Die Energiewende in Deutschland benötigt „dringend einen neuen Schub“, fordert die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU). Notwendig seien „praxistaugliche Innovationen, die mithilfe digitaler Instrumente und künstlicher Intelligenz (KI) die Wirtschaft ankurbeln, Stromnetze stabilisieren und steuern sowie den Ausbau erneuerbarer Energien (EE) und so Umwelt- und Klimaschutz forcieren“, sagte DBU-Generalsekretär Alexander Bonde heute auf der digitalen Jahrespressekonferenz (JPK). Bonde: „Die Zukunft ist elektrisch.“ Die DBU trage als Innovationsförderin „eine Fülle geförderter Projekte“ bei. Sein Appell: „Mittelständische Betriebe, Startups und die GreenTech-Branche bieten herausragende Voraussetzungen. Deutschland hat eine technologisch starke Position und darf wirtschaftlich die neue Energieepoche nicht verschlafen.“
Kamerabasierte Prognosen von Sonneneinstrahlung auch bei Wolken
Entscheidende Faktoren für die zunehmend notwendige Netzstabilisierung sind künftig neben dem Einsatz digitaler Tools auch Großbatteriespeicher und intelligente Verknüpfung von Stromnetz-Akteuren für die Balance zwischen Energieerzeugung und -verbrauch. „Energie-Konsumenten werden künftig zu Prosumenten, also Personen und Haushalte, die nicht nur Energie konsumieren, sondern auch bereitstellen“, so DBU-Abteilungsleiter Felix Gruber auf der JPK. Als vielversprechendes von der DBU gefördertes Projekt nannte Gruber ein Vorhaben der Technischen Hochschule Rosenheim: Mittels kamerabasierter Prognosen von Sonneneinstrahlung auch bei wechselhafter Bewölkung soll die variable Einspeisung ebenso wie die Betriebsführung von Photovoltaik (PV)-Anlagen verbessert und die Stromnutzung optimiert werden.
„Überschüssige Sonnen- und Windkraft lässt sich nicht in Tüten packen“
In Kombination mit dem Anstieg regenerativer Energien zwingt der Wandel von zentraler Energieversorgung durch Kohle-, Gas- und Kernkraftwerke zu immer dezentralerer Energie-Bereitstellung laut Gruber dazu, „sich einen Überblick über das Stromnetz zu verschaffen. So vermeidet man Netzüberlastung und reagiert auf drohende Dunkelflauten rechtzeitig.“ Neben einer solchen „Netzzustandsermittlung“ haben bei der „von Elektrifizierung geprägten neuen Energieepoche“ (Bonde) Batteriespeicher besondere Bedeutung. Der DBU-Generalsekretär: „Wir brauchen solche Speicher. Überschüssige Sonnen- und Windkraft lässt sich ja nicht in Tüten packen. Zu oft werden hierzulande EE-Anlagen netzbedingt abgeschaltet und bleiben erneuerbare Energie ungenutzt.“ Aktuell liegt die bundesweit installierte Batteriespeicherkapazität zwischen 24 und 28 Gigawattstunden. Die DBU fördert laut Gruber derartige Projekte: Die Gridhound GmbH aus Aachen und die Hochschule Weihenstephan-Triesdorf arbeiten etwa an der Einbindung stationärer Batteriespeicher in ein KI-gestütztes System zur digitalen Netzzustandsermittlung sowie an der KI-basierten Standortauswahl von Großbatterien. Zwei andere Beispiele: Das von der DBU geförderte Bremer Startup Flexality macht auf Basis selbstlernender KI aus Kühllagern kostensparende Energiespeicher. Bei einem EE-Überschuss sinkt die Temperatur in den Kühlanlagen stärker als üblich, bei weniger grüner Energie steigt die Temperatur. Folge: reduzierter Verbrauch bei teurem Strom. „Bidirektionales Laden“ heißt das Rezept von Hochschule Osnabrück und Reederei Norden-Frisia für die erste vollelektrische Personenfähre in der deutschen Nordsee von Norddeich Mole nach Norderney. Der Clou: Die E-Autos werden auf dem Parkplatz der Reederei per PV-Anlage geladen. Trifft die Fähre ein, speisen die Fahrzeugbatterien sowie die PV-Anlage die Fähre mit Strom. Sonnenkraft wird genutzt, das Netz dennoch entlastet.
Circular Economy für das Gelingen der Generationenaufgabe Energiewende
Die Energiewende ist laut Bonde „zentrale Komponente für nationale Unabhängigkeit und Sicherheit in Energiefragen“. Die Nutzung fossiler Energieträger wie Öl, Kohle und Gas sei ein Auslaufmodell. Angesichts autoritärer Regime weltweit inklusive ungelöster geopolitischer Kriege und Konflikte seien Energiekrisen und wirtschaftlich heikle Abhängigkeiten von Öl- und Gasimporten zu vermeiden. Wirtschaftswachstum und EE-Ausbau „gehen Hand in Hand“, so Bonde. „Die Lage in der Straße von Hormus muss ein Weckruf sein: Fossile Abhängigkeit ist Standort-Killer und Preistreiber.“ Hinzu kommt: Bis 2030 will Deutschland 65 Prozent weniger klimaschädliche Treibhausgase ausstoßen als 1990 und 2045 klimaneutral sein. Wichtig „für das Gelingen der Generationenaufgabe Energiewende“ sei eine umfassende Kreislaufwirtschaft, die Circular Economy. Das Prinzip: Abkehr vom linearen Business-Muster des „take-make-waste“ – also Abbau, Nutzung und Abfall von Rohstoffen. Stattdessen: ein zirkuläres Geschäftsmodell vom Produktdesign über Müllvermeidung bis zum Reparieren und Recyceln. Bonde: „Energiewende gibt es nicht zum Rohstoff-Nulltarif.“ Wärmepumpen, Solar- und Windkraft bräuchten zum Betrieb teils seltene Erden und mineralische Ressourcen. „Damit müssen wir behutsam, weitsichtig und umweltverträglich umgehen“, so Bonde. Die DBU-Förderinitiative Rohstoffe für die Energiewende wolle dazu beitragen.
Vier Regelzonen in der bundesweiten Stromnetz-Landschaft
Sonne, Wind, Wallboxen, Wärmepumpen, Wolken und Windstille: das ganze Spektrum an Herausforderungen für Energiewende und Stromnetze in Deutschland von Höchstspannung zwischen 220 und 380 Kilovolt (kV) über Hochspannung mit 110 kV und Mittelspannung mit 3 bis 30 kV bis hin zu Niederspannung bei 1 kV. Strom aus regenerativen Energien führt bei sonnigem oder windigem Wetter teils zu einem Überschuss und Abschaltung („Abregeln“) von Wind- und PV-Anlagen, erfordert jedoch umgekehrt an Tagen mit wenig Wind und Sonne Anpassungsmaßnahmen. Dynamik bei der Energiewende bedeutet zusätzliche Beanspruchung der Stromnetze. Mehr E-Autos benötigen mehr Ladepunkte etwa durch Wallboxen. Und Wärmepumpen statt Gas- und Ölheizungen steigern den Strombedarf. Die Stromnetz-Landschaft besteht bundesweit aus vier Regelzonen, verteilt auf vier Übertragungsnetzbetreiber (Tennet, 50Hertz, Amprion und TransnetBW), die für das Höchstspannungsnetz verantwortlich sind und den Strom über lange Distanzen befördern, bildlich gesprochen die Stromautobahnen. Daneben kümmern sich mehr als 800 Verteilnetzbetreiber, vielerorts Stadtwerke, um die Bundes-, Land- und Kreisstraßen des Stroms. Das deutsche Stromnetz umfasst rund 1,8 Millionen Kilometer. 2025 lief über dieses Netzsystem bundesweit ein Bruttoendenergieverbrauch von rund 2333 Terawattstunden (2,3 Millionen Gigawattstunden), darunter ein Viertel aus erneuerbaren Energien. Allein beim Bruttostromverbrauch verbuchten die regenerativen Quellen im vorigen Jahr mit ungefähr 290 Terawattstunden einen Anteil von 55 Prozent.
Der digitale DBU-Jahresbericht findet sich unter https://www.dbu.de/themen-jb2025. Aufgelistet sind dort auch die 2025 seitens der DBU geförderten Projekte. Die JPK als Aufzeichnung: https://www.dbu.de/youtubejahrespk2026
PM Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU)