Das politische Wort zum Sonntag: Über 80 Jahre Befreiung Tötungsanstalt Hadamar und meinen heutigen Tag

Man kann derzeit so viel über Ereignisse von 1945 schreiben, so dass ich mich einfach auf die Wichtigsten beschränken muss und diesmal fällt die Entscheidung auf Hadamar. Am 26. März 1945 befreiten US-Truppen die Tötungsanstalt, wo im Rahmen des Euthanasieprogramms Zehntausende Unschuldige ermordet wurden.

2007 war ich selbst in Hadamar und stand vor der Gedenkstätte. Da ich Hadamar als sehr schöne Stadt empfand, wollte ich mir den Tag nicht verderben und bin nicht reingegangen – aus heutiger Sicht ein Fehler, den ich eines Tages sicher noch korrigieren werde. Dafür habe ich die Gedenkstätten in Hartheim, Pirna-Sonnenstein und Grafeneck besucht, um mir selbst wenigstens einen kleinen Einblick über den Wahnsinn der damaligen Zeit machen zu können – gerade unter diesem Hintergrund ist es unerträglich, dass Pirna heute wieder eine Hochburg der AfD ist. Es ist pervers, wie schnell man dort landen und qualvoll sterben konnte. Epilepsie, Depression oder körperliche Beeinträchtigung haben schon gereicht – man durfte ja der Volksgemeinschaft nicht zur Last fallen. Und wenn dann so Sätze fallen, wie sicher es doch im Dritten Reich war, weil man sein Fahrrad stehenlassen konnte, ohne dass es geklaut wurde, könnte ich kotzen – in Hadamar sieht man die andere Seite. Darum gilt in Hadamar und überall: NIE WIEDER!

Gestern war ich auf der Beerdigung von Rainer Schnurbusch:
Ich kannte Rainer aus meiner Zeit bei der Grünen Jugend, da er damals Kassenprüfer des Grünen Kreisverband Heidenheim war und ich dadurch Kunde in seiner Apotheke wurde. Der Verstorbene wurde 1938 in Oberschlesien in einen wohlhabenden Apothekerhaushalt geboren und seine Familie verlor durch Krieg und Flucht alles. Trotzdem übernahm sein Vater nach dem Krieg die Zentralapotheke in Heidenheim, die er dann leitete und 2009 seinem Sohn übergab. Dadurch erreichte die Familie wieder viel und Rainer hat auch der Grünen Jugend immer wieder was spendiert, worüber ich sehr dankbar war. Sein Glück – das er sich aber auch hart erarbeitet hat – hat er im Laufe seines Lebens mit vielen anderen geteilt. Ich habe mir spontan überlebt, wie viele andere Menschen noch hätten ein besseres Leben haben können, wenn sie nach 1945 in West-Deutschland gelebt hätten.
Bei der Beerdigung traf ich einen Menschen, den ich lange nicht mehr gesehen habe. Ich wurde angesprochen, weil man sich bei mir hätte entschuldigen müssen, was mich sehr verwundert hat, weil ich dafür überhaupt keinen Grund gesehen habe. Mir wurde gesagt, dass man bei unserem letzten kurzen Treff letztes Jahr keine Zeit für mich gehabt hätte, weil man in Eile war. Ich habe erklärt, dass ich das da überhaupt nicht als abweisend empfunden habe, weil ich selbst etwas in Eile war und schnell weiter musste. Habe mich aber trotzdem gefreut, dass man jetzt die Gelegenheit für einen Plausch hatte, auch wenn der Anlass des Treffens ein trauriger war. Wir sind dann noch auf meine Leidensgeschichten in 4 1/2 Jahren Deutsche Bahn zu sprechen gekommen und ich habe nur gesagt „Sie schauen ja auch Fernsehen?!“. Entgegnet wurde, dass mittlerweile alles so schlimm ist, dass der Fernseher ausbleibt.
Dann habe ich noch mein eigenes Grab besucht. Jetzt werden die meisten sicher schockiert sein: Wie kann jemand, der noch lebt, sein Grab besuchen? Nach meinem glimpflich ausgegangenen Sturz im November habe ich meine Beerdigung geplant und mir auch schon mein Grab auf dem Friedwald ausgesucht, der sich auf dem Friedhof befindet, auf dem die Beerdigung war. Ich hatte da so viel Glück und mir wurde bewusst, wie schnell es hätte zu Ende gehen können, so dass ich schon einiges organisiert habe.
Später wurde mir auf Facebook zufällig noch ein Video vom Elfmeterschießen Frankreich-Italien von der WM 1998 gezeigt. Ich erinnere mich noch gut an diesen Tag und dieses Spiel, da mein Großvater damals beerdigt wurde. Mein Großvater war ebenfalls Schlesier und riskierte 1953 sein Leben, um aus der DDR in die BRD zu gelangen. Ich konnte das Spiel nicht zu Ende schauen, weil wir noch in einen katholischen Gottesdienst mussten, in dem er namentlich erwähnt wurde. Ich erinnere mich noch, wie ich das Elfmeterschießen im Radio im Auto verfolgt habe und zu spät in die Kirche kam. Ich wurde damals gezwungen, in die Kirche zu gehen und habe mit meinen 13 Jahren dem Druck nachgegeben – heute würde ich das nicht mehr tun. Mein Großvater hat die katholische Kirche verachtet und blieb nur Mitglied um die Gefühle seiner streng katholischen Mutter nicht zu verletzen – warum er auch nach deren Ableben nicht ausgetreten ist, entzieht sich leider meiner Kenntnis – ich werde aber versuchen, es noch herauszufinden. Da er zudem Fußballfan war, hätte er sich sicher gewünscht, dass ich mir das Spiel bis zum Ende angeschaut hätte und nicht an einen Ort gegangen wäre, mit dem er überhaupt nichts zu tun hatte und an dem ich auch unpassend war. Am besten schaue ich, ob man das Spiel noch irgendwo anschauen kann und hole es nach…
Enden möchte ich mit dieser Version des Schlesierlieds:
In der zweiten Strophe heißt es „irgendwann sind alle Brüder – ohne Grenzen und für alle Zeit, und man singt die alten Lieder nur aus Freude und Verbundenheit“. Sowohl mein Großvater, als auch Rainer Schnurbusch haben sich bestimmt gefreut, dass Deutsche und Polen jetzt Brüder sind und würden sich wünschen, dass sich Brüderlichkeit nicht nur auf uns und unsere Brüder östlich von Oder und Neiße beschränkt, sondern auf alle Menschen. Und auch wenn das momentan sehr idealistisch klingt: Ich wünsche es mir auch.
Mit besten Grüßen aus Heidenheim an die Welt:
Marcel Kunz

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