Das politische Wort zum Sonntag: über 110 Jahre Judenzählung, 80 Jahre Hinrichtung der Angeklagten der Nürnberger Prozesse

Die „Judenzählung“ (amtlich: „Nachweisung der beim Heere befindlichen wehrpflichtigen Juden“) war eine statistische Erhebung am 1. November 1916, bei der der Anteil der jüdischen Soldaten im deutschen Heer während des Ersten Weltkriegs ermittelt werden sollte. Der Erlass wurde am 11. Oktober 1916 vom preußischen Kriegsminister Adolf Wild von Hohenborn initiiert. 
Hintergrund und Absicht
Mit zunehmender Kriegsdauer und schlechter Versorgungslage im Reich wuchs der Antisemitismus in der Bevölkerung und im Offizierskorps. Antisemitische Verbände und Medien verbreiteten gezielt Gerüchte, dass sich jüdische Staatsbürger dem Frontdienst entziehen würden und stattdessen in sicheren Posten in der Etappe säßen („Drückebergerei“). Die Erhebung sollte diese Anschuldigungen prüfen, entsprach aber faktisch einem Zugeständnis an die antisemitischen Strömungen.
Das Ergebnis
Die Zählung widerlegte die antisemitischen Vorwürfe vollständig. Die Statistik bewies, dass jüdische Soldaten im gleichen Verhältnis wie ihre christlichen Kameraden an der Front kämpften und starben:
  • Rund 100.000 jüdische Soldaten nahmen am Ersten Weltkrieg teil.
  • Etwa 80 % von ihnen dienten direkt an der Front.
  • Circa 12.000 jüdische Soldaten fielen für das Deutsche Kaiserreich.
  • Etwa 35.000 wurden für ihre Tapferkeit mit Orden ausgezeichnet.
Da die Ergebnisse den gewünschten antisemitischen Vorurteilen widersprachen, hielt die Militärführung die Statistik geheim und veröffentlichte sie nicht.
Historische Folgen
Für die Betroffenen war die Judenzählung ein tiefer Schock. Viele jüdische Soldaten, die bis dahin patriotisch gesinnt waren, empfanden die Erhebung als Stigmatisierung, Ausgrenzung und tiefen Vertrauensbruch.
Nach dem Krieg wurde das bewusste Verschweigen der Ergebnisse von Antisemiten genutzt, um die Propagandalüge der „Dolchstoßlegende“ weiter zu nähren. Um den anhaltenden Verleumdungen entgegenzuwirken, veröffentlichte der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten 1932 ein Gedenkbuch mit den Namen der gefallenen jüdischen Soldaten. Die Judenzählung gilt heute in der Geschichtswissenschaft als ein entscheidender Meilenstein auf dem Weg vom traditionellen zum rassistisch motivierten Antisemitismus in Deutschland.
Am 16. Oktober 1946 wurden die Todesurteile der Nürnberger Prozesse gegen die Hauptkriegsverbrecher vollstreckt.
Im Laufe des Jahres habe ich ja bereits mehrfach über die 80. Jahrestage der Prozesse gegen die Kriegstreiber aus Japan, Italien, Ungarn und Rumänien geschrieben und dachte eigentlich, dass die deutschen Medien noch ausführlich über die Nürnberger Prozesse berichten werden. Aber leider ist dem nicht so, ich habe überhaupt nichts darüber vernommen und bin erst heute zufällig auf das Thema gestoßen – in unserer heutigen Zeit fatal, weil große Teile der Welt immer weiter nach rechts rücken und man den jungen Generationen vor Augen führen muss, wozu Hass und Nationalismus führen. Was man im Nachhinein an diesem Prozess kritisieren muss, ist die Tatsache, dass die Verurteilten keine Möglichkeit der Berufung durch eine weitere Instanz hatten. Auch lehne ich die Todesstrafe ab, kann aber in diesem Zusammenhang damit leben. Nicht aus Rache, sondern weil die Täter durch die Hinrichtung keinen weiteren Schaden anrichten und ihre Ideologien weiterverbreiten konnten. Aus heutiger Sicht beängstigend empfinde ich, dass die USA – damals maßgeblich an der Einsetzung des Tribunals beteiligt – neulich erst Sanktionen gegen den Internationalen Strafgerichtshof, der Nachfolgeorganisation der damaligen Gerichtsbarkeit, verhängt haben. Auch heute gibt es genug Kriegstreiber, die vor Gericht gehören und dafür braucht es eine starke multinationale Justiz.
Dann möchte ich noch einen Vorfall behandeln, der ungefähr 20 Jahre zurückliegt.
Ich war mit einer Gruppe mit dem Auto unterwegs zum Döner essen. Danach sind wir in die Richtung vom Auto weggelaufen, was ich nicht verstand und ich habe gefragt, wohin wir eigentlich gehen. Ich erhielt keine Antwort, die anderen gingen weiter und ich bin gefolgt, obwohl mir nicht klar war, wohin der Weg gehen sollte. Kurz darauf habe ich noch einmal gefragt, wohin wir gehen und ich erhielt wieder keine Antwort. Trotzdem bin ich mitgegangen. Kurz darauf merkte ein anderer, dass wir immer weiter vom Auto weglaufen und sprach das an. Ich habe bemerkt, dass ich das vor 100  Metern schon gefragt habe. Endlich haben alle bemerkt, dass wir in die falsche Richtung liefen und wir drehten um. Aus Angst, allein zu bleiben, bin ich einfach mitgelaufen, obwohl ich wusste, dass es falsch war. Wäre ich konsequenter gewesen, wäre ich energischer dazwischen gegangen, da außer mir keiner merkte, dass wir auf dem falschen Weg waren oder einfach stehen geblieben, bis die anderen zur Einsicht gekommen wären.
Mein Fallbeispiel war jetzt eher harmlos und konnte schnell korrigiert werden. Was passiert, wenn kollektiv in die falsche Richtung gegangen wird und niemand einschreitet, zeigt die europäische Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Welt taumelte in den Ersten Weltkrieg und institutioneller Antisemitismus führte 1916 zur Judenzählung. Aber es sollte noch schlimmer werden, was letztendlich die Nürnberger Prozesse nötig machte. Ich bin auch nicht immer frei von Schuld, da ich im Kleinen immer mal wieder nicht energisch genug dazwischen gegangen bin, wenn andere auf dem Holzweg waren. Vielleicht leiste ich mit meinen Worten zum Sonntag auf der anderen Seite einen Beitrag, andere zum Nachdenken und auf den richtigen Weg zu bewegen. Darum mein Appell, es mir gleich zu tun, das Maul aufzumachen, wenn andere in die falsche Richtung gehen und einzuschreiten, wenn der Weg zu dunkel wird. Sonst droht die Gefahr eines dritten Weltkriegs, was niemand will.
Marcel Kunz

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