutz – und mit welcher Legitimation?
Es ist an der Zeit, diese Frage politisch zu stellen – auch hier im Land.
Selbstschutz braucht Einsatzrealität – nicht Hallenromantik
Gewaltprävention ist kein Hobby. Notwehr ist kein Showprogramm. Selbstschutz ist kein Hallensport.
Professionelle Selbstschutz‑Lehre braucht: Einsatzerfahrung, Notfallmedizin, Deeskalation, rechtliche Grundlagen, psychologische Mechanismen und wissenschaftliche Erkenntnisse.
Ein Ausbilder mit echter Einsatzerfahrung vermittelt Überlebenswissen. Ein Ausbilder ohne Einsatzerfahrung vermittelt bestenfalls Bewegungsabläufe. Im schlimmsten Fall vermittelt er falsche Sicherheit.
Deutschland – und Baden‑Württemberg – müssen unterscheiden
Wir brauchen eine klare gesellschaftliche und politische Unterscheidung: Zwischen Selbstverteidigung – und Selbstvergewisserung.
Zwischen realer Expertise – und pädagogischer Fantasie. Zwischen Einsatzwissen – und Hallenwissen. Zwischen Schutz – und Show.
Deutschland darf sich nicht länger von Menschen schützen lassen, die noch nie Gewalt gesehen haben. Und Baden‑Württemberg erst recht nicht.
Alfred Brandner