WENN MENSCHEN SICH VORSÄTZLICH SCHÄDIGEN – UND WARUM UNSERE GESELLSCHAFT DAS NICHT MAL MERKT

Wir reden über alles Mögliche, aber nie über das, was uns wirklich kaputt macht: Menschen, die einander bewusst verletzen.

Manchmal frage ich mich, ob die Gesellschaft noch funktioniert – oder ob sie einfach beschlossen hat, kollektiv auf „Energiesparmodus“ zu gehen. Wer das nicht glaubt, soll morgens durch Gmünd laufen: Da sieht man mehr genervte Gesichter als beim Versuch, am Schießtal rückwärts einzuparken. Und wenn man denkt, schlimmer geht’s nimmer – fährt man nach Göppingen. Dort ist schlechte Laune quasi kommunale Pflichtveranstaltung.

Zwischen Gmünd und Göppingen schädigen sich Menschen gegenseitig schneller, als ein Gerücht über neue Baustellen die Runde macht. Ein schiefer Blick, ein spitzer Kommentar, ein bewusst gesetzter Stich – und schon brennt die Luft. Ethik und Moral? So selten wie ein Gmünder, der nicht über Gmünd schimpft, oder ein Göppinger, der nicht sagt: „Früher war alles besser.“ Und das Schönste: Beide haben recht. Irgendwie. Irgendwann. Irgendwo.

Überall begegnen wir Menschen, die durch die sozialen Maschen gefallen sind. Nicht, weil sie nichts taugen – sondern weil ihnen das fehlt, was heute seltener ist als ein Parkplatz in der Gmünder Innenstadt oder ein ruhiger Samstag in Göppingen: Selbstvertrauen und innere Zufriedenheit. In den Familien sieht’s nicht besser aus. Da wird die Adventszeit oft zur emotionalen Abrissbirne. Verletzungen, Neid, alte Rechnungen – alles auf dem Tisch, aber keiner räumt ab. Man nennt das „Heimeligkeit“.

Frust ist die neue Volkskrankheit. Und wer glaubt, das sei übertrieben, hat noch nie gesehen, wie ein Mensch aussieht, dessen Herz nicht nur „gebrochen“, sondern vorsätzlich beschädigt wurde. Das zentrale Nervensystem ist kein Ostalb‑Granit – es bricht, wenn man es lange genug mit emotionalen Vorschlaghämmern bearbeitet. Aber klar: Hauptsache, der Mülltonnendeckel steht richtig.

Ein gutes soziales Klima wäre wichtig. Aber wir leben in einer Zeit, in der Menschen eher bereit sind, ihren Nachbarn wegen einer schiefen Mülltonne zu verklagen, als ihm mal zuzuhören. Fehlt Anerkennung, wird man dünnhäutig. Fehlt Zugehörigkeit, wird man krank. Fehlt Wertschätzung, wird man gefährlich. Und irgendwann explodiert jemand – nicht, weil er böse ist, sondern weil er einfach voll ist. Göppingen nennt das „Dienstag“.

Dabei könnte jeder – vom Chef bis zur Reinigungskraft – ein Vorbild sein. Könnte. Aber viele spielen lieber die Rolle des passiv‑aggressiven Statisten im Drama ihres eigenen Alltags. Hauptsache, man kann später sagen: „I war’s net.“

Wir vergessen oft, dass jeder Mensch ein Unikat ist. Milliarden Menschen – und trotzdem gibt es jeden nur einmal. Das allein sollte reichen, um nicht an sich zu zweifeln. Aber vorsätzliches Fehlverhalten ist der wahre Schaden unserer Zeit. Auf ihm wachsen Hass, Habgier, Eifersucht und Neid. Und daraus entsteht das, was uns wirklich kaputt macht: Menschen, die Menschen schädigen. Ganz ohne Virus. Ganz ohne Fieber. Einfach nur menschlich – und leider ziemlich erfolgreich.

Ich treffe täglich Menschen, die mir überlegen sind. Reicher, klüger, sportlicher, schöner. Na und? Das Problem ist nicht, dass andere besser sind. Das Problem ist, dass viele nicht wissen, wer sie selbst sind. Wer sich nicht kennt, bekämpft andere. Wer sich kennt, braucht das nicht.

Ein erfolgreicher Freund sagte mir einmal: „Wenn eine Entscheidung ansteht – triff sie.“ Und ich dachte: Das ist eigentlich alles, was man wissen muss. Zögern blockiert. Zögern zerstört Kreativität. Zögern macht krank. Mut zur Entscheidung bedeutet Mut zum Leben.

Eine einzige Entscheidung kann ein Leben erleichtern: die Entscheidung für Ehrlichkeit. Wer sich dafür entscheidet, spart sich Lügen, Ausreden und nächtliche Grübelattacken. Ehrlichkeit ist kein Risiko – sie ist ein Rettungsring.

Und dann wäre da noch der Glaube – nicht religiös, sondern existenziell. Glaube ist ein Muskel. Man fällt, man steht auf, man versucht es erneut. Wer den Glauben an sich verliert, verliert die Zukunft. Manchmal reicht ein einziger Funke Hoffnung, um wieder in die Gesellschaft einzusteigen. Und manchmal reicht ein einziger Mensch, der sagt: „I sieh di.“

Alfred Brandner

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