Für zwei Alpensteinböcke aus der Wilhelma hat ein neuer Lebensabschnitt begonnen. Am Donnerstag, 30. August 2026, wurden sie in den Hohen Tauern in die Natur entlassen. Sie waren dabei nicht alleine: Mit ihnen zusammen wurden noch acht Artgenossen aus drei weiteren europäischen Zoos ausgewildert. Initiiert und koordiniert wurde die Aktion durch eine lokale Initiative vor Ort in Österreich.
Für die beiden weiblichen Tiere, die 2024 in der Wilhelma zur Welt gekommen sind, begannen die Reisevorbereitungen bereits einige Wochen vorher: Am 1. Juli wurde ihr Gesundheitszustand veterinärmedizinisch überprüft, Blutproben genommen und die vorgeschriebenen Ohrmarken angebracht. Am Vormittag des 29. Juli wurde jede der beiden Geißen dann von den zuständigen Tierpflegerinnen in eine eigene Transportkiste bugsiert und in einen klimatisierten Transporter verladen. In Österreich angekommen wurde zunächst noch eine Zwischenübernachtung eingelegt. Am folgenden Morgen ging es dann im Konvoi ins Gebirge. Am Ort der Auswilderung angekommen, wurden die zehn Transportkisten der vier beteiligten Zoos vorsichtig nebeneinander platziert und zeitgleich geöffnet. Die Auswilderung aller zehn Tiere verlief erfolgreich.
Dr. Ulrike Rademacher, Kuratorin für Huftiere in der Wilhelma, erklärt: „Wir sind sehr glücklich darüber, dass wir zusammen mit unseren Kolleginnen und Kollegen aus anderen Zoos zu dieser gelungenen Aktion beitragen durften. Zwar gelten Steinböcke heutzutage nicht mehr als gefährdet. Oft leben sie aber in Inselpopulationen, die nicht miteinander verbunden sind. Seit 1994 haben wir daher nun insgesamt 25 unserer eigenen Nachzuchten für bestandsstützende Maßnahmen in Österreich zur Verfügung gestellt. Sie helfen dabei, Populationslücken zu schließen und genetische Vielfalt in den Beständen zu sichern.“
Wilhelma-Direktor Dr. Thomas Kölpin fügt hinzu: „Der Alpensteinbock ist eine Art, bei der schon seit langer Zeit erfolgreich ausgewildert wird. Möglich ist das, da seine Lebensräumer weitgehend intakt sind und er nicht mehr verfolgt wird. Das sind die Grundvoraussetzungen für jede Auswilderung: Zunächst müssen die Ursachen behoben sein, die einst zur Dezimierung einer Art in der Natur geführt haben. Bei vielen in Zoos gehaltenen Arten ist dieser Zeitpunkt aber noch nicht erreicht. Artenschutz ist darum eine langfristige, oft generationenübergreifende Aufgabe.“
Der Alpensteinbock war noch bis ins 16. Jahrhundert in den Hochgebirgslagen der Alpen sehr verbreitet Art. Aufgrund von intensiver Bejagung war die Art bis Mitte des 19. Jahrhunderts fast ausgerottet. Im Gran Paradiso Nationalpark in Italien blieb eine Restpopulation erhalten, die 1821 auf rund 60 Exemplare geschätzt wurde. Dank strenger Schutzmaßnahmen konnte sich der dortige Bestand bis zum Ende des 19. Jahrhunderts wieder auf rund 3.000 Tiere erholen. Gezielten Wiederansiedlungen von Steinböcken, sowohl aus der Population am Gran Paradiso als auch aus Wildparks und Zoos in zuvor verwaisten Gebieten, ist es zu verdanken, dass heute wieder über 50.000 der charismatischen Bergziegen im gesamten Alpenraum heimisch sind.
Foto (© Wilhelma Stuttgart):Zuvor wurden die Transportkisten ins Gebirge transportiert und aufgestellt.
PM Wilhelma Zoologisch-Botanischer Garten Stuttgart