Verbrauchertäuschung bei Online-Werbung für Nahrungsergänzungsmittel – foodwatch-Recherche zeigt massives Behördenversagen

  • 98 Prozent der Gesundheitswerbung in sozialen Medien für Nahrungsergänzungsmittel ist irreführend.
  • Influencer:innen machen zum Teil haarsträubende Gesundheitsversprechen, etwa, dass bestimmte Produkte Krebs oder Depressionen heilen.
  • foodwatch-Abfrage zeigt: Die zuständigen Behörden kontrollieren die Werbung auf Instagram &. Co kaum.

 

Die Lebensmittelüberwachungsbehörden kontrollieren Gesundheitswerbung für Nahrungsergänzungsmittel in den sozialen Medien kaum – obwohl der Großteil der dort gemachten Versprechen rechtswidrig ist. Das zeigt eine aktuelle Recherche von foodwatch. Die Verbraucherorganisation hat die rund 400 Überwachungsämter in Deutschland befragt. 309 Behörden antworteten. Das Ergebnis: Mehr als 90 Prozent der Behörden gaben an, Werbung in sozialen Medien nicht routinemäßig zu kontrollieren. Aus Sicht von foodwatch wäre eine strengere Online-Kontrolle aber wichtig. Denn Influencer:innen machen zum Teil haarsträubende Gesundheitsversprechen, etwa, dass bestimmte Produkte Krebs oder Depressionen heilen.

„Bei der Werbung für Nahrungsergänzungsmittel herrscht in den sozialen Medien Wildwest-Atmosphäre – doch der Sheriff schaut weg“, erklärte Dr. Rebekka Siegmann von foodwatch. „Bund und Länder müssen die Lebensmittelüberwachung endlich so ausstatten, dass sie auch im digitalen Raum wirksam kontrollieren kann.“

Kaum Kontrollen, kaum Konsequenzen

foodwatch hat 399 Lebensmittelbehörden zu den Kontrollen von Social-Media-Werbung in den Jahren 2024 und 2025 (bis einschließlich August) befragt. 309 Behörden antworteten. 284 davon gaben an, Werbung in den sozialen Medien nicht routinemäßig zu überprüfen. Davon führten 80 Ämter aus, dass sie nur anlassbezogen kontrollieren – etwa nach Hinweisen oder Bürgerbeschwerden. Eine systematische Überwachung findet nicht statt. Der Main-Taunus-Kreis erklärte, man könne „auf Grund der personellen Gegebenheiten“ nicht aktiv werden. Der Landkreis Cloppenburg teilte mit, das Amt habe „bislang keinen Zugang zu Social Media“.

Für das Jahr 2025 gaben die Behörden an, insgesamt lediglich 30 Werbeaussagen mit Gesundheitsbezug geprüft zu haben. 17 davon stuften sie als unzulässig ein. Mehrere Behörden gaben an, entsprechende Zahlen nicht zu erheben.

Positive Ausnahme: Karlsruhe schafft Stelle für Onlinehandel

Die Stadt Karlsruhe stellt eine der wenigen Ausnahmen dar: Dort wurde im vergangenen Jahr ein halber Stellenanteil für den Bereich Onlinehandel geschaffen. Nach eigenen Angaben prüft die Behörde „alle der Behörde möglichen [Kanäle], auch Instagram, wenig TikTok“, allerdings „in der Regel nur bei Gewerbeanmeldung“ und ohne „vollumfängliche Sichtung“.

Instagram-Werbung fast immer irreführend

Da die Behörden meist erst nach externen Hinweisen tätig werden, hat foodwatch eigene Recherchen durchgeführt. Die Organisation hat die Instagram-Beiträge (Stories und Posts) von 189 Fitness- und Gesundheits-Influencer:innen über einen Zeitraum von 23 Tagen im Januar 2026 analysiert. 101 der Influencer:innen bewarben dabei in 560 Fällen Lebens- und Nahrungsergänzungsmittel mit konkreten Gesundheitsversprechen. foodwatch hat überprüft, ob diese Aussagen den rechtlichen Vorgaben entsprechen. Maßgeblich ist hier vor allem die europäische Health-Claims-Verordnung (HCVO), die Verbraucher:innen vor irreführender Gesundheitswerbung schützen soll.

Das Ergebnis der foodwatch-Auswertung: In 550 Fällen waren die Health Claims aus Sicht von foodwatch unzulässig, zehn waren zulässig. Damit verstoßen 98,2 Prozent der getätigten Gesundheitsversprechen nach Einschätzung der Verbraucherorganisation gegen die HCVO beziehungsweise die Lebensmittelinformationsverordnung. foodwatch hat diese rechtswidrige Gesundheitswerbung den zuständigen Überwachungsbehörden gemeldet.

„Es kann nicht sein, dass Verbraucher:innen auf Social Media systematisch mit irreführender Gesundheitswerbung getäuscht werden, während die zuständigen Stellen überlastet oder technisch abgehängt sind“, kritisierte Dr. Rebekka Siegmann von foodwatch. „Wenn die Behörden bei der Überwachung versagen, liefert foodwatch ihnen die Verstöße frei Haus – nun müssen sie der irreführenden Gesundheitswerbung einen Riegel vorschieben.“

Nahrungsergänzungsmittel gegen Krebs und die Corona-Impfung

Wenn Influencer:innen Nahrungsergänzungsmittel mit irreführenden Versprechen bewerben, sei das nicht nur ein mitunter teures Ärgernis für die Verbraucher:innen, warnte foodwatch. Es berge auch handfeste Gesundheitsgefahren – von Überdosierung bis hin zu potenziell gesundheitsgefährdenden Inhaltsstoffen oder der Wechselwirkung mit Medikamenten.

Beispiele für irreführende Influencer-Werbung aus der foodwatch-Auswertung:

  • Robin von Zweydorff (@robinvonzweydorff) bewirbt in seiner Story vom 19. Januar das „Flavoured Creatin”-Pulver der Marke GEN als „gut für Kraft, für kognitive Fähigkeiten, gegen Krebs (…) gegen Depression”. Solche Heilungsversprechen sind für Nahrungsergänzungsmittel grundsätzlich nicht erlaubt.
  • Die Influencerin Debora Caroline Charlotte (@fitmitdebbs) bewirbt in ihrer Story vom 13. Januar die Kapseln Ashwa+ der Marke ESN: „damit wir unser Stresslevel bisschen unten behalten.“ Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit hat noch keine wissenschaftliche Bewertung zu Ashwagandha veröffentlicht. Das Bundesinstitut für Risikobewertung warnt aber vor dem Pflanzenextrakt, da positive Wirkungen wissenschaftlich nicht belegt seien und Gesundheitsrisiken bis hin zu Leberschäden bestehen.
  • Mareike Schneider (@mareike_s) empfiehlt in ihrer Story vom 21. Januar die Kapseln „Omega 3 Complete EPA + DHA Hochdosiert Vegan” der Marke Sunday Natural auch für Schwangere – obwohl auf dem Produkt steht, es sei nicht für Schwangere und Stillende geeignet.
  • Lisa Göbel (@lisag__official) empfiehlt in ihrer Story vom 10. Januar verschiedene Produkte von Herbal Talents unter dem wie ein ärztlicher Rat klingendem Titel „Online Sprechstunde”. Die Mittel sollen angeblich den Cholesterin-Wert senken, Toxine binden und gegen Entzündungen wirken. Doch diese Health Claims sind unzulässig.
  • Fabian Kowallik (@exiled.medic.de) empfiehlt in seiner Story vom 1. Januar die „Spikx Remove”-Kapseln der Marke Nature Heart mit dem Versprechen, sie könnten die Coronaimpfung „aus mir raus” bekommen.

 

Verbraucherschutz im digitalen Blindflug

foodwatch sieht das Hauptproblem bei der kommunal organisierten Lebensmittelüberwachung in Deutschland: Die Überwachungsämter litten ohnehin schon unter Personalmangel und kämen kaum hinterher, Hygienevorschriften in Restaurants zu kontrollieren – bei der Überprüfung der Werbung in sozialen Medien stießen sie endgültig an ihre Grenzen. Die Kontrolle des Online-Markts müsse auf Bundesebene gebündelt und die Überwachung ausreichend personell und finanziell ausgestattet werden, forderte foodwatch.

Quellen und weiterführende Informationen:

 

foodwatch e.V.

Permanentlink zu diesem Beitrag: https://filstalexpress.de/freizeit/203889/verbrauchertaeuschung-bei-online-werbung-fuer-nahrungsergaenzungsmittel-foodwatch-recherche-zeigt-massives-behoerdenversagen/

Schreibe einen Kommentar