„Die Schule bekommt das Aufeinanderprallen gesellschaftlicher Entwicklungen ab, die sie selbst nicht verursacht hat und mit ihren aktuellen Ressourcen kaum abfedern kann. Damit sind die PISA-Ergebnisse kein Zeugnis für schlechten Unterricht – sie sind eine Quittung für gesellschaftliche Entwicklungen. Denn wenn selbst die skandinavischen Vorbilder einbrechen, dann liegt das Problem nicht (nur) im Klassenzimmer.
Das Aufwachsen in einer digitalen Umgebung, das damit einhergehende Umgehen mit Texten und künstlicher Intelligenz und die sinkenden Möglichkeiten familiärer Unterstützung wirken in die Schule. Wenn dann noch ein beispielloser Lehrkräftemangel und schlechte Ausstattung dazukommen, kann es Schule nicht gelingen, den Bildungserfolg vom sozio-ökonomischen Status der Eltern abzukoppeln. Doch alle Kinder brauchen Basiskompetenzen. Deshalb muss Politik über Einzelprojekte hinaus endlich eine vernetzte Förderkulisse bereitstellen, die nicht nur einzelne Herausforderungen adressiert, sondern den Schulen die Möglichkeit gibt, die beste Umgebung bereitzustellen“, fordert der Bundesvorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), Tomi Neckov, mit Blick auf die Ergebnisse der OECD-Studie „PISA 2025“.
Fehlende Bedingungen für gute Förderung
Nur 18 Prozent der Schüler:innen in Deutschland lernen an Schulen ganz ohne Lehrkräftemangel. Damit liegt Deutschland deutlich unter dem OECD-Durchschnitt. So erklärt sich auch, weshalb Deutschland bei dem Index „Unterstützung der Lehrkräfte“ schlechter abschneidet. Der VBE-Chef kommentiert: „Unterstützung kann dort besonders gut erfolgen, wo man sich Zeit nehmen kann. Die haben wir aber oft nicht. Damit sich das ändert, brauchen wir die Unterstützungssysteme, die es in den Ländern gibt, die hochgerankt sind: multiprofessionelle Zusammenarbeit mit klarer Rollenverteilung und Kooperationszeiten.“ Nur so könne es auch gelingen, die Förderung besser zu gestalten: „Wir haben 14 Prozent sehr gute Schüler:innen, aber 21 Prozent, die nur die Kompetenzstufe 2 erreichen. Ein gut ausgestattetes System schafft es, diese Zahlen mindestens umzukehren“, so Neckov.
Status und Bildungserfolg
PISA 2025 zeigt eine starke Abhängigkeit des Bildungserfolgs vom sozio-ökonomischen Status der Eltern. Der Leistungsabstand zwischen Begünstigten und Benachteiligten betrifft 125 Punkte, was einer halben Schulkarriere entspricht. „Das ist ganz, ganz düster. Das muss politisch Verantwortliche persönlich schmerzen – und zu mehr Investitionen antreiben“, sagt Neckov.
Lesekompetenz auf Tiefstand
Weltweit ist das Zurückgehen der Lesekompetenz zu beobachten. Durchschnittlich 28 Punkte weniger, das ist über ein Schuljahr, sind festzustellen. Insbesondere die Kompetenzen zur kritischen Auseinandersetzung mit Themen sind gesunken. „Wo das Bewerten, Verknüpfen und Reflektieren nicht mehr gelingt, haben Fake News leichtes Spiel. Das ist eine Gefahr für unser Zusammenleben und die Demokratie“, warnt Tomi Neckov. Mit Blick auf die Kürzung von Leseförderungsprojekten ergänzt er: „Wir brauchen die Förderung des Erstkontakts mit Büchern und deutscher Sprache. Das Vorlesen ist so immens wichtig, dass alle Projekte, die dies fördern, dringend beibehalten werden sollten. Zudem freuen wir uns in Schule natürlich über alle, die ehrenamtlich beim Vorlesen unterstützen. Auch das Projekt des Hamburger Lesebands ist vorbildlich.“
KI: Heilsbringer oder Verdummungsmaschine?
Eine der spannendsten Erkenntnisse ist: Wer KI nur nutzt, um Hausaufgaben zu machen, profitiert nicht von dem Einsatz – im Gegensatz zu jenen, die KI regelmäßig und für ganz unterschiedliche Zwecke einsetzen. Die Möglichkeiten hierzu hängen jedoch stark vom sozio-ökonomischen Status der Eltern und den Möglichkeiten der Familie ab, den Umgang mit KI zu unterstützen. Neckov kommentiert: „Wer KI für Schulaufgaben nutzt, wird nicht klüger, sondern nur schneller fertig – ohne selbst einen Lernprozess durchlaufen zu haben. Andersherum wird reflektiertes Denken durch sogenanntes ‚KI-Sparring‘ ausgebildet. So wird aus der Art des Einsatzes von KI ein weiterer Katalysator für Bildungsungerechtigkeit.“
Vorbild Skandinavien auf dem absteigenden Ast
Alle vier skandinavischen Länder, bisher europäische Vorbilder, mussten teilweise starke Kompetenzrückgänge verzeichnen. Insbesondere Dänemark hat minus 16 Punkte in Naturwissenschaften, minus 19 Punkte in Mathematik und sogar minus 29 Punkte in Lesekompetenz zu verzeichnen. Neckov sieht das als Beweis einer allgemeinen Entwicklung, die auch durch die Nutzung digitaler Medien vorangetrieben wurde.
Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) vertritt als parteipolitisch unabhängige Bildungsgewerkschaft die Interessen von ca. 164.000 Pädagoginnen und Pädagogen – aus dem frühkindlichen Bereich, der Primarstufe, den Sekundarstufen I und II und dem Bereich der Lehrkräftebildung – in allen Bundesländern. Der VBE ist eine der beiden großen Bildungsgewerkschaften in Deutschland und mitgliederstärkste Fachgewerkschaft im dbb beamtenbund und tarifunion.
PM VBE Verband Bildung und Erziehung