Das Seefahrtbuch und der erste Schritt in die Welt
Es begann mit einem dünnen Heft, das man mir nach der Grundausbildung in die Hand drückte: das Seefahrtbuch. Ein unscheinbares Dokument, das nach Papier, Stempel und Zukunft roch. Ich hielt es fest, als wäre es ein Schlüssel — und das war es auch. Ein Schlüssel zu Häfen, die ich nicht kannte, zu Meeren, die ich mir nicht vorstellen konnte, zu einer Welt, die größer war als alles, was ich bis dahin gesehen hatte.
Der jüngere Alfred stand damals da, mit diesem Heft in der Hand, und wusste nicht, dass er gerade die Schwelle zu einem neuen Leben überschritt. Der ältere Alfred sieht ihn heute und denkt: Du hattest keine Ahnung, wie weit dich dieses kleine Büchlein tragen würde. Wie viele Horizonte du sehen würdest. Wie oft du später sagen würdest: Schön war die Zeit.
Und dann begann sie — die erste große Reise meines Lebens. Die Reise, die mich prägte. Die Reise, die mich zu dem machte, der ich heute bin.
Bremen – Der Anfang im grauen Licht
Bremen lag an diesem Morgen unter einem Himmel, der aussah wie ein einziger, gleichmäßiger Pinselstrich aus Grau. Das Licht war stumpf, ohne Schatten, ohne Wärme — ein Licht, das prüfte, nicht lockte. Der Kai glänzte vom feinen Regen, der sich wie ein dünner Film über alles legte. Die Luft roch nach kaltem Metall, nassem Holz, Diesel und einer Spur Salz, die vom Wind herübergetragen wurde.
Die MS Neptun lag da wie ein schlafendes Tier. Nicht schön, aber kraftvoll. Ein Schiff, das Geschichten trug, ohne sie zu erzählen. Der Stahl war rau, die Farbe abgeblättert, die Reling kalt unter der Hand. Ich strich darüber und spürte die Wirklichkeit dieses Moments.
Der jüngere Alfred stand da, mit dem Seefahrtbuch in der Tasche, und fühlte sich gleichzeitig klein und unbesiegbar. Der ältere Alfred sieht ihn heute und denkt: Du wusstest nicht, dass du gerade in dein Leben einsteigst.
Rotterdam – Der letzte geordnete Horizont
Rotterdam war ein Ballett aus Stahl. Kräne schwenkten über das Wasser wie riesige, mechanische Vögel. Container klirrten, rutschten, polterten — ein Rhythmus, der gleichzeitig chaotisch und präzise war. Der Boden vibrierte leicht unter jedem Aufprall, als würde der Hafen selbst atmen.
Die Luft war schwer von Öl, warmem Metall und dem Geruch von Maschinen, die nie schlafen. Ein feiner Staub lag in der Luft, der sich auf die Haut setzte wie ein dünner Film.
Ich beobachtete die Ordnung, die Effizienz, die Selbstverständlichkeit, mit der alles ineinandergreifte. Es war Europa in seiner reinsten Form: berechenbar, strukturiert, sicher.
Der jüngere Alfred sah darin Abenteuer. Der ältere Alfred erkennt heute: Das war der letzte Moment, in dem die Welt noch geordnet war.
Atlantik – Die Schule der Stille und der Gewalt
Der Atlantik hat zwei Gesichter.
Das erste Gesicht: Stille und Weite
Ein Horizont, der sich nicht bewegt. Ein Himmel, der so groß ist, dass man sich darin verliert. Die Luft schmeckt nach Salz, die Haut klebt vom feinen Sprühnebel, der sich wie ein Schleier über alles legt.
Das Stampfen der Maschine war ein Herzschlag, der durch das Schiff ging. Ein gleichmäßiger Puls, der beruhigte.
Ich stand oft an der Reling, sah in die Sterne, die so klar waren, dass sie fast unwirklich wirkten. In solchen Momenten dachte ich an die Alb, an die Hügel, an die vertraute Enge der Heimat — und spürte, wie weit ich weg war.
Das zweite Gesicht: Gewalt und Prüfung
Dann kam der Sturm. Wellen, die sich auftürmten wie Wände. Wind, der nicht wehte, sondern schlug. Wasser, das über Deck donnerte und alles mit sich riss, was nicht fest war.
Der jüngere Alfred kämpfte dagegen an. Der ältere Alfred weiß: Das Meer gewinnt immer — aber es lehrt dich, stehenzubleiben.
Dakar – Der erste Atemzug Afrikas
Dakar war ein Farbenmeer. Rot, Gelb, Blau, Grün — alles intensiver, als ich es kannte. Die Luft war warm, schwer, voller Gerüche: Fisch, Gewürze, Diesel, Staub, Leben.
Der Hafen vibrierte. Nicht von Maschinen — sondern von Menschen. Von Bewegung. Von Energie.
Ich sah Frauen, die Lasten trugen, als wären sie federleicht. Kinder, die lachten, obwohl sie nichts hatten. Männer, die arbeiteten, als gäbe es keine Müdigkeit.
Der jüngere Alfred staunte. Der ältere Alfred weiß: Hier begann Afrika, mich zu formen.
Pointe-Noire – Der Vorhof zum Unbekannten
Pointe-Noire war rauer. Die Straßen staubig, die Häuser alt, die Luft schwer. Die Sonne brannte auf die Dächer, und der Staub stieg bei jedem Schritt auf wie ein feiner Nebel.
Ich beobachtete die Menschen, die mit einer Ruhe und Würde ihren Alltag lebten. Es war ein Ort, der nicht versuchte, jemand zu sein — er war einfach er selbst.
Der jüngere Alfred fühlte Respekt. Der ältere Alfred weiß: Hier begann das echte Afrika.
Der Kongo-Fluss – Der Atem eines uralten Wesens
Der Kongo war kein Fluss. Er war ein Wesen. Ein Muskel aus Wasser, Kraft und Geschichte.
Die Oberfläche war braun, schwer, träge — und doch voller Bewegung. Die Strömung zerrte am Schiff, als wollte sie prüfen, ob wir würdig waren. Die Luft war warm, feucht, schwer wie ein nasser Mantel.
Die Ufer waren dicht bewachsen. Grün in allen Schattierungen. Ein Dschungel, der atmete. Manchmal sah ich Vögel aufsteigen, manchmal nur Schatten, die sich bewegten.
Der jüngere Alfred war überwältigt. Der ältere Alfred weiß: Das war einer der heiligsten Orte meines Lebens.
Matadi – Hitze, Staub und Geschichte
Matadi war ein Brennpunkt. Die Hitze stand wie eine Wand in der Luft. Der Staub klebte an der Haut, an den Schuhen, an der Seele.
Die Farben waren erdig, rot, braun, ocker — als hätte die Stadt selbst die Farbe des Bodens angenommen.
Ich sah Menschen, die Lasten trugen, die eigentlich drei Männer gebraucht hätten. Kinder, die spielten, obwohl sie nichts hatten. Frauen, die mit einer Würde gingen, die man nicht kaufen kann.
Der jüngere Alfred war beeindruckt. Der ältere Alfred weiß: Hier lernte ich, was Stärke wirklich bedeutet.
Luanda – Schönheit und Schmerz im selben Atemzug
Luanda war ein Widerspruch. Kolonialbauten, die aussahen wie Postkarten. Daneben Ruinen, Einschusslöcher, improvisierte Märkte.
Die Luft war schwer, die Straßen voller Leben, die Atmosphäre geladen. Man spürte die Geschichte, die Konflikte, die Hoffnung — alles gleichzeitig.
Der jüngere Alfred war irritiert. Der ältere Alfred weiß: Luanda war ein Spiegel der Welt: schön und brutal zugleich.
Lobito – Der ruhige Atem Afrikas
Lobito war sanfter. Ein Hafen, der atmete. Ein Ort, an dem die Zeit langsamer lief.
Die Sonne ging über dem Meer unter und färbte den Himmel in Orange, Rosa, Gold. Das Wasser war ruhig, die Luft warm, und in mir war eine Stille, die ich selten zuvor gespürt hatte.
Der jüngere Alfred saß am Kai und dachte an nichts. Der ältere Alfred weiß: Das war Frieden.
Rückblick – Was bleibt
Wenn ich heute zurückdenke, dann sehe ich:
- den Überssehafen von Bremen
- die Ordnung Rotterdams
- die Weite des Atlantiks
- die Farben Dakars
- die Rauheit von Pointe-Noire
- die Kraft des Kongo
- die Hitze Matadis
- die Widersprüche Luandas
- die Ruhe von Lobito
Und ich weiß:
Diese erste Reise als Besatzungsmitglied hat mich geprägt. Sie hat mich geerdet. Sie hat mich stärker gemacht. Sie hat mich gelehrt, die Welt zu sehen — und mich selbst.
Schön war die Zeit — so schön war die Zeit.
Alfred Brandner