Eine Passage im Paulusbrief des kommenden Sonntags (Römer 6,9-11) lädt zu einer ungewöhnlichen Überlegung ein: das eigene Leben kaufmännisch zu bilanzieren. Betriebswirtschaftlich korrekter gesprochen: eine Gewinn- und Verlustrechnung aufzustellen.
Paulus schreibt: „Wir wissen, dass Christus, von den Toten auferweckt, nicht mehr stirbt; der Tod hat keine Macht mehr über ihn. Denn durch sein Sterben ist er ein für alle Mal gestorben für die Sünde, sein Leben aber lebt er für Gott. So begreift auch ihr euch als Menschen, die für die Sünde tot sind, aber für Gott leben in Christus Jesus.“
Was die Einheitsübersetzung mit „begreift“ wiedergibt, ist im Urtext ein Begriff aus der Sprache des Rechnungswesens, man könnte also übersetzen: „Rechnet euch als tot für die Sünde, aber als lebendig für Gott in Christus Jesus.“
Paulus kann hier sehr entschieden aufrechnen, weil für ihn klar ist, dass die Zuwendung zum Glauben ein Gewinn ist. Das gilt schon allein aus moralischen Gründen, weil etwas Böses beendet wird und etwas Gutes an dessen Stelle tritt. Aber auch wenn wir den Vorgang als Tauschgeschäft sehen, ist er ein Gewinn. Denn auf der Minus-Seite, auf der Seite dessen, was wir aufgeben und verlieren (Macht- und Gewinnstreben, Egoismus und Rücksichtslosigkeit), steht etwas Hinderliches, was Entfaltung hemmt. Indem wir es ablegen, wird es selber zu etwas Begrenztem. Auf der Plus-Seite steht Leben, also etwas Dynamisches, das sich entfaltet und vermehrt, also Wachstum und Zukunft. Wenn man abrechnet, muss man sagen: Das ist das Wertvollere: Wenn wir das, was uns hemmt, hinter uns lassen, gewinnen wir eine Fülle an Entwicklungsmöglichkeiten.
Diese Perspektive lässt sich auch jenseits religiöser Fragestellungen fruchtbar machen, zum Beispiel unter dem Gesichtspunkt der Persönlichkeitsentwicklung. Der Gedanke lenkt den Blick weg von dem, was einschränkt, belastet und gegebenenfalls krank macht, hin zu dem, was stärkt, heilt und Zukunftsperspektiven eröffnet. In jedem Seminar oder Workshop, in dem es um Persönlichkeitsentwicklung geht, erarbeiten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer solche lebensfreundlichen Perspektiven, gleich ob es um Konfliktmanagement, Kommunikation, Stressbewältigung, Achtsamkeit, Resilienz und manches mehr geht. Und auf dieser Ebene zählt jeder einzelne Schritt. Wenn wir dem, was uns ungut bremst, ein Stoppsignal senden, es zu Vergangenheit werden lassen und uns dem zuwenden, was uns wachsen lässt: Dann erleben wir einen Gewinn an Energie und Lebensfreude.
Wo immer das Gefühl auftaucht, an etwas Schlechtem festzuhängen, könnte man in Anlehnung an Paulus sagen: Für Hinderliches sterben, für Entwicklung leben –eine gute Bilanz.
Dr. Frank Suppanz, Katholische Erwachsenenbildung (keb) Kreis Göppingen