- Wahrscheinlichkeit für gefährliche Hochwasser steigt durch Klimakrise
- Landesregierung und Kommunen müssen handeln
- Ökologischer Hochwasserschutz günstiger und effektiver
Fünf Jahre nach der katastrophalen Flut im Ahrtal zeigt eine neue Recherche des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND): Auch Baden-Württemberg ist noch immer nicht ausreichend auf die zunehmenden Wetterextreme vorbereitet. Statt Flüssen mehr Raum zu geben, werden wichtige Überflutungsflächen weiter mit Siedlungen und Straßen zugebaut. In Baden-Württemberg haben die großen Flüsse fast die Hälfte ihrer natürlichen Überschwemmungsgebiete verloren. Insbesondere der Rhein ist betroffen: er hat 82 Prozent weniger Platz, um über die Ufer zu treten. In Vergleich mit anderen Bundesländern flussabwärts ist Baden-Württemberg mit diesem Wert trauriger Spitzenreiter. Auch die Iller hat 74 Prozent weniger Platz zum Ausufern.
Im Zuge der Klimakrise kann das gefährlich werden: Nordatlantik und Mittelmeer heizen sich immer mehr auf. Das macht Starkregenereignissen wahrscheinlicher und kann zu mehr Hochwasserkatastrophen führen. Auch wenn die Flüsse in Baden-Württemberg aktuell eher unter Niedrigwasser leiden, zeigen die vergangenen Jahre wie schwer Hochwasser auch das Land treffen kann: Etwa im Mai und Juni 2024, als im Donaugebiet und an den Neckarzuflüssen durch Überflutungen Menschen ihre Häuser verlassen mussten und in Schorndorf zwei Menschen ums Leben kamen. Erstmalig liegt mit der BUND-Recherche ein Gesamtüberblick über den Verlust von Überschwemmungsflächen der 79 größten Flüsse in Deutschland und über die Investitionen in den Hochwasserschutz aller Bundesländer vor. Die Recherche deckt auf, dass nur ein Bruchteil der Mittel in Maßnahmen des natürlichen Hochwasserschutzes fließt. In Baden-Württemberg gaben Bund und Land 2024 mehr als 100 Millionen Euro für technischen Hochwasserschutz aus. Für zehn Projekte zum Deichrückbau als natürliche Schutzmaßnahme gab es jedoch gerade einmal 2,9 Millionen Euro.
Martin Bachhofer, BUND-Landesgeschäftsführer: „Nicht erst nach der verheerenden Ahrtalflut mit mehr als 100 Toten vor fünf Jahren wissen wir, dass wir uns besser vor Hochwasser schützen müssen. Aber enge Bebauung, höhere Deiche und immer mehr Polder sind keine adäquate Antwort. Technische Maßnahmen können die Fluten zwar kurzzeitig managen; ein langfristiger, klimaangepasster Hochwasserschutz ist damit aber weder machbar noch wirtschaftlich sinnvoll. Hinzu kommt: In Zeiten zunehmender Wasserknappheit und Grundwasserstress lassen wir kostbares Wasser einfach durch die Entwässerungsanlagen ablaufen, anstatt es im Boden zu speichern. Deshalb brauchen wir mehr Raum für die Flüsse, Geld für die Wiederherstellung von Auen, einen Stopp der Flächenversiegelung und deutlich mehr Investitionen in ökologischen Hochwasserschutz.“
Damit aus diesen Forderungen konkrete Maßnahmen werden, wurde 2024 das Gewässerbündnis von BUND, NABU und Landesfischereiverband Baden-Württemberg ins Leben gerufen. Es unterstützt landesweit Kommunen, Umweltverbände, Fischereivereine und weitere Akteure mit fachlicher Begleitung, berät bei der Entwicklung von Projekten zur Revitalisierung von Gewässern und zum ökologischen Hochwasserschutz und bietet eine Plattform für Austausch und Vernetzung.
Beton und Landwirtschaft statt Überschwemmungsflächen
Nur etwa ein Prozent der heutigen Auen in Deutschland ist im Vergleich zu ihrem natürlichen Zustand kaum verändert. Das lässt sich an der Art der heutigen Nutzung bundesweit ablesen: Auf 43 Prozent der Fläche der ehemaligen Auen ist heute Grünland, gefolgt von Ackerland mit 26 Prozent. Sieben Prozent dienen als Siedlungs-, Verkehrs- und Gewerbefläche, was mit hohen Versiegelungswerten einhergeht. Auf weniger als drei Prozent der rezenten (überflutbaren) Auen finden sich Feuchtgebiete und nasse Wiesen.
Viel Geld für falsche Maßnahmen
Bachhofer: „In Baden-Württemberg wird zu viel Geld in die falschen Maßnahmen investiert. Insbesondere angesichts der angespannten Haushaltslage sollte die grün-schwarze Koalition statt auf teuren und wartungsintensiven technischen vermehrt auf ökologischen Hochwasserschutz setzen. Damit schützen wir uns am besten vor Starkregen. Außerdem steht uns das gespeicherte Wasser so in trockenen Sommern zur Verfügung.“
Wie wertvoll natürlicher Hochwasserschutz ist, zeigt etwa das Beispiel der Renaturierung der Rhein- und Murgaue bei Rastatt. Hier wirken natürlicher Hochwasserschutz durch Wasserrückhalt, Schutz der Artenvielfalt und der Gewinn einer einzigartigen Naturlandschaft für die Menschen ideal zusammen.
Die BUND-Recherche zeigt:
- Kommunen, Länder und Bundesregierung investieren vor allem in technischen Hochwasserschutz. Dieser ist teurer als ökologischer Hochwasserschutz, der richtig verstanden und umgesetzt, Hochwasserkatastrophen vermeiden oder abschwächen kann und gleichzeitig der Natur und Umwelt hilft.
- In Deutschland haben Flüsse viel weniger Platz: Zwei Drittel der Altauen sind verloren. Dabei sind regelmäßig überschwemmte Auen regelrechte Hotspots der Artenvielfalt und Kohlenstoffspeicher.
- Die geringen Fortschritte, die es durch Deichrückverlegungen gab, wurden durch neue Flächenversiegelungen vernichtet.
BUND-Forderungen
- Priorität für den ökologischen Hochwasserschutz sowohl innerorts als auch in der Landschaft: Wasser zurückzuhalten, muss immer das bevorzugte Ziel sein!
- Flächenfraß stoppen: Die Netto-Neuversiegelung muss auf Null gesenkt werden; Neubau nur noch auf bereits versiegelten Flächen!
- Klimaschutz forcieren: Ausstoß von Treibhausgasen durch Ausstieg aus fossilen Energien reduzieren. Das macht extreme Wetterereignisse wie Starkregen seltener und schwächer.
- Die EU-Verordnung über die Wiederherstellung der Natur als Hebel nutzen: sie bietet die Möglichkeit, die Bewirtschaftung der Wassermengen zu unterstützen und die Widerstandsfähigkeit gegen Dürren und Hochwasser durch naturbasierte Lösungen zu verbessern. Gesunde Wälder, Moore und Auen können Wasser aufnehmen, für Dürrezeiten speichern und bei Hochwasser als Überschwemmungsflächen zur Verfügung stehen. Sie halten Wasser in der Landschaft. Die Wasser- und Klimaresilienz muss in den bis 2026 zu erstellenden nationalen Wiederherstellungsplänen vollständig berücksichtigt werden.
Hintergrund
Das GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel legt in einer Modellstudie den Zusammenhang zwischen höheren Wassertemperaturen im Mittelmeer, die zu stärkeren Extremniederschlägen (Vb-Zyklone) führt und katastrophalen Überschwemmungen nahe. Aktuelle Abweichungen vom Mittelwerk der Temperatur an der Wasseroberfläche im Mittelmeer lassen sich in der Studie „Sub-regional Mediterranean Sea Indicators: from event detection to climate change“ finden. Am 1. Juli 2026 meldeten das europäische Copernicus-Klimaprogramm und der Copernicus-Meeresdienst, dass die täglich gemessenen globalen Meeresoberflächentemperaturen die Rekorde für diese Jahreszeit brechen.
Die Bundesanstalt für Gewässerkunde (BfG) gibt in einem Fachbeitrag zu Elbehochwassern an, dass die Deichrückverlegung Lenzen den Wasserstand des Hochwasserscheitels während des Jahrhunderthochwassers 2013 flussaufwärts um bis zu 49 cm absenkte. Selbst am 23 km entfernten Pegel in Wittenberge betrug die Wasserstandsabsenkung gemäß der Studie noch 8 cm. Dadurch kann eine deutliche lokale Senkung des Hochwasserscheitels durch Deichrückverlegungen belegt werden.
Mehr Informationen:
- BUND-Recherche „Fünf Jahre nach der Ahrtalflut: So steht es um Deutschlands Hochwasserschutz – BUND-Recherche zu Schutz und Vorsorge vor Wetterextremen“
- Grafik-Angebot: Hier finden Sie alle Grafiken zum Verlust der Überschwemmungsflächen in Deutschland und den Investitionen in Hochwasserschutz, sowie Infografiken zu Hochwasser. Alle Grafiken sind unter Nennung der Quelle frei zur Verwendung.
- Gewässerbündnis Baden-Württemberg
- BUND zu Flüssen und Gewässer in Baden-Württemberg
- Gewässerbündnis Baden-Württemberg
PM Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Landesverband Baden-Württemberg e.V.