Sonntagsgedanken: „Christsein beginnt immer mit der Erkenntnis der eigenen Ohnmacht“

In der Leseprobe über ein christliches Buch bin ich über folgenden Satz gestolpert:

„Christsein beginnt immer mit der Erkenntnis der eigenen Ohnmacht.“

Auf den ersten Blick hat mich diese Aussage irritiert, jedoch stand mir recht schnell Jesus vor Augen, der so „ohnmächtig“ vor den Hohenpriestern und vor Pilatus steht. Er scheint kein Mittel in der Hand zu haben, sich gegen die Verurteilung zum Tod zu wehren, dabei ist er doch Gottes Sohn. Wie geht das zusammen?

Wer sich einlässt auf die Texte der Karwoche, gelangt wieder und wieder an diesen Punkt des Unfassbaren: Jesus, der weise Lehrer und Meister, der mit göttlicher Kraft Wunden und Herzen heilt, ist ohnmächtig. Und selbst seine flehende Bitte, sein Vater möge den Kelch an ihm vorübergehen lassen, bleibt unerhört.

Macht es da überhaupt Sinn, an Gott zu glauben, einen Gott, der seinen Sohn im Stich lässt und einem solch grausamen Tod überlässt?

Wie oft sind wir selbst in einer Situation, in der wir Gott anflehen und schier verzweifeln angesichts von Schicksalsschlägen, unheilbarer Krankheit, zerrütteten Beziehungen, Einsamkeit, Verzweiflung, Schuld und fragen uns ohnmächtig, warum Gott nicht eingreift und hilft.

Der Wendepunkt ereignet sich dort, wo offensichtlich nichts mehr geht, Jesus stirbt. Jede Hoffnung ist begraben, für seine Anhänger bricht eine Welt zusammen.

Da, am tiefsten Punkt menschlicher Erfahrung, greift Gott mit Macht ein und erweckt nicht nur Jesus, sondern schenkt allen, die auf Jesus gesetzt haben, Glaube, Hoffnung und Liebe. Eine größere Transformation von allem was tötet, was lähmt, was gefangen hält, zum Lebendigen, zu neuer Hoffnung, zu ersten Schritten in das neue Leben, ist nicht möglich. Auferstehung – ein Ereignis? Eine Erfahrung? Oder doch nur ein frommes Wort?

Diese Frage muss jede und jeder für sich selbst beantworten.

Die drei Tage von Karfreitag bis Ostern zeigen die radikale Ohnmacht Jesu und die einzigartige Macht Gottes. Sie zeigen, dass es zur menschlichen Erfahrung gehört, sich ausgeliefert, schwach und ohnmächtig zu fühlen. Sie zeigen aber auch, dass gerade im Eingeständnis der tiefsten Ohnmacht und Schwachheit, Gottes Kraft erfahrbar wird. Zugegeben ein schwerer Weg, aber gerade hier kann sich die christliche Gemeinschaft bewähren und Halt geben – und gemeinsam Auferstehung feiern.

 

Elke Lang, Seelsorgerin bei Menschen mit Behinderung, Dekanat Göppingen-Geislingen

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