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Sonntagsgedanken: „So hilf mir doch!“ Niemand bittet gern um Hilfe

„Lass dir doch mal helfen!“ Dieser Satz meint Gutes und ist insgeheim doch auch ein Vorwurf. Da sieht jemand, wie ich mich abmühe, und will mir helfen. Das ist Nächstenliebe: hinsehen, nicht wegsehen. Doch schnell entstehen Missverständnisse wie in jenem Werbespot, in dem ein junger dynamischer Mann eine ältere Dame über die Straße führt, die sich mit Händen und Füßen dagegen wehrt und schlussendlich auch noch den Bus verpasst, auf den sie gewartet hatte. Also dann doch lieber weitergehen, die hilfsbedürftig aussehende Person wird schon von irgendwoher professionelle Hilfe bekommen? Zu helfen und Hilfe annehmen zu können ist gar nicht so einfach, zumindest machen wir es uns damit bisweilen ganz schön kompliziert.

Jesus muss eine Art an sich gehabt haben, die einfach nur wohltuend war. Bedürftige kamen in Scharen zu ihm. Er wendete sich ihnen zu und nahm sie ernst. Er spürte, wonach sie sich am meisten sehnten: Oft war dies das, was alle sahen. Aber war das wirklich alles? Ich denke nicht. Viele unserer Bedürfnisse sind keineswegs so klar und eindeutig, wir können sie ja oft selbst kaum in Worte fassen. Jesus nahm sich Zeit. Er wendete sich den Menschen zu und vernahm auch das, was sie nicht sagen konnten oder wollten.

Zur Zeit Jesu galt jede Krankheit als Strafe Gottes. Somit lag es gerade für die Frommen nahe, einen großen Bogen um alle Leidtragenden zu machen. Religiosität sollte dazu führen, dass Menschen Gutes tun, missverstanden bewirkt sie bisweilen Unbarmherzigkeit und Unmenschlichkeit. Jesus hat sich dieser Sicht auf Krankheit widersetzt. Damit brach er Tabus und halste sich Ärger auf.

Vieles ist heute einfacher geworden: Wir wissen viel mehr über die Entstehung von Krankheiten und wie sie geheilt werden können. Ein soziales Netz soll dafür sorgen, dass Bedürftigen geholfen wird. Aber das ist eben nur die eine, die professionelle Seite. Daneben gibt es auch die unplanbare Seite: Wie reagiere ich, wenn ich ganz unerwartet einem Menschen begegne, von dem ich nicht so recht weiß, ob er allein zurechtkommt oder ob ich eben ganz unkompliziert helfen könnte. Ist es so kompliziert, wie wir immer meinen? Hätte jener hilfsbereite junge Mann aus dem Werbespot nicht einfach fragen können, ob er helfen soll? Diese Zuwendung hätte ihn Zeit und Geduld gekostet. Vielleicht hätte er gar seine gute Tat auf ein anderes Mal aufschieben müssen. Hilfe braucht Zeit, Mühe, Flexibilität und Aufmerksamkeit, nicht nur die, die sich aufhalten lassen, hinsehen und unter die Arme greifen, sondern auch die, die sich dazu überwinden müssen, darum zu bitten. Jesus nahm sich diese Zeit für jede und jeden Einzelnen.

Agnes Steinacker-Hessling
Pastoralreferentin

Kath. Pfarramt – Mariä Himmelfahrt
73098 Rechberghausen

 

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