Acht von zehn Beschäftigten privater Versicherungen spüren aktuell keine Verringerung ihres Arbeitspensums durch Künstliche Intelligenz (KI). Fast neun von zehn erleben auch keinerlei Entlastung vom täglichen Arbeitsdruck, eher im Gegenteil. Und für mehr als 40 Prozent ist die Einführung von Künstlicher Intelligenz mit Ängsten um ihren Arbeitsplatz verbunden, insbesondere bei Beschäftigten mit niedrigeren Einkommen.
Dies sind nur einige Ergebnisse einer großen Befragung mit mehr als 8.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) im Februar und März dieses Jahres unter Beschäftigten aller großen Versicherer durchgeführt und jetzt ausgewertet hat. Die Befragung, an der sich nicht nur Gewerkschaftsmitglieder beteiligt haben, ist nicht im strengen Sinn repräsentativ, erlaubt aber einen tiefen Einblick in die Gedanken, Sorgen und auch Forderungen der Kolleginnen und Kollegen.
„Die Beschäftigten sind dabei alles andere als technologiefeindlich“, sagt Deniz Kuyubasi, Bundesfachgruppenleiterin Versicherungen. Im Gegenteil: 40 Prozent der Befragten sehen in verbesserten digitalen sowie KI-Tools das Potenzial zur Entlastung ihrer Arbeitsprozesse. Die Technik sei längst im Arbeitsalltag angekommen: Drei von vier Befragten nutzen bereits KI oder KI-basierte Anwendungen, dabei jüngere Beschäftigte und höhere Einkommensgruppen häufiger als andere. Die Befragung zeigt damit ein bemerkenswertes Spannungsfeld: KI ist längst Praxis, die versprochenen Entlastungseffekte kommen bei den Beschäftigten aber bislang kaum an. „Am Arbeitsplatz sind noch viel zu wenig echte Verbesserungen zu spüren“, sagt Gewerkschafterin Kuyubasi. „Für uns sind die Ergebnisse daher ein Auftrag, mit den Arbeitgebern weiter über klare, verbindliche Regeln bei Einführung und Einsatz von KI zu verhandeln.“
Aktuell laufen Verhandlungen zwischen ver.di und dem Arbeitgeberverband der Versicherungsunternehmen (AGV) für einen Transformationsrahmentarifvertrag, der die wesentlichen Aspekte für KI-Systeme, Digitalisierung und Automatisierung regeln soll. Regelungen für KI gehören zu den wichtigsten Erwartungen der Beschäftigten an der Transformationstarifvertrag. 60 Prozent der Befragten fordern klare Regeln für den KI-Einsatz: Job- und Standortsicherung, Recht auf Qualifizierung, gerade für ältere Beschäftigte, aber auch Mitbestimmung und der Ausschluss von Leistungs- und Verhaltenskontrolle sind die Forderungen der Dienstleistungsgewerkschaft. Deniz Kuyubasi: „Wir wollen, dass vor der Einführung von KI-Systemen die Auswirkungen auf Beschäftigung, Qualifikation und Arbeitsbedingungen transparent bewertet werden – damit es wirklich zu Entlastungen und Verbesserungen für die Beschäftigten kommt. Und nicht einfach nur zu Technik-Chaos und Arbeitsverdichtung.“
KI könne die Kolleginnen und Kollegen bei Routineaufgaben, Recherchen, der Dokumentation oder der Strukturierung von Informationen unterstützen. Werde sie aber schlecht eingeführt, ohne gute Schulungen, hinreichend Zeit und faire Mitbestimmung, sei schnell das Gegenteil der Fall. Auch in der Befragung berichten viele Beschäftigte von zusätzlicher Kontrollarbeit, neuen Korrekturschleifen und mehr Verantwortung ohne echte Unterstützung der Unternehmen. „Das ist nicht nur ein technisches Problem“, sagt Kuyubasi, „sondern das ist ein Gerechtigkeitsthema: Wenn KI vor allem zur Kostensenkung, Leistungsverdichtung oder zum Personalabbau eingesetzt wird, verlieren Beschäftigte Vertrauen. So entsteht keine Offenheit für Veränderung, sondern Angst. Und dann scheitert Transformation, zum Nachteil aller Beteiligten.“
Ziel eines Transformationsrahmentarifvertrages sei es daher, Orientierung, Sicherheit und Verlässlichkeit für Beschäftigte und Unternehmen zu schaffen, betonte die Gewerkschafterin. „Anders als frühere Rationalisierungs- und Veränderungsprozesse ist diese Transformation kein zeitlich begrenztes Ereignis, sondern ein dauerhafter Prozess.“ Die Tarifvertragsparteien stünden daher gemeinsam in der Verantwortung, den Wandel aktiv und konstruktiv zu gestalten.
Die nächste Verhandlungsrunde für einen Rahmentarifvertrag Transformation findet am 30. Juni 2026 in Dortmund statt.
Die kompletten Daten der ver.di-Beschäftigtenbefragung samt Auswertung gibt es unter: https://versicherungen.verdi.de