Wirtschaftskrise bremst Ausbildung: Fast jeder dritte Betrieb plant weniger Ausbildungsplätze

IHK-Ausbildungsumfrage 2026 zeigt: Bewerbermangel und Ausbildungsreife bleiben zentrale Herausforderungen.

Die schwierige Wirtschaftslage wirkt sich zunehmend auf den Ausbildungsmarkt in Baden-Württemberg aus. Fast jeder dritte Ausbildungsbetrieb (30 Prozent) rechnet damit, in diesem Jahr weniger Ausbildungsplätze anzubieten. Im vergangenen Jahr lag dieser Anteil noch bei 26 Prozent. Gleichzeitig wollen 56 Prozent ihr Angebot unverändert fortführen (2025: 60 Prozent). Das zeigt die aktuelle Ausbildungsumfrage der IHKs in Baden-Württemberg.

„Dass immer mehr Betriebe ihr Ausbildungsangebot reduzieren wollen, ist ein Alarmsignal“, sagt Claus Paal, Vizepräsident des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertages (BWIHK) und Präsident der IHK Region Stuttgart. Die IHK ist im BWIHK federführend für Fragen der Beruflichen Ausbildung. „Viele Unternehmen stehen derzeit unter erheblichem wirtschaftlichem Druck. Unsichere Rahmenbedingungen, geopolitische Spannungen und der rasante technologische Wandel – etwa durch Künstliche Intelligenz – erschweren langfristige Entscheidungen und bremsen zunehmend auch Investitionen in die Ausbildung.“

Von den befragten Betrieben verfügen 97 Prozent über eine Ausbildungsberechtigung. In der Tendenz wollen besonders häufig Unternehmen aus den sonstigen Dienstleistungen (37 Prozent), der Medienbranche (36 Prozent) und der IT-Branche (36 Prozent) ihr Ausbildungsangebot reduzieren. Paal appelliert: „Gerade jetzt dürfen wir bei der Ausbildung nicht nachlassen. Wer heute ausbildet, sichert sich die Fachkräfte von morgen und stärkt die Wettbewerbsfähigkeit seines Unternehmens. Wir als IHK stehen dabei verlässlich an der Seite der Unternehmen und unterstützen jeden Betrieb, der ausbildet.“

Andreas Schwarz, Fraktionsvorsitzender Grüne im Landtag Baden-Württemberg sagt: „Die duale Ausbildung ist eine große Stärke Baden-Württembergs: Sie eröffnet jungen Menschen beste Perspektiven, verbindet Theorie und Praxis und sichert unseren Unternehmen die Fachkräfte von morgen. Gerade in der Transformation brauchen wir Betriebe, die Verantwortung übernehmen, moderne Ausbildungsangebote und eine starke Berufsorientierung, die jungen Menschen hilft, den Weg zu finden, der zu ihnen passt.“

„Die duale Ausbildung eröffnet jungen Menschen alle Chancen und sichert unserer Wirtschaft die Fachkräfte von morgen. Als Kfz-Meister und Familienunternehmer weiß ich: In Betrieben und Berufsschulen wachsen Kompetenzen, Selbstvertrauen und Verantwortung. Deshalb müssen wir früher für berufliche Bildung begeistern, mehr Praxis in alle Schularten bringen, Grundlagen stärken und Ausbildungsbetriebe von Bürokratie entlasten. So wird aus Talent Können – und aus Können Zukunft“, sagt Tobias Vogt, Vorsitzender der CDU-Landtagsfraktion in Baden-Württemberg.

Bewerbermangel und fehlende Ausbildungsreife bleiben größte Herausforderungen

Der Mangel an geeigneten Bewerberinnen und Bewerbern bleibt für die Unternehmen eine zentrale Herausforderung. 69 Prozent der Betriebe nennen ihn als Grund für Schwierigkeiten bei der Besetzung von Ausbildungsplätzen. Hinzu kommt: Fast jeder befragte Betrieb (94 Prozent) sieht bei Schulabgängerinnen und Schulabgängern Defizite in den grundlegenden Voraussetzungen für eine erfolgreiche Ausbildung – sieben Prozentpunkte mehr als im Vorjahr. Als besonders gravierend bewerten die Unternehmen Defizite bei der Belastbarkeit (51 Prozent), der grundlegenden mentalen Leistungsfähigkeit (45 Prozent) und der Disziplin (41 Prozent). Aber auch bei den schulischen Grundkompetenzen sehen viele Betriebe Nachholbedarf – insbesondere bei den elementaren Rechenkenntnissen (40 Prozent), dem mündlichen und schriftlichen Ausdrucksvermögen in Deutsch (36 Prozent) sowie den wirtschaftlichen Grundkenntnissen (34 Prozent).

„Die Ergebnisse sind ein Weckruf. Zu viele Jugendliche verlassen die Schule, ohne ausreichend auf die Anforderungen des Berufslebens vorbereitet zu sein. Mehr lebensnaher Unterricht und Praxisorientierung sind deshalb überfällig. Die geplanten bundesweiten Kürzungen bei der beruflichen Orientierung gehen jedoch in die völlig falsche Richtung. Wer Fachkräfte-sicherung ernst meint, darf gerade an dieser Stelle nicht sparen. Jeder Euro, der hier gekürzt wird, fehlt, um junge Menschen und Unternehmen noch besser zusammenzubringen“, mahnt Claus Paal.

Viele Betriebe investieren bereits zusätzlich in die Ausbildungsreife junger Menschen. 37 Prozent bieten eigene Nachhilfe- oder Förderangebote an, 31 Prozent geben lernschwächeren Jugendlichen bewusst eine Chance. Rund 27 Prozent der befragten Unternehmen geben jedoch an, leistungsschwächere Schulabgängerinnen und Schulabgänger nicht ausreichend fördern und integrieren zu können Als Gründe nennen sie auch hier die schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen oder fehlende personelle Ressourcen.

Veränderung für eine zukunftsfähige Ausbildung

Für eine zukunftsfähige duale Ausbildung wünschen sich die befragten Unternehmen in Baden-Württemberg vor allem mehr Praxisbezug im Unterricht (67 Prozent), eine engere Zusammenarbeit zwischen Schule und Betrieb (44 Prozent), zusätzliche Qualifizierungsangebote während der Ausbildung (39 Prozent), eine grundsätzliche Modernisierung der Prüfungen (35 Prozent) sowie verbesserte Unterstützung für lernschwächere oder sozial benachteiligte Auszubildende, etwa durch Lerncoaches oder Mentoring (34 Prozent).

Die IHK Region Stuttgart setzt sich laufend für eine Modernisierung der dualen Ausbildung ein – zum Beispiel beim jährlichen Zukunftskongress, der dieses Jahr am 14. Oktober stattfindet – oder durch zahlreiche Zusatzqualifikationen, wie KI und maschinelles Lernen.

IHK-Forderungen für eine stabile und moderne Ausbildung

  • Berufsorientierung stärken statt kürzen.
  • Berufliche und akademische Bildung gleichwertig behandeln.
  • Mehr Praxis bereits während der Schulzeit.
  • Ausbildungsreife stärken – insbesondere Grundkompetenzen.
  • Berufsschulen modern ausstatten und Lehrkräfte qualifizieren.
  • Ausbildungsbetriebe aktiv unterstützen und entlasten.
  • Finanzielle Anschubförderung für Betriebe, die erstmals ausbilden.

 

Hintergrund zur Umfrage:

Die Umfrage ist Teil der aktuellen bundesweiten ‚IHK-Onlineumfrage zur Ausbildung 2026‘ und wurde gesondert für Baden-Württemberg ausgewertet. Sie liefert Einblicke in die Ausbildungspraxis von 2.160 Betrieben im Bundesland. Die Betriebe wurden vom 11. bis 29. Mai 2026 befragt. Ziel ist, Herausforderungen und Entwicklungen in der beruflichen Bildung sichtbar zu machen, um Impulse für die politische Diskussion zu geben.

Der Baden-Württembergische Industrie- und Handelskammertag (BWIHK) ist eine Vereinigung der zwölf baden-württembergischen Industrie- und Handelskammern (IHKs). In Baden-Württemberg vertreten die zwölf IHKs die Interessen von mehr als 650.000 Mitgliedsunternehmen. Zweck des BWIHK ist, in allen die baden-württembergische Wirtschaft und die Mitgliedskammern insgesamt betreffenden Belangen gemeinsame Auffassungen zu erzielen und diese gegenüber der Landes-, Bundes- und Europapolitik sowie der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) und anderen Institutionen zu vertreten.

 

PM Baden-Württembergischer Industrie- und Handelskammertag

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