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Sonntagsgedanken: Frohe Ostern

Wir leben in einer individualisierten Spaß- und Leistungsgesellschaft, die kennt nur einen Takt: Ich, ich, ich. Davon sind Christen nicht ausgenommen. Denkschemata und Prägungen sitzen tief, sie sind ja Teil unserer Kultur. Selbst bei der Suche nach Spiritualität laufen wir Gefahr, uns selbst zum Opfer zu machen. So wie ein Mensch in Indien, der sich aufmachte, um eine spirituelle Sicht für sein Leben gewinnen. Wie es dort üblich ist, setzte er sich unter einen einsamen Baum, besann sich auf Gott und meditierte.

Bei Einbruch der Dunkelheit bemerkte er einen Fuchs, der ohne Vorderbeine daher kam, aber gut genährt und zufriedenen schien. Wie ungewöhnlich, wunderte sich Mensch, nach dem Gesetz der Natur kann ein Tier ohne Beine nicht überleben. Da hörte er das Grollen eines Löwen. Er vergaß sein Meditieren und kletterte schnell auf den Baum. Von oben sah er, wie der Löwe ein fettes Stück Fleisch genau vor dem verkrüppelten Fuchs fallen ließ. Der Fuchs aber verspeiste genüsslich seine Mahlzeit. Der Mensch traute seinen Augen nicht. Das war gegen die Natur! Ein Wunder, eine Botschaft von Gott! Was wollte Gott nur damit sagen?

Am nächsten Abend, als der Löwe wieder eine Mahlzeit für den Fuchs brachte, fiel es ihm wie Schuppen von den Augen: selbst ein armer Fuchs wird von Gott ernährt. Wenn ich nur ebenso geduldig warte, wird auch mir das Essen in den Mund fallen.

So saß der Mensch geduldig und wartete, einen Tag, zwei Tage, drei Tage. Nichts passierte, aber er blieb geduldig. Am siebten Tag konnte er vor Schwäche kaum aufstehen. Da kam ein wandernder Mönch vorbei und hörte das Stöhnen des Sterbenden. Er hielt an und fragte: was ist passiert?

Der Mensch antwortete: Mann Gottes, erklär Du es mir. Ich bekam eine göttliche Botschaft, an die habe ich mich gehalten, und jetzt schau was aus mir geworden ist! Dieser arme Fuchs wird jeden Tag von einem großzügigen Löwen gefüttert. Ist das nicht eine Botschaft von Gott?

Der Mönch schaute nachdenklich und sagte: in der Tat, eine göttliche Botschaft! Aber wie kommst Du auf die Idee, Du wärst der verkrüppelte Fuchs und nicht der großzügige Löwe?

Ostern ist wider die Natur. Leben ist stärker als der Tod! Dafür steht Gott, der seinen Sohn Jesus von den Toten auferweckt. Aber verstehen wir die göttliche Botschaft? Die Menschen des globalen Südens sehen uns in Europa als großzügige Löwen. Wie sehen wir uns selbst? Von dieser Entscheidung hängt viel ab. Wie sehe ich mich, wenn mir der andere begegnet: als großzügiger Löwe? Machen wir uns bei Schwierigkeiten bewusst, was wir beitragen können, oder verhalten wir uns wie ein Fuchs, der sich nur von dem Gedanken leiten lässt, was er aus der Sache gewinnen kann?

Das macht den Unterschied von Ostern. Das entscheidet darüber, wer ich bin. Der Mensch ist nicht, was er isst, sagt Jesus. Was zum Munde eingeht, macht nicht unrein, sondern was zum Munde ausgeht. Ich werde der Mensch, der ich bin wegen dem, was ich tue, welchen Gefühlen ich Raum gebe, was ich sage. Das entscheidet darüber, wer ich wirklich bin.

Ist das nicht gut? Sie und ich dürfen dazu stehen, was uns geschenkt ist und was wir sind: Gottes Kinder! Denn Gottes Güte macht reich, macht weit, macht satt. Dass Gottes Güte bei Ihnen und Ihrem Nächsten ankommt, dafür hat Gott in Jesus den Tod besiegt. Ich wünsche uns diesen göttlich weltweiten Horizont. Nicht nur an Ostern, aber Ostern ist ein gutes Datum, um sich zu erinnern: ich kann dem Anderen mit Güte begegnen wie ein Löwe. In diesem Sinne: frohe Ostern!

Johannes Stahl, Referent für Gemeinde und Partnerschaft, Basler Mission.

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