Sonntagsgedanken: Morgen, am 19. Juli, ist der „Bundesweite Tag der Zugverspätung in Deutschland“

So sagt es der Kalender der kuriosen Feiertage aus aller Welt. Seit 2023 gibt es ihn und es erstaunt nicht sonderlich, dass er in Deutschland gestartet wurde. Das Datum wurde gewählt, weil sich am 19.7.2022 sagenhafte 454.000 Minuten Verspätung angesammelt hatten. Also über 315 Tage!   

Im Galaterbrief der Bibel heißt es: Geduld ist eine Frucht des Geistes. Und wer schon einmal lange wartend am Bahnsteig stand, weiß: Die Bahn ist ein sehr großzügiger Lieferant dieser Frucht.

Mit Verspätung ist das ja so eine Sache. Manche Menschen hassen sie, andere nehmen sie gelassen und die dritten kommen selbst immer zu spät. Und sagen mit Überzeugung: Verspätung ist auch eine Form der Pünktlichkeit – nur eben eine kreative. Man könnte sagen: Verspätung eröffnet Raum für anderes. So kann man z.B. ins Gespräch mit den Mitwartenden kommen. Man lernt wildfremde Menschen kennen, teilt sein Leid miteinander und prompt ist die Last des Wartens leichter geworden.

Es gibt außerdem den netten Spruch, Gott habe die Bahn erfunden, um uns zu zeigen, dass wir nicht alles kontrollieren können. Denn tatsächlich kann ich viele gute Pläne im Leben haben und erlebe doch immer wieder, dass es oft ganz anders als kommt als gedacht. Und nicht immer ist das schlecht!

Der Tag der Zugverspätung erinnert uns somit daran, dass das Leben selten nach Fahrplan läuft. Und dass wir trotzdem ankommen – manchmal später, manchmal anders, manchmal mit merkwürdigen Umstiegen. Aber hoffentlich immer behütet. So könnte man den 19. Juli auch als einen Tag der Einladung verstehen: Gelassenheit üben – denn der Zug fährt nicht schneller, wenn wir zornig am Bahnsteig auf und ab gehen. Nächstenliebe zeigen – indem wir uns auf die Mitwartenden einlassen. Stille genießen – sofern nicht gerade ein Güterzug mit 120 Dezibel durchrauscht. Und wer weiß: Vielleicht ist die Verspätung genau der Moment, in dem Gott uns zuflüstert:
„Liebes Kind, nutze die Zeit — ich hab‘ sie dir extra eingebaut.‘

 

Pfarrerin Carola Kittel

 

Bildrechte: G. Carlucci

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