Liebe Göppingerinnen und Göppinger, liebe Kinder, liebe Familien, liebe Gäste aus Nah und Fern,
endlich wieder Maientag.
Ich schaue auf diesen Platz und denke: Solange das hier möglich ist, ist noch nicht alles verloren.
Und dann denke ich weiter. Dass irgendwann im Jahr 1650 jemand in den Trümmern nach dem dreißigjährigen Krieg gesagt haben muss: Lass uns ein Fest machen. Das war entweder sehr mutig oder völlig verrückt. Wahrscheinlich ein bisschen von beidem.
Dreißig Jahre Krieg hatten Europa verwüstet. Auch Göppingen war gezeichnet, die Menschen erschöpft. Und trotzdem fassten sie Mut. Sie öffneten wieder die Schulen. Sie pflanzten Bäume. Sie riefen ein Fest ins Leben. Nicht weil alles gut war. Sondern weil sie beschlossen hatten: Es kann besser werden.
Das ist der Geist des Maientags seit 376 Jahren. Und er trägt uns bis heute.
2026 gibt es einen weiteren Jahrestag, der uns alle vielleicht mehr angeht, als es auf den ersten Blick scheint. Die Vereinigten Staaten von Amerika feiern ihren 250. Unabhängigkeitstag. Ein Vierteljahrtausend. Und es lohnt sich, einen Moment innezuhalten und zu begreifen, was das bedeutet.
In diesen 250 Jahren haben die USA die Welt geprägt wie kaum eine andere Nation in der Geschichte der Menschheit. Wirtschaftlich, politisch, kulturell. Die Ideen, auf denen dieses Land gegründet wurde, Freiheit, Gleichheit, das Recht jedes Menschen auf ein selbstbestimmtes Leben, diese Ideen haben Wellen geschlagen bis in jede Verfassung, die danach geschrieben wurde. Auch in unser Grundgesetz.
Für viele Menschen in Deutschland war Amerika immer mehr als ein Land. Es war ein Sehnsuchtsort. Ein Versprechen. In der Bundesrepublik und gerade auch für viele, die in der DDR aufgewachsen sind, war Amerika der Beweis, dass es anders geht. Dort ist Freiheit möglich. Echte Freiheit. Nicht die verordnete, nicht die auf dem Papier stehende, sondern die, die man atmet.
Während im Osten die Staatsmacht jeden Gedanken kontrollieren wollte und in West-Deutschland die angestaubte Prüderie die persönliche Freiheit bremste, stand Amerika für etwas Schwindelerregendes: die Freiheit, laut zu sagen was man denkt. Die Freiheit zu wählen. Die Freiheit, man selbst zu sein.
Amerika war Sehnsuchtsland. Amerika war Schicksalspartner. Amerika war Vorbild.
Und viele haben einen persönlichen Bezug zu diesem Land, auch ich. Mein Großvater war Soldat in der US Army und er war hier stationiert. In Göppingen, im Stauferpark. Einer der Amerikaner, die blieben und dabei halfen, aus Trümmern etwas Neues zu bauen. Ohne sie gäbe es unser Grundgesetz nicht. Ohne sie stünden wir heute nicht hier.
Das werden wir nicht vergessen.
Und genau deshalb schmerzt es, wenn wir heute auf dieses Land schauen und es manchmal nicht wiedererkennen. Was wir dort beobachten, sind keine normalen politische Meinungsverschiedenheiten. Es ist das Zerbrechen von etwas Tieferem. Heute wird die Lüge zum politischen Werkzeug, Vertrauen wird systematisch zerstört. Und Werte, die über Generationen als selbstverständlich galten, Pressefreiheit, Gewaltenteilung, der Respekt vor dem Ergebnis einer Wahl, stehen plötzlich zur Disposition.
Das lehrt uns etwas, das wir uns merken müssen. Diese Werte sind nicht einfach da. Sie müssen jeden Tag gewollt werden. Demokratie ist kein Erbe, das man antritt und dann einfach hat. Sie ist eine tägliche Entscheidung. Und das Fundament dieser Entscheidung heißt Vertrauen. Vertrauen zwischen Menschen. Vertrauen in Institutionen. Vertrauen in den Staat.
Und genau hier, kommen wir in Göppingen ins Spiel.
Denn Vertrauen in den Staat entsteht nicht nur in Parlamenten und Regierungsgebäuden. Nicht in Berlin oder Brüssel. Es entsteht dort, wo Staat und Mensch sich zum ersten Mal begegnen. In der Kommune. Im Kindergarten, in der Schule, im Bürgerbüro und im Bezirksamt. Wenn das funktioniert, wächst Vertrauen. Wenn es nicht funktioniert, entsteht Frust.
Und aus Frust entsteht das Gefühl, dass man dem Staat gleichgültig ist oder der Staat einem misstraut. Und ein Staat, der seinen Bürgerinnen und Bürgern misstraut, darf sich nicht wundern, wenn die Bürger irgendwann ihm misstrauen.
Diesen Teufelskreis müssen wir durchbrechen. Nicht, indem wir etwas zerschlagen, sondern so, dass der Staat sich selbst wieder vertraut. Und ich sage das auch in Richtung Landes- und Bundespolitik: Stärkt die Kommunen. Denn wir sind die erste Schnittstelle. Wenn wir nicht funktionieren, funktioniert am Ende gar nichts.
Und noch funktioniert in Göppingen vieles sehr gut. Ich kenne das Göppinger Understatement. Es gehört irgendwie zur Göppinger Identität, die eigene Stadt eher kritisch zu betrachten. Wir haben halt kein mittelalterliches Fachwerk wie Esslingen, kein Barock wie Ludwigsburg, kein Münster wie Ulm. Das wissen wir. Und trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, schauen wir manchmal zu wenig auf das, was wir wirklich haben. Bescheidenheit ist eine Zier. Aber übertreiben darf man es mit ihr nicht. Das Institut der deutschen Wirtschaft hat die Daseinsvorsorge in fast 11.000 Gemeinden Deutschlands untersucht. Bildung, Gesundheit, Mobilität, Freizeit, Digitalisierung. Göppingen steht bundesweit auf Rang 166. Vor Esslingen. Vor Ulm. Im Übrigen auch vor Kirchheim, Waiblingen und Aalen. Und weit vor Schwäbisch Gmünd. Ok, Ludwigsburg liegt drei Plätze vor uns. Das ist ärgerlich. Aber das holen wir uns noch.
Das ist unsere Leistung. Die Leistung der Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher, der Ärztinnen und Ärzte, der Unternehmen, der Ehrenamtlichen, auch der Verwaltung und des Gemeinderates. Die Leistung aller, die jeden Tag ihren Teil beitragen. Das darf man sagen. Das darf man auch mal feiern.
Und wir stehen nicht still. Im Boehringer-Areal ist mit dem HIVE ein Ort der Zukunft entstanden. Wo früher Industriegeschichte geschrieben wurde, schreiben wir jetzt die Zukunft, mit neuen Ideen, mit Mut, mit dem Willen voranzugehen. Denn dafür brauchen wir die richtigen Flächen. Deshalb machen wir auch weiter im Stauferpark Süd, ein Gelände das auch mir persönlich etwas bedeutet, das über Politik weit hinausgeht.
Mein Großvater hat dort seinen Dienst getan. Hat vielleicht von dort oben diese Stadt richtig kennengelernt, die Stadt, aus der dann ein Teil seiner und meiner Familie wurde.
Ich kenne diesen Ort nicht nur aus Lageplänen. Ich kenne ihn als etwas, das zu meiner Geschichte und zu der Geschichte dieser Stadt gehört. Es ist keine beliebige Fläche.
Und genau deshalb gehen wir damit sorgsam um. Was dort entstehen soll, soll diese Stadt voranbringen, mit Gewerbe, mit Grün, mit Wohnraum, mit Zukunft. Etwas, das bleibt. Etwas für die Kinder, die heute hier mitlaufen.
Und dafür bitte ich um Vertrauen. Nicht blinde Zustimmung, sondern Vertrauen. Das Versprechen das ich Ihnen im Gegenzug geben kann, ist dieses: Alles, was wir tun, tun wir um das Leben in dieser Stadt zu verbessern, auch wenn es im Einzelfall auch mal schmerzt. Nicht mehr. Nicht weniger.
Dieses Vertrauen wächst nicht von allein. Es entsteht täglich. Durch die vielen die sich einbringen, die mitmachen, die ihre Stadt nicht nur bewohnen, sondern mitgestalten. Durch die Ehrenamtlichen, durch die Feuerwehr und Rettungsdienste, durch die Eltern die mit ihren Kindern im Umzug mitlaufen und außerhalb des Maientags zur Jugendmusikschule fahren. Und durch die älteren Göppingerinnen und Göppinger, die dieses Fest seit Jahrzehnten kennen und tragen, und die tief in ihrem Herzen wissen, was diese Stadt wert ist, auch wenn sie es nicht immer laut aussprechen.
Gerade Ihnen möchte ich heute etwas sagen.
Wir haben gerade keine einfache Zeit vor uns. Die Einnahmen brechen ein, die Ausgaben steigen. Nicht nur bei uns, sondern überall in Deutschland. Das bedeutet: Wir müssen Entscheidungen treffen, die nicht immer angenehm sind. Ich weiß, dass das schwierig zu akzeptieren ist. Ich weiß, dass die Welt sich schneller verändert als einem lieb ist. Ich weiß, dass man manchmal das Gefühl hat, dass das, was man kennt und liebt, einem durch die Finger gleitet.
Aber schauen Sie sich um. Hier. Jetzt. Auf diesem Marktplatz, vor unserem Rathaus. Das gleitet Ihnen nicht durch die Finger. Das ist da und bleibt da. Das sind wir. Das ist Ihre Stadt.
Und wenn gleich das Maientagslied erklingt, das Lied das die meisten von Ihnen schon als Kinder gesungen haben, dass Ihre Kinder und Enkelkinder jetzt singen, dann ist das kein Ritual, sondern eine Übergabe. Von einer Generation an die nächste. Das Versprechen, dass das, was uns verbindet, stärker ist als alles, was uns trennt. Das ist Heimat.
Nicht nur ein Ort auf der Landkarte. Nicht ein Pass. Heimat ist da, wo Menschen sind, die einem etwas bedeuten. Wo man morgens aufsteht und weiß: Hier werde ich gebraucht. Wenn ich von irgendwo nach Göppingen zurückkomme und die drei Kaiserberge auftauchen, der Hohenstaufen am Horizont, dann weiß ich: Ich bin daheim. Nicht wegen des Berges an sich, sondern wegen allem, was am Fuß des Berges und auf seinem Gipfel wartet.
Wegen der Menschen in dieser Stadt.
1650 haben unsere Vorfahren gefeiert. Nicht weil alles gut war. Sondern weil sie beschlossen hatten, dass es besser werden kann. Dass Zusammenhalt stärker ist als Angst. Dass Hoffnung stärker ist als Furcht.
Heute treffen wir dieselbe Entscheidung.
Wir entscheiden uns für Freiheit. Für Verantwortung. Für Respekt voreinander. Für die Überzeugung, dass jeder Mensch das Recht hat, sein Leben selbst zu gestalten.
Das sind keine amerikanischen Ideen. Das sind keine deutschen Ideen. Das sind menschliche Ideen. Ideen, auf denen unsere Demokratie steht und hinter denen sich auch unsere Stadt versammeln kann.
Und genau darum geht es heute. Um dieses Zusammenkommen. Dieses Feiern. Dieses Füreinander-da-Sein.
Weil wir diese Stadt und ihre Menschen lieben. Und das ist stärker als jede Krise. Stärker als jede Unsicherheit. Stärker als alles, was uns von außen erschüttern will.
Und deshalb müssen wir um die Zukunft unserer Stadt keine Angst haben.
Einen wunderschönen, friedlichen, fröhlichen Maientag.
PM Stadtverwaltung Göppingen