So viel blühende Vielfalt – und dann rollt der Bagger an

Dieser Duft, diese Blütenfülle, die wunderschöne Landschaft – die Streuobstwiesen in Baden-Württemberg sind einmalig und doch bedroht. Die Bebauung ist neben der Vernachlässigung der häufigste Grund, dass wertvolle Bäume und Wiesen verloren gehen. Eine Abfrage des NABU zeigt, dass manche Landkreise besonders oft Anträgen auf Bebauung zustimmen, trotz gesetzlichem Schutz. „Hier gibt es offensichtlich ein Missverhältnis zwischen gesetzlichem Schutz und dessen Vollzug vor Ort“, erklärt Andrea Molkenthin-Kessler vom NABU Baden-Württemberg, die die Auswertung erstellt hat.

Jedes Frühjahr locken Streuobstwiesen viele Besucherinnen und Besucher an. Auch rund um den Tag der Streuobstwiese, der europaweit am 26. April gefeiert wird. Die traditionelle Bewirtschaftung der verstreut gepflanzten hochstämmigen Apfel-, Zwetschgen-, Kirschen und Birnenbäume hat einen vielfältigen Lebensraum geschaffen, auch über Deutschland hinaus. In Baden-Württemberg stehen auf etwa 89.000 Hektar immer noch 7,1 Millionen Streuobstbäume und blühen von Mitte März bis Ende April um die Wette. So viel Vielfalt gibt es selten im Südwesten: Vögel, Säugetiere, Amphibien, Reptilien, Insekten, Flechten und Moose bis hin zu Pflanzen, Pilzen und Bodenorganismen finden auf Streuobstwiesen einen besonderen Ort. Zudem ist die Kulturlandschaft ein Naherholungsgebiet erster Güte und der Streuobstanbau wurde als Immaterielles Kulturerbe durch die Deutsche UNESCO-Kommission ausgezeichnet.

Doch das vielfältige Streuobst-Paradies schrumpft: Seit 1965 ist die Zahl der Bäume im Land um etwa 60 Prozent zurückgegangen. Weitreichende Rodungen für neue Bau- und Gewerbegebiete oder Straßen sind die Ursache Nummer Eins. Viele alte Bäume sterben vor ihrer Zeit, geschwächt durch trockene Sommer, und mit ihnen verlieren Steinkauz und Wendehals ihre Brutplätze. Hinzu kommt die mangelhafte Pflege. Dabei sind sie nicht nur Rückzugs- und Nahrungsbiotop für seltene Arten, sondern auch ein Bindeglied zwischen Lebensräumen im Biotopverbund.

NABU ruft Kommunen zu mehr Engagement auf

Gemeinsam mit vielen seiner Gruppen setzt sich der NABU Baden-Württemberg für den Erhalt des Streuobstanbaus und der artenreichen Wiesen ein. Weil trotz des gesetzlichen Erhaltungsgebots für größere Streuobstbestände ab 1.500 Quadratmetern nach §33a Landesnaturschutzgesetz der Kahlschlag, zumeist am Siedlungsrand, weiterging, ist der NABU aktiv geworden. „Wir haben bei den Unteren Naturschutzbehörden kritisch nachgefragt, wo überall im Land Anträge zur Überbauung gestellt wurden und wie sie beantwortet wurden. Das erstaunliche Ergebnis: Von den 80 Anträgen auf Umwandlung einer Streuobstwiese in ein Baugebiet, die zwischen 10. März 2023 und 3. April 2024 eingingen, haben nur zwei kein Go erhalten, 19 wurden genehmigt und so mehr als 1.600 Obstbäume auf fast 245.000 Quadratmetern zur Rodung freigegeben. Dieses Vorgehen ist für uns unverständlich, wo das Land doch Streuobstwiesen besser schützen will“, sagt NABU-Referentin Andrea Molkenthin-Kessler. Deshalb sieht der NABU die Kommunen in der Pflicht, sich ihrer Verantwortung für diese wertvolle Kulturlandschaft zu stellen. „Streuobstschutz ist kein gemähtes Wiesle, hierfür braucht es mehr Engagement von allen Seiten.“

Streuobstwiesen als Generationenaufgabe

Hochstämmige Obstbäume sind langlebige Gehölze. Bei guter Pflege können sie viele Jahrzehnte lang Früchte tragen und anschließend viele weitere etwa Insekten, Vögeln und Fledermäusen ein Zuhause bieten. Auch wenn der Baum im hohen Alter stirbt, dient sein Totholz weiter als Versteck, Nistplatz oder Nahrung für viele Tiere und Pilze. Totholz sollte daher möglichst auf der Fläche bleiben. In vielen Orten gibt es Aktive im Streuobstschutz, die bei Problemen mit Rat und Tat zur Seite stehen. Mit den richtigen Informationen gelingt auch der Obstbaum- und Wiesenschnitt. Arbeiten Generationen Hand in Hand zusammen und passt das Wetter, dann stimmt am Ende auch der Ertrag.

 

Hintergrund:

Weitere Infos zum Thema: www.NABU-BW.de/streuobst

Foto. Gefällter Streuobstbaum in Bretten, © NABU/Johannes Enssle

 

PM NABU (Naturschutzbund Deutschland), Landesverband Baden-Württemberg e. V.

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