Sonntagsgedanken: Die zweite Ausfahrt – Auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen. Lukas 5

Auf den ersten Blick ist das eine Wundergeschichte wie aus dem Bilderbuch. Die ganze Nacht waren sie auf dem See gewesen, um zu fischen – und nichts hatten sie mitgebracht. Müde sind sie und frustriert.

Und nun sagt Jesus, dieser Mann, den sie kaum kennen: Fahrt noch einmal raus! Jetzt ein zweites Mal auszufahren ist nach aller Erfahrung vollkommen unsinnig. Warum sollten sie auf einmal erfolgreicher sein? Vor allem: bei Tag, wenn die Sonne scheint und die Fische das Netz leicht erkennen können?

Und doch wagen sie den zweiten Versuch. Fahren auf sein Wort noch einmal hinaus – auch wenn es völlig sinnlos erscheint. Und die Netze sind übervoll. Jesus, Menschenfreund und Gottessohn hat ihnen Mut gemacht.

Für mich ist dies eine der schönsten, bildhaftesten Geschichten der Bibel – und die vielleicht größte Mutmachgeschichte.

Bitter, wenn die Netze leer bleiben. Oder gar reißen – und alles ist verloren. Bitter, wenn es nicht geht, so wie ich es mir ersehnt habe. Das Misslingen hat viele Farben und viele Namen. Es gehört zum Leben – und kann doch alle Freude ersticken. Und manchmal liegt es an mir. Und manchmal waren womöglich meine Erwartungen an mich selbst zu hoch. Und ein anderes Mal kann ich wirklich nichts dafür, dass die Netze leer bleiben.

Und ich sehe sie vor mir, die Fischer auf ihrem Boot. Wie diese braungebrannten Männer und Frauen hinausrudern auf den See, zur zweiten Ausfahrt. Und die Sonne scheint, und auf ihren Gesichtern spiegeln sich Skepsis und Hoffnung zugleich. Und ich denke mir, dass man ihnen ansieht, dass das Leben nicht einfach ist. Und dass sie schon manches Mal leer zurückgekommen sind.

Und die Geschichte erzählt, dass sich die zweite Ausfahrt lohnt. Dass man manchmal womöglich eine dritte wagen muss.

Aber dass Gott uns nicht aufgibt. Sondern uns vielmehr, trotz allem, beschenken wird. Dass er uns immer wieder hinausschickt – manchmal auch ins Tiefe, dorthin, wo wir noch nie waren. Dass Gott uns nicht aufgibt. Und dass wir uns und andere deshalb auch niemals aufgeben sollen. Dass er uns vielmehr überraschen wird, immer wieder. Und dass die Netze voll sein werden.

 

Dietrich Crüsemann

Geschäftsführender Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Geislingen an der Steige

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