Sonntagsgedanken: Fisch und Fleisch

Man kann von unseren Politikern oder öffentlichen Entscheidungsträgern halten, was man will, doch müssen wir ihnen zugestehen, dass auch sie nicht in die Zukunft schauen können. So wie wir alle, treffen auch Politiker ihre Entscheidung aus einer bestimmten Situation heraus, verbunden mit der Hoffnung, dass sie sich in der Folge als klug und richtig herausstellen wird. Ein Leichtes ist es hingegen, im Nachhinein alles besser zu wissen, ohne wirklich beurteilen zu können, wie es zu einer bestimmten Entscheidung gekommen ist.

Am 4. Juli 973 starb einer der größten Politiker seiner Zeit, der zudem als erster Politiker offiziell vom Papst heiliggesprochen wurde: Ulrich, aus dem Geschlecht der späteren Grafen von Dillingen, übernahm mit 33 Jahren den Bischofssitz in Augsburg. Er war ein gern gehörter Berater der deutschen Könige und zugleich ein umsichtiger und bescheidener Kirchenfürst. Hoch zu Ross gelang es ihm im Jahr 955, der Belagerung der Stadt durch die Ungarn so lange Stand zu halten, bis Verstärkung eintraf. Auf dem Höhepunkt seines Ansehens beschloss er, sich von seinen weltlichen Verpflichtungen zurückzuziehen und sich der Seelsorge und der Bildung zu widmen.

Doch auch er hatte Widersacher und Neider. Die Legende erzählt, dass ein Herzog, dem Ulrich unterstellt hatte, sich nicht an Recht und Gesetz zu halten, eines Nachts einen Boten schickte. Ulrich bot dem hungrigen Gast die Reste des Nachtmahls an, nicht ahnend, dass es bereits nach Mitternacht und damit Freitag war. Anstatt zu essen, nahm der Gast die angebotene Gänsekeule mit zu seinem Herrn, um damit dem Bischof einen Verstoß gegen das Freitagsgebot nachweisen zu können. Doch als er freudestrahlend seinem Herrn das vermeintliche Beweisstück überbrachte, hatte sich die Gänsekeule – oh Wunder! – in einen freitagstauglichen Fisch verwandelt! So war alles anders, als es auf den ersten Blick erschien!

Ist es nicht zu einem Phänomen unserer Zeit geworden, dass wir uns gerne davor drücken, Verantwortung zu übernehmen, aber dann ständig auf die schimpfen, die die Verantwortung haben und die Entscheidungen treffen müssen? Wenn ich mir früher an einem heißen Kaffee die Zunge verbrannt habe, dann war ich selber daran schuld. Heute verklage ich den Barista, der mich nicht darauf aufmerksam gemacht hat, dass frischer Kaffee heiß sein könnte.

Jetzt, wo der erste Schrecken nach der Corona-Pandemie der Sehnsucht nach Normalität weicht, und die wirtschaftliche Katerstimmung auf unser Wohlbefinden schlägt, beginnen wir die Frage zu stellen, wem wir das alles zu verdanken haben! Wer hat zu welcher Zeit aus welchem Grund was entschieden? Bevor wir jedoch im Brustton der Überzeugung auf die Gänsekeule schimpfen, sollten wir uns vergewissern, ob wir nicht in Wirklichkeit einen Fisch in der Hand halten! Und sind nicht am Ende die die Schlimmsten, die weder Fisch noch Fleisch sind?

Bildnachweis: mirjanasuvajac0 auf Pixabay

 

Stefan Pappelau, kath. Pfarrer in St. Maria, Göppingen

 

 

 

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