Während andere nach Feierabend abschalten, beginnt für mich seit über drei Jahrzehnten der zweite Dienst: Training, Lernen, Wiederholen – ein Weg, der länger dauert als jede medizinische Karriere und der im Grunde niemals endet. Ein Weg, der nicht nur fordert, sondern formt.
Ich war hauptberuflich in der Notfallrettung tätig, pendelte über Jahrzehnte zwischen Einsatzfahrten und Trainingsstätten: Heute Stuttgart, morgen München, übermorgen Innsbruck. Und dazwischen, ganz selbstverständlich: drei Mal pro Woche in die Sportschule. Ein Rhythmus, der keine Ausreden kennt – nur Weitergehen.
Ein Lebensweg, der weit über den Hörsaal hinausreicht
Der Weg zum Meister ist mehr als Seminare im Hörsaal, mehr als feste Prüfungen und klar definierte Abschlüsse. Natürlich gehören strukturierte Lehrgänge, zertifizierte Seminare und anerkannte Prüfungsordnungen dazu – sie bilden das Fundament jeder ernsthaften Kampfkunst-Ausbildung.
Doch mein Weg geht weiter: Medizinisches und notfallmedizinisches Wissen ist in allen Bereichen des Kampfsportes integriert – in Theorie und Praxis. Anatomie, Verletzungsmechanik, Stressphysiologie und Erstversorgung sind feste Bestandteile seiner Ausbildung. Und neben dem Training im Dojo standen über dreißig Jahre auch Hörsäle, Fortbildungen und medizinische Fachseminare auf dem Plan.
Wahre Meisterschaft entsteht nicht allein durch formale Ausbildung. Sie wächst im Wiederholen, im Verfeinern, im ständigen Weiterlernen. Meisterschaft folgt keinem Semesterplan – sie folgt einem Lebensrhythmus, der nie stillsteht.
Wissenschaftlich belegtes Langzeitlernen
Die moderne Sportwissenschaft beschreibt klar, warum Meisterschaft Jahrzehnte braucht: Komplexe Bewegungen stabilisieren sich erst nach tausenden Wiederholungen. Stressresistenz entsteht durch Belastung unter Druck. Und echte Expertise beginnt bei rund 10.000 Stunden – Meisterschaft liegt weit darüber.
Es ist kein Studium im klassischen Sinn. Es ist ein körperlich-geistiger Umbau, der ein Leben lang anhält.
Titel, die nicht aus Stoff bestehen – sondern aus Jahrzehnten
Aus diesem Weg entstanden Titel, die nicht aus Farbe bestehen, sondern aus Erfahrung:
- Renshi, 5. Dan Goshin Jitsu, verliehen und beurkundet unter Siegfried Lory Präsident des IFAK.
- und 2. Dan Taekwondo, beurkundet durch Woon Kyu Uhm, Präsident des World Taekwondo Headquarters.
- Dan Taekwondo, beurkundet durch die Deutsche Taekwondo Union.
Dazu kommen jahrelange Spezialisierungen zur Ausfertigung eigener Selbstschutzsysteme aus unterschiedlichen Kampfsportbereichen – ein praktisches, interdisziplinäres Langzeitlernen, das biomechanische Präzision, taktische Intelligenz, medizinisches Wissen und psychologische Stabilität verbindet.
Zwischen Blaulicht und Budo
Mein Alltag ist geprägt von Extremen: Notfallrettung, in der Sekunden entscheiden – und Kampfkünste, in denen Jahrzehnte zählen. Beides verlangt Klarheit, Disziplin und die Fähigkeit, unter Druck ruhig zu bleiben. Beides prägt den Menschen, der diesen Weg geht.
Und es ist noch nicht vorbei
Trotz aller Titel, Prüfungen und Spezialisierungen ist Brandners Weg nicht abgeschlossen. Er sagt es selbst: „Weiterentwicklung hat kein Ende. Sie ist ein Prozess.“
Das Studium geht weiter. Der Weg geht weiter. Und die Haltung dahinter bleibt dieselbe: Meister wird man nicht durch einen Abschluss – Meister wird man durch ein Leben.
Alfred Brandner