Denise Marie Hradecky aus Göppingen stellte auf der europäischen Konferenz für Gesundheitsökonomie in Rotterdam ein neues Reformanalysemodell vor.
Gesundheitsreformen sollen die Versorgung verbessern, Kosten stabilisieren und die vorhandenen Ressourcen effizienter einsetzen. Dennoch bleiben die tatsächlichen Ergebnisse vieler Reformen hinter den politischen Erwartungen zurück. Warum dies nicht allein an den Reformzielen, sondern häufig an der konkreten Umsetzung liegt, untersuchte Denise Hradecky aus Göppingen in ihrem wissenschaftlichen Beitrag auf der Jahrestagung der European Health Economics Association, kurz EuHEA,.
Die Gesundheitsökonomin, Gesundheitsrechtlerin, Unternehmerin und Autorin stellte ihre Arbeit an der Erasmus Universität Rotterdam vor. Für sie ist die Frage nach der Wirksamkeit von Gesundheitsreformen nicht nur von wissenschaftlicher Bedeutung. Fehlentwicklungen im Gesundheitswesen wirken sich unmittelbar auf Unternehmen, Beschäftigte und Kommunen aus.
„Gesundheitspolitik ist immer auch Wirtschafts- und Standortpolitik“, betont Hradecky. „Wenn Versorgungsstrukturen nicht funktionieren, Beiträge steigen, Fachkräfte fehlen oder bürokratische Anforderungen kaum noch zu bewältigen sind, betrifft dies nicht nur Krankenhäuser, Arztpraxen und Pflegeeinrichtungen. Es betrifft ebenso den Mittelstand, die kommunalen Haushalte und die wirtschaftliche Entwicklung einer Region.“
Die Politik könne sich beispielsweise mehr Zusammenarbeit zwischen Arztpraxen, Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen wünschen. Wenn diese Einrichtungen jedoch weiterhin unterschiedlich bezahlt werden oder wirtschaftlich unter Druck stehen, bleiben sie oft in ihren bisherigen Strukturen. Zudem sei nicht immer klar, wer verantwortlich ist. Zu viele Stellen – der Bund, die Länder, die Kommunen, Krankenkassen, Ärzte, Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen – würden mit entscheiden. Manchmal werde die Verantwortung auch von einer Stelle zur nächsten weitergegeben, während vor Ort dringend eine Lösung gebraucht werde. Zudem fehle für eine Reformumsetzung häufig Zeit, Personal und die notwendigen Strukturen.
„Ein neues Gesetz verbessert die Versorgung nicht automatisch“, erklärt die Göppingerin. „Es muss auch klar sein, wer was tun soll, wie die Beteiligten zusammenarbeiten und ob sie dafür genügend Personal, Zeit und finanzielle Mittel haben. Sonst bleibt eine gute Reform am Ende hinter ihren Zielen zurück.“
Für mittelständische Unternehmen sind leistungsfähige Gesundheitsstrukturen ein wichtiger Standortfaktor, so die Expertin, die auch Mitglied in der Göppinger Mittelstands- und Wirtschaftsunion ist. Lange Wartezeiten, Versorgungslücken und steigende Krankenstände können die Produktivität beeinträchtigen. Gleichzeitig führen steigende Sozialversicherungsbeiträge zu höheren Belastungen für Arbeitgeber und Beschäftigte.
Auch die Kommunen geraten zunehmend unter Druck. Sie müssen auf regionale Versorgungslücken reagieren, obwohl viele grundlegende Entscheidungen auf Bundes- oder Landesebene getroffen werden. Gleichzeitig sind Städte und Gemeinden unmittelbar mit den Folgen konfrontiert, wenn Arztpraxen keine Nachfolge finden, Pflegeangebote wegfallen oder Krankenhäuser ihr Leistungsangebot verändern.
Aus Sicht Hradeckys sollten Kommunen deshalb früher und systematischer in Reformprozesse einbezogen werden. Sie verfügten über wichtige Kenntnisse der regionalen Versorgungssituation, könnten Veränderungen jedoch nur dann wirkungsvoll mitgestalten, wenn ihre Rolle, ihre finanziellen Möglichkeiten und ihre Verantwortlichkeiten klar definiert seien.
„Wir diskutieren bei Reformen häufig darüber, was verändert werden soll. Mindestens ebenso wichtig ist jedoch die Frage, wie diese Veränderung unter den realen Bedingungen des Gesundheitssystems funktionieren kann“, so Hradecky. „Erfolgreiche Reformpolitik beginnt deshalb nicht erst mit der Verabschiedung eines Gesetzes, sondern mit einer realistischen Betrachtung seiner späteren Umsetzung.“
Die Präsentation in Rotterdam bot die Gelegenheit, diesen Ansatz mit internationalen Wissenschaftlern zu diskutieren. Für Hradecky ist der europäische Austausch besonders wertvoll, weil sich viele Länder mit vergleichbaren Problemen beschäftigen: steigenden Kosten, Fachkräftemangel, alternden Bevölkerungen, komplexen Zuständigkeiten und der schwierigen Umsetzung notwendiger Strukturveränderungen.
Zur Person
Denise Marie Hradecky aus Göppingen ist eine international tätige Expertin im Gesundheitswesen. Geboren in Oranjestad, Aruba, machte sie den Bachelor-Abschluss in Medizinischer Diagnostik und Strahlentherapie an der Fontys University of Applied Sciences in Eindhoven. Es folgten Studien im Bereich des Healthcare Managements, einschließlich eines Master of Science in Health Care Management an der Erasmus University Rotterdam. Darüber hinaus studierte sie an der Bocconi University in Mailand und an der La Sapienza Universita di Roma, sowie an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen. Ihren Master in Wirtschaftsrecht machte sie in Hamburg und absolvierte mehrere Fortbildungen an der Harvard Law School und Cambridge University. Beruflich war sie als Beraterin des Vorstands in einem Universitätsklinikum und als stellvertretende Pflegedirektorin in einer Klinik tätig, hat an Projekten zur Umstrukturierung von Krankenhäusern gearbeitet, Verhandlungen mit Krankenkassen geführt und war in der rechtlichen Beratung tätig.
Neben ihrer Tätigkeit als freiberufliche Gesundheitsexpertin ist sie Partnerin und Projektleiterin für Deutschland, Österreich und die Schweiz bei Medify BV und als Autorin für den Springer Gabler Verlag tätig. Hradecky ist verheiratet und Mutter zweier Kinder.
Foto (Privat): Denise Marie Hradecky bei ihrer Präsentation in Rotterdam.
Rüdiger Gramsch