NABU: Nachwuchs in der Wiedehopf-Kinderstube – Bruterfolg für „Vogel des Jahres 2022“ in seiner Wahlheimat Südbaden – trotz verspäteter Rückkehr

Über 550 junge Wiedehopfe sind dieses Jahr in Südbaden geschlüpft – ein stabiler Bruterfolg. Während sich die Wiedehopf-Population am südlichen Oberrhein aktuell leicht positiv entwickelt, ist der Bestand in ganz Deutschland weiterhin gefährdet. In Baden-Württemberg war der Wiedehopf bis in die 1950er Jahre weit verbreitet. Heute leben geschätzt noch 110 bis 210 Brutpaare im Südwesten. Bundesweit sind es zurzeit 800 bis 950.

Vielerorts fehlen dem Wiedehopf – erkennbar an der orange-braunen und schwarzweiß gefleckten Federhaube – Insekten, Nistplätze und ein geeigneter Lebensraum. Der Vogel des Jahres liebt warme, trockene Gebiete mit offenen Flächen für die Insektenjagd. Auf pestizidfreien Streuobstwiesen findet er ausreichend Nahrung und in den Spechthöhlen alter Obstbäume einen passenden Brutplatz. Auch in naturnahen Weinberglagen und Schrebergärten fühlt der Wiedehopf sich wohl, etwa am Kaiserstuhl. Zahlreiche NABU-Ehrenamtliche schützen und pflegen die baden-württembergische Kulturlandschaft und damit die Wahlheimat des drosselgroßen Vogels.

Bruterfolg in Südbaden

Die Region am Oberrhein steht bei dem wärmeliebenden Vogelpunk aufgrund ihres milden Klimas hoch im Kurs. Dieses Jahr machte dem Wiedehopf dort aber die plötzliche Kälte im Frühjahr zu schaffen: „Einzelne Paare haben bereits Ende März im nördlichen Ortenaukreis mit der Brut begonnen. Aufgrund der niedrigen Temperaturen mussten sie die ersten Gelege jedoch aufgegeben, erklärt Manfred Weber vom NABU Offenburg. Die zweite Brut hatte Erfolg: Ende Juli waren es 76 Brutpaare. 178 Jungvögel konnte der Ornithologe in diesem Jahr beringen. Das waren laut Manfred Weber aber nicht alle: „Die jungen Wiedehopfe, die kurz vor dem Flüggewerden standen, habe ich nicht beringt. Sie neigen sehr dazu, nach der Beringung frühzeitig das Nest zu verlassen.“

Im Zentralkaiserstuhl bei Engelbert Mayer vom NABU Kaiserstuhl gab es etwa 70 Brutpaare mit rund 280 Jungtieren, pro Gelege also etwa vier Eier. Auch am Tuniberg bei Freiburg lief anfänglich nicht alles nach Plan: „Die Vögel sind mit einem Monat Verspätung aus ihrem Winterquartier südlich der Sahara zurückgekehrt. Erst Ende April fanden sich die 21 Brutpaare ein“, berichtet Claus G. Krieger vom NABU Freiburg. Zur Freude des NABU-Ehrenamtlichen beeinträchtigte der späte Start die Brut nicht: Bei Gelegen zwischen fünf bis acht Eiern wurden etwa 133 junge Wiedehopfe gezählt, 13 Jungvögel mehr als im Vorjahr. Hier zeigt sich, dass Zweitbruten beim Wiedehopf manchmal sehr erfolgreich sein können, erfolgreicher als die Erstbrut.

Auf Durchflug im Zollernalbkreis und im Landkreis Esslingen

Eine Überraschung gab es in Ostdorf im Zollernalbkreis, 75 Kilometer südlich von Stuttgart: Ende Juli sichtete der NABU Balingen dort einen Wiedehopf. Mit etwas Glück beobachtet man auch im Landkreis Esslingen durchziehende Wiedehopfe oder hört ihren Balzruf „upupup“. Dieses Jahr war zwar kein Brutpaar in Sicht, aber der NABU Neuffen-Beuren ist vorbereitet: Etwa 50 Nisthilfen wurden bereits installiert. Zuletzt hatte 2017 ein Wiedehopf-Paar in einer natürlichen Höhle eines Apfelbaums genistet und drei Jungvögel hervorgebracht.

Viele weitere NABU-Gruppen im Land bereiten sich auf Wiedehopfe vor und installieren Nisthilfen an geeigneten Plätzen. Mit zunehmenden Bruterfolgen und vor dem Hintergrund der Klimaerwärmung wird der Vogel des Jahres künftig vermehrt in Baden-Württemberg erwartet.

Hintergrund zum Wiedehopf:

Langstreckenzieher: Schnelle Rückkehrer sind ab Mitte März in ihren Brutgebieten in Baden-Württemberg zu hören, die meisten Vögel reisen im April und Mai an. Die Brutsaison ist von Anfang April bis in den Juli. In der zweiten Augusthälfte bis Anfang September verlassen uns die Wiedehopfe wieder und fliegen in die Überwinterungsgebiete im tropischen Afrika und in der Sahelzone.

Lebensraum: Der Wiedehopf benötigt halboffene bis offene insektenreiche Landschaften. Weinberge, Obstgärten und Böschungen mit lockerer Vegetationsdecke nutzt er gerne. Er ist ausschließlich in wärmeren Regionen verbreitet.

Brutplatz: Der Höhlenbrüter richtet sein Nest gerne recht bodennah ein, in Baumhöhlen, Mauern, Steinhaufen oder Nistkästen. Er braucht wenig Nistmaterial und formt lediglich eine Mulde, in die dann die Eier gelegt werden. Gebrütet wird etwa zwei Wochen. Dabei füttert das Männchen das brütende Weibchen, bis die Jungen geschlüpft sind.

Probleme: Der Wiedehopf benötigt halboffene bis offene Landschaften, die reich an großen Insekten sind – diese Insekten gibt es nur ohne Pestizideinsatz. Außerdem ist es wichtig, alte Streuobstbestände zu schützen und zu pflegen, um Lebensräume, Nahrung und Nistplätze zu erhalten.

Vogel des Jahres: Der „Vogel des Jahres“ wurde in Deutschland erstmals im Jahr 1971 gekürt. Seit 2021 wird er durch eine öffentliche Wahl bestimmt, das Rotkehlchen setzte sich im ersten Wahlgang durch. Bei der zweiten öffentlichen Wahl des Jahresvogels von NABU und seinem bayerischen Partner LBV (Landesbund für Vogelschutz) erzielte der Wiedehopf rund 143.000 Stimmen und landete mit knapp 32 Prozent klar an der Spitze, vor Mehlschwalbe und Bluthänfling. Der Wiedehopf war bereits 1976 Jahresvogel des NABU.

 

NABU (Naturschutzbund Deutschland), Landesverband Baden-Württemberg e. V.

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