Die Verbraucherorganisation foodwatch fordert die Bundesregierung auf, bei der Zuckersteuer standhaft zu bleiben und sich nicht von den Schreckensszenarien der Getränkeindustrie beeindrucken zu lassen. Zuletzt hatten Getränkeunternehmen massiv gegen die Zuckersteuer mobilisiert und vor negativen Folgen für die Wirtschaft gewarnt. Aus Sicht von foodwatch sprechen die wissenschaftlichen Fakten klar für eine nach Zuckergehalt gestaffelte Steuer – selbst aus wirtschaftlicher Perspektive. Die Maßnahme ist im Kassen-Beitragsstabilisierungsgesetz eingeplant, das Ende der Woche verabschiedet werden soll.
„Auf den letzten Metern malt die Zuckerlobby noch einmal den Teufel an die Wand, um die Zuckersteuer zu verzögern oder zu verwässern. Die Bundesregierung darf sich von den Schreckensszenarien der Getränkeindustrie nicht einlullen lassen. Die Fakten sprechen klar für die Steuer: Sie senkt den Zuckerkonsum, schützt die Gesundheit gerade von Kindern und entlastet die Krankenkassen. Die Wirtschaft profitiert größtenteils sogar von der Steuer – das belegen die Erfahrungen aus anderen Ländern!“, sagte Luise Molling foodwatch.
foodwatch nennt sieben Gründe, warum eine Zuckersteuer auf Getränke sinnvoll und notwendig ist:
1. Geringerer Zuckerkonsum
Deutschland ist in Westeuropa Spitzenreiter beim Zuckerkonsum über Getränke: Im Schnitt nehmen Menschen hierzulande 27 Gramm Zucker pro Tag allein über Getränke auf – mehr als über Süßigkeiten. Zucker in flüssiger Form ist besonders problematisch. Regelmäßiger Konsum von Süßgetränken erhöht das Risiko für zahlreiche Krankheiten wie Adipositas, Typ-2-Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Eine nach Zuckergehalt gestaffelte Abgabe wie in Großbritannien reduziert den Zuckerkonsum wirksam: Dort sank die Zuckeraufnahme über Getränke um rund fünf Gramm pro Tag.
2. Milliarden-Einsparungen im Gesundheitssystem
Eine Studie der Technischen Universität München zeigt: Eine Zuckersteuer könnte innerhalb von 20 Jahren gesellschaftliche Kosten in Höhe von 16 Milliarden Euro einsparen – allein im Gesundheitssystem rund vier Milliarden Euro. Zusätzlich entstehen direkte Einnahmen, die in Präventionsprogramme fließen könnten. Die Finanzkommission Gesundheit rechnet mit jährlichen Einnahmen von rund 450 Millionen Euro.
3. Schutz der Kindergesundheit
Kinder und Jugendliche trinken besonders viele gesüßte Getränke – im Durchschnitt mehr als einen halben Liter pro Tag. Gerade Produkte, die an Kinder vermarktet werden, sind häufig besonders stark gezuckert. Ein 500-Milliliter Trinkpäckchen Durstlöscher enthält zum Beispiel ganze 60 Gramm Zucker. Trotz angeblicher Reduktionsbemühungen der Industrie ist der Zuckergehalt von Kindergetränken zwischen 2019 und 2024 sogar um 23 Prozent gestiegen. Ein hoher Konsum von Zuckergetränken kann lebenslange gesundheitliche Folgen haben. Eine Limo-Steuer wäre daher ein wichtiger Beitrag zum Schutz von Kindern und Jugendlichen.
4. Schreckensszenarien der Industrie unbegründet
Die Getränkeindustrie warnt vor wirtschaftlichen Schäden, Arbeitsplatzverlusten und Belastungen für Unternehmen. Wissenschaftlich Studien stützen diese Behauptungen nicht. Im Gegenteil. Die Weltbank fasst in einem Bericht von 2020 zusammen: „Neue Erkenntnisse aus unabhängigen Evaluierungs- und Modellstudien belegen durchweg positive Nettoauswirkungen von Steuern auf zuckerhaltige Erfrischungsgetränke auf die Wirtschaft, darunter Zuwächse bei der Gesamtbeschäftigung und der Produktivität sowie höhere staatliche Ausgaben aufgrund zusätzlicher Einnahmen.” Auch die bislang umfassendste Übersichtsarbeit zur britischen Zuckersteuer aus dem Jahr 2025, die 38 Einzelstudien auswertet, kommt zu dem Schluss: Die Abgabe habe konsistent zu einer Reformulierung von Erfrischungsgetränken, einem Rückgang des Zuckerkonsums sowie gesenkten Kosten im Gesundheits- und Sozialwesen beigetragen – bei nur geringen negativen wirtschaftlichen Effekten auf die Industrie.
5. Menschen mit niedrigem Einkommen profitieren besonders
Menschen mit geringerem Einkommen trinken im Durchschnitt häufiger Softdrinks als wohlhabendere Gruppen. Zwar kann eine Herstellerabgabe deshalb finanziell stärker auf Haushalte mit geringem Einkommen wirken. Entscheidend ist jedoch der gesundheitliche Effekt: Sozial benachteiligte Menschen profitieren besonders stark. Eine Limo-Abgabe beugt in dieser Gruppe Übergewicht und ernährungsbedingten Krankheiten wie Adipositas oder Diabetes besonders wirksam vor. Das zeigt die Erfahrung aus Großbritannien.
6. Ausgewogeneres Getränkeangebot
Das Angebot an Erfrischungsgetränken in Deutschland ist stark überzuckert; zuckerarme oder ungesüßte Alternativen sind die Ausnahme. Die bisherige Strategie der Bundesregierung, auf freiwillige Zuckerreduktion durch die Industrie zu setzen, ist gescheitert. Nach Daten des Max Rubner-Instituts ist der Zuckergehalt in Getränken von 2018 bis 2024 lediglich um gut 9 Prozent gesunken. In Großbritannien führte die Zuckersteuer im gleichen Zeitraum zu einer Reduktion um rund 30 Prozent. Eine Zuckersteuer korrigiert damit ein Marktversagen – schneller und wirksamer, als freiwillige Selbstverpflichtungen es jemals geschafft haben.
7. Weltweit erprobt und von Expert:innen empfohlen
Mehr als 100 Länder weltweit erheben bereits Steuern auf gesüßte Getränke. Zahlreiche wissenschaftliche Auswertungen zeigen positive Effekte. Eine Limo-Abgabe wird die Adipositas-Krise nicht allein lösen. Sie ist aber ein zentraler Baustein im Kampf gegen ernährungsbedingte Krankheiten. Expert:innen und Fachorganisationen empfehlen sie seit Jahren.
foodwatch fordert die Bundesregierung auf, eine nach Zuckergehalt gestaffelte Steuer auf gesüßte Getränke einzuführen. Entscheidend sei die konkrete Ausgestaltung: Sie muss Herstellern einen klaren Anreiz geben, den Zuckergehalt ihrer Produkte deutlich zu senken. Die Steuer sollte alle gezuckerten Getränke, auch milchbasierte, umfassen. Zudem sollte sie auch Süßstoffe einbeziehen. Die Krankenkassen sollten die Einnahmen in Präventionsprogramme und Maßnahmen zur Förderung der gesunden Kinderernährung investieren.
Quellen und weiterführende Informationen:
- 27 Gramm Zucker pro Tag über Getränke: https://www.foodwatch….-getraenke
- Studie zu gesundheitlichen Schäden durch Limo-Konsum: https://link.springer….25-26141-2
- Reduktion des Zuckerkonsums durch Limo-Steuer in Großbritannien: https://jech.bmj.com/c…t/78/9/578
- Studie der TU München und Universität Oxford zur Einsparung von Gesundheitskosten durch Zuckersteuer: https://www.tum.de/akt…-einsparen
- Von der Finanzkommission Gesundheit erwartete Einnahmen: S. 436: https://www.bundesgesu…260330.pdf
- Süßgetränkekonsum von Kindern: https://www.rki.de/DE/…le&v=2 (S. 11)
- Kindergetränke meist überzuckert: https://www.foodwatch….berzuckert
- Zuckergehalt von Kindergetränken gestiegen: https://www.bmleh.de/D…oring.html
- Kurzbericht der Weltbank zu ökonomischen Effekten der Limo-Steuer: https://openknowledge….d7/content
- Britische Übersichtsstudie zum Effekt der Zuckersteuer: https://www.medrxiv.or…25326734v2
- Studien zu positiven Effekten der Limo-Steuer bei benachteiligten Bevölkerungsgruppen: https://journals.plos….ed.1004160 ; https://pmc.ncbi.nlm.n…C11008889/
- Angebot an Erfrischungsgetränken überzuckert: https://www.foodwatch….hersteller
- Reduktion des Zuckergehalts in Erfrischungsgetränken von 2018-2024: https://www.mri.bund.d…_bfrei.pdf
- Reduktion des Zuckergehalts in Großbritannien: https://karger.com/anm…-Reduction
- Übersicht über Zuckersteuern weltweit: https://ssbtax.worldbank.org/
PM foodwatch e.V.