Auf der anderen Seite des Gangs saß eine junge Mutter mit ihrem Kind. Plötzlich begann das Kind zu weinen. Zahnschmerzen quälten es, und man konnte spüren, wie hilflos und erschöpft es sich fühlte. Die Mutter nahm ihr Kind fest in den Arm, strich ihm über den Kopf und versuchte, es zu trösten. Sie konnte den Schmerz nicht einfach wegnehmen, aber sie war da. Mit ihrer Nähe und ihrer Liebe gab sie dem Kind Halt.
Auf dem Sitz gegenüber saß eine andere Frau. Sie mischte sich nicht aufdringlich ein, sondern sprach dem Kind freundlich zu. Mit ruhigen Worten lenkte sie es ein wenig von den Schmerzen ab. Gleichzeitig erklärte sie der Mutter, wie sie am Zielbahnhof am schnellsten zur nächsten Apotheke gelangen könne. So wurde aus einer belastenden Situation ein kleiner Moment menschlicher Nähe: Die eine tröstete, die andere half mit Rat und Aufmerksamkeit.
Zu diesem Erlebnis fällt mir ein Wort aus dem Galaterbrief ein: „Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ (Galater 6,2)
Die Zahnschmerzen des Kindes waren nicht verschwunden. Doch die Last wurde ein wenig leichter, weil die Mutter und die andere Frau Anteil nahmen. Oft sind es nicht die großen Heldentaten, die unseren Alltag verändern. Es sind die kleinen Gesten: ein mitfühlender Blick, ein tröstendes Wort, eine hilfreiche Auskunft, eine ausgestreckte Hand. Solche Augenblicke erinnern uns daran, dass wir nicht allein sind.
In einer Zeit, in der oft von Rücksichtslosigkeit und Distanz die Rede ist, bleiben gerade solche unscheinbaren Zeichen der Menschlichkeit im Herzen haften. Sie schenken Trost, nehmen uns ein Stück unserer Sorge ab und lassen neue Hoffnung wachsen. Vielleicht wirkt Gottes Liebe oft genau so: nicht laut und spektakulär, sondern durch Menschen, die zur rechten Zeit da sind. Durch ein freundliches Wort. Durch einen Rat. Durch jemanden, der sagt oder zeigt: „Ich sehe dich, und du bist nicht allein.“
Julia Glock
Pfarramt Lutherkirche/Eislingen