Man muss sich das mal vorstellen: Während Hamburg mit St. Pauli einen ganzen Stadtteil hatte, der nie schlief, hatte Göppingen… nun ja… eine Raststätte. Eine einzige. Und trotzdem haben wir es geschafft, daraus ein Nachtleben zu zimmern, das heute noch wie ein überlebender Mythos durchs Filstal geistert.
Das Filstal war damals wie ein schlecht gelaunter Türsteher: Alles zu, aber wir durften trotzdem rein.
Ich war 15, Glasmacherklasse am Nordring – also praktisch schon ein Mann, zumindest wenn man die Brandblasen mitzählt. Parallelklasse: Friseurinnen. Haarspray, Lachen, Föngeflüster. Wir: Glas, Schweiß, Hitze. Es war wie „Grease“, nur ohne Autos, ohne Musik und ohne John Travolta. Aber mit Freundinnen in Göppingen und Gruibingen, die uns das Gefühl gaben, wir seien die Kings des Filstals. Oder wenigstens die Kronprinzen, die später mal Könige werden könnten, wenn die Kneipen länger offen hätten.
Wenn alles geschlossen war – und das war es IMMER – Göppingen hatte eine Kneipenszene, die aussah, als hätte sie schon Seeleute gesehen, aber keine behalten. Bilka zum Vorglühen. Adlerhorst für die Mutigen. Spelunken, in denen die Luft nach Bier, Hoffnung und Herzschmerz roch.
Und dann – immer zu früh – war Schluss. Licht aus. Musik aus. Tür zu. Göppingen war die einzige Stadt, in der man gleichzeitig zu jung und zu alt für die Nacht war.
Genau dann begann unser Filstal‑St.-Pauli.
Die Autobahnraststätte Gruibingen – der einzige gastronomische Bereich, der die ganze Nacht geöffnet war. Während die echten Kiez‑Könige in Hamburg in der „Ritze“ saßen, saßen wir in Gruibingen an der Raststätte. Neonlicht statt Neonreklame. Trucker statt Zuhälter. Gulaschsuppe statt Astra.
Aber diese Gulaschsuppe – mein Gott. Sie war unser Rettungsanker. Unser Nachtasyl. Unser „Wir sind noch nicht fertig“.
Sie schmeckte nach:
Freiheit Fernweh Benzin Abenteuer und ein bisschen nach „Wir sollten eigentlich längst daheim sein“
Die Raststätte war der einzige Ort, der nie fragte, woher du kamst – nur, ob du hungrig warst. Und ob du Geschichten mitgebracht hast. Wir hatten immer welche.
Freundinnen in Göppingen und Gruibingen – das Filstal als Liebesgeografie. Es war die Zeit, in der man Freundinnen nicht über Apps fand, sondern über Mut, Zufall und die richtige Kneipe. Göppingen, Gruibingen – zwei Orte, die damals weiter auseinander lagen als heute Hamburg und New York. Zumindest emotional.
Die Maurer‑Mädchen, die Friseurinnen, die Filstal‑Originale – sie waren die eigentlichen Stars der Nacht. Wir waren nur die Jungs, die versuchten mitzuhalten. Manchmal gelang es. Manchmal nicht. Aber es war immer eine Geschichte wert.
Und mittendrin: Alfred Brandner Ein Junge, der schon damals mehr sah als andere. Der verstand, wie Menschen ticken. Der Abenteuer suchte und fand – in Werkstätten, Klassenzimmern, Kneipen und Herzen. Der Freundinnen hatte, die ihm zeigten, dass das Filstal größer war als jede Landkarte.
Göppingen 1967 war kein Ort. Es war ein Zustand. Ein Puls. Ein Versprechen.
Und die Gulaschsuppe an der Raststätte war der rote Faden, der alles zusammenhielt.
(Foto von 1983)
Alfred Brandner