„Deutschland ist mir ins Blut übergegangen“: Ein Geislinger Eiscafé-Besitzer erzählt die Auswanderungsgeschichte zwischen Morigerati und der Schwäbischen Alb

Ein Dokumentarfilmprojekt sammelt die Lebensgeschichten von Menschen, die aus dem süditalienischen Dorf Morigerati nach Baden-Württemberg kamen – viele von ihnen nach Geislingen an der Steige. Zu ihnen gehört Pasquale Stoduto, seit 52 Jahren in Geislingen zuhause. Freiwillige des Europäischen Solidaritätskorps dokumentieren ihre Erinnerungen.
Geislingen an der Steige und ein kleines Dorf im süditalienischen Cilento verbindet eine Geschichte, die bis heute viele Familien prägt: die Geschichte der Arbeitsmigration. Aus Morigerati und dem Ortsteil Sicilì – gemeinsam heute knapp 700 Einwohner – brachen in den 1960er- und 1970er-Jahren zahlreiche Menschen auf, um in den Fabriken Süddeutschlands Arbeit zu finden. Besonders viele von ihnen kamen nach Geislingen an der Steige, wo bis heute eine große Gemeinschaft mit Wurzeln in Morigerati lebt.
Diese deutsch-italienische Geschichte steht im Mittelpunkt des Projekts „Morigerati Rural Lab – Stories in Motion“.
Einer, der diese Geschichte verkörpert, ist Pasquale Stoduto, Besitzer des Eiscafés „Perché no“ in Geislingen an der Steige. Seit 52 Jahren lebt und arbeitet er in Geislingen. Seinen 70. Geburtstag feierte er am 12. Juli in seinem Heimatdorf Morigerati – und gab dabei den jungen Filmemacherinnen und Filmemachern ein Interview (Foto). Anders als viele, die später nach Italien zurückkehrten, hat er sich, gemeinsam mit zahlreichen anderen aus Morigerati und Sicilì, bewusst dafür entschieden, in Geislingen zu bleiben.
Auf die Frage, wo seine Heimat sei, antwortet Pasquale Stoduto: in Deutschland und in Italien.
„Deutschland ist mir ins Blut übergegangen“, sagt er. Für die Projektbeteiligten ist er ein lebendes Beispiel dafür, dass man in zwei Welten leben kann, ohne seine Wurzeln zu verleugnen – und dass Europa genau dies ermöglicht.
Sein Interview ist Teil eines Dokumentarfilms, der Videointerviews mit Menschen versammelt, die nach Deutschland ausgewandert sind. Aus den Erzählungen tritt ein gemeinsamer roter Faden hervor: der oft sehr frühe Aufbruch – viele waren gerade einmal fünfzehn oder sechzehn Jahre alt; die Arbeit in den Fabriken des Nachkriegsdeutschlands; die großen Wohnunterkünfte, die von den Arbeitgebern bereitgestellt wurden; die Entbehrung, einen Teil des Lohns an die in Italien zurückgebliebenen Familien zu schicken; und der Wunsch, im Heimatort ein eigenes Haus zu bauen.
Die Ziele der Auswanderung lagen vor allem in Süddeutschland, zwischen Baden-Württemberg und Bayern. Geislingen an der Steige zählt dabei zu den Orten, die am engsten mit Morigerati verbunden sind. Die erste Generation fand zunächst Arbeit in den Fabriken. Wer in den folgenden Jahren in Deutschland blieb, machte sich oft selbstständig – mit Eiscafés, Pizzerien, Restaurants oder Geschäften für italienische Spezialitäten. Andere kehrten nach Morigerati zurück, häufig nicht aus freier Entscheidung, sondern aus familiärer Notwendigkeit: Krankheit, Invalidität oder Tod eines Elternteils. Für sie war die Rückkehr oft schmerzhaft, denn nach Jahren mit fester Arbeit und sicheren Löhnen fanden sich viele in der Heimat ohne Beschäftigung wieder.
Durchgeführt wurden die Interviews von Freiwilligen des Europäischen Solidaritätskorps im Rahmen des Morigerati Rural Lab. Die jungen Menschen zeigen großes Interesse an der Auswanderungsgeschichte Süditaliens und sammeln einfühlsame Gespräche mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen. Das Projekt entstand aus der Zusammenarbeit des italienischen Vereins ACARBIO mit Studierenden der Fakultät Medien der Bauhaus-Universität Weimar und wird vom Europäischen Solidaritätskorps der Europäischen Union kofinanziert.
„Aus den gesammelten Zeugnissen tritt eine zutiefst menschliche Geschichte hervor – geprägt von frühem Aufbruch, Entbehrung, Arbeit, Heimweh und Pflichtgefühl gegenüber der Familie“, erzählen die am Projekt beteiligten jungen Menschen. „Viele der Befragten haben zwei Leben gelebt: eines in Deutschland und eines in Morigerati. Ihre Worte geben eine Verbindung wieder, die nie abgerissen ist.“
Der fertige Dokumentarfilm wird der Gemeinschaft zur Verfügung gestellt und Teil der Sammlung des Ökomuseums „Transluoghi – Ecomuseo del Bussento Contemporaneo“ – als dauerhafte Ressource geteilter Erinnerung für die Region und für künftige Generationen.
Hinter dem Projekt steht ACARBIO, die „Associazione Costiera Amalfitana Riserva Biosfera“ mit Sitz in Tramonti an der Amalfiküste. Der Verein engagiert sich seit Jahren in Projekten, die Umweltschutz, die Aufwertung lokaler Gemeinschaften, die Beteiligung junger Menschen und europäische Zusammenarbeit miteinander verbinden – mit besonderem Augenmerk auf kleine Dörfer und ländliche Räume.
„Wir sind überzeugt, dass ländliche Räume keine Orte zum Bedauern sind, sondern lebendige Gemeinschaften, die man in die Zukunft begleiten muss“, erklärt Vincenzo Sannino, Präsident von ACARBIO. „Die Geschichten von Auswanderung, Arbeit und Rückkehr können zu einem Werkzeug werden, um neue internationale Beziehungen und neue Chancen für all jene zu schaffen, die heute in kleinen Dörfern leben.“
Das Projekt wird in Zusammenarbeit mit der Gemeinde Morigerati umgesetzt, die die Aufarbeitung der Migrationsgeschichte der Gemeinschaft aktiv unterstützt.
„Die Verbindungen zwischen Morigerati und Geislingen sind ein wertvolles Gut – auf menschlicher, aber auch auf administrativer Ebene“, erklärt Guido Florenzano, Bürgermeister von Morigerati. „Unsere Familien und unsere beiden Gemeinschaften sind seit Jahrzehnten miteinander verbunden. Als Gemeinde wollen wir diese Beziehungen bewahren und stärken und diese gemeinsame Geschichte in neue Gelegenheiten für eine institutionelle Zusammenarbeit zwischen unseren Regionen verwandeln.“
Über den dokumentarischen Wert hinaus verfolgt „Stories in Motion“ ein langfristiges Ziel: einen dauerhaften Austausch zwischen den Gemeinschaften in Deutschland – insbesondere im Raum Geislingen – und Morigerati aufzubauen und so an die gemeinsame Geschichte beider Regionen anzuknüpfen.
PM Angelika Bartholomäi, lokale Ansprechpartnerin von ACARBIO

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