Sonntagsgedanken: Glaube und Zweifel

Was war die letzte Situation, in der Sie etwas nicht glauben konnten? In der Sie Zweifel hatten?

Im heutigen Sonntagsevangelium (Joh 20,19–31) begegnen wir den Jüngern, die sich nach der Kreuzigung Jesu und dem vermeintlichen Scheitern aus Angst verschanzt haben. Plötzlich steht Jesus mitten unter ihnen und spricht: „Friede sei mit euch!“ (Joh 20,19). Jesus spricht den Frieden aus, der stärker ist als Angst und Zweifel. Doch einer fehlt an diesem Abend: Thomas. Er braucht Beweise, Berührungspunkte und sichtbare Zeichen, bevor er glaubt. Und Jesus lässt ihn kommen, lädt ihn ein, seine Hände zu sehen und seine Seite zu betasten. Der Glaube wächst nicht durch das Verwerfen des Zweifels, sondern durch den behutsamen Umgang mit ihm.

Thomas steht für viele von uns. Wir brauchen Zeichen, etwas, das wir mit unseren Sinnen wahrnehmen können, um zu begreifen, um Gewissheit zu erlangen, um zu glauben. Zweifel werden hier nicht als Feinde, sondern als Begleiter verstanden. Der Zweifel zeigt uns, dass der Glaube kein fertiges Produkt ist, sondern ein Prozess: ein Prozess des Zusammentreffens, des Hinspürens und des Hinhörens auf das, was Gott uns durch Jesus schenken will. Die Jünger begegnen dem auferstandenen Jesus nicht als Theorie, sondern als Gegenwart, die ihren Alltag durchdringt und verwandelt. Erst durch diese Begegnung finden sie den Mut, die Türen erneut zu öffnen und in die Welt hinauszugehen.

Traditionell wird am Sonntag nach Ostern, dem sogenannten „Weißen Sonntag“, die Erstkommunion gefeiert. Nach einer Vorbereitungszeit dürfen die Kinder zum ersten Mal zum Altar treten und den Leib Christi empfangen. Der Leib Christi, das heilige Brot, ist eine sinnhafte, ganz persönliche Begegnung mit Jesus und ein sichtbares Zeichen seiner Gegenwart in der Welt und im eigenen Leben. Zwar löst der Empfang des Leibes Christi nicht alle Zweifel auf, er kann aber ein weiterer Schritt sein, um zu erfahren, dass Glaube und Zweifel keine Gegensätze sind, sondern Wege, auf denen wir Gott näherkommen können. Möge der Empfang des Leibes Christi für die Erstkommunionkinder und alle, die ihn empfangen, eine erfahrbare Begegnung mit Jesus sein! Möge sie ihren Alltag durchdringen und ihnen, wie den Jüngern, Mut machen, gestärkt hinaus in die Welt zu gehen und ihr Leben mit Jesus ohne Angst zu meistern.

Petra Renz

Pastoralreferentin Katholische Kirchen Göppingen

 

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