DIE WELT, DIE MICH GEHÄRTET HAT – Eine Ostalb‑Selbstabrechnung in sechs Akten – roh, direkt, ohne Rücksicht auf Befindlichkeiten

1. AKT – FEUER: DIE GLASHÜTTE, DIE MIR DIE KINDHEIT AUSGETRIEBEN HAT

Ich sitze auf meinem  Sofa und sehe mich selbst in einem alten SDR‑Film. Ich erkenne meinen Meister wieder. Ich erkenne die Männer, die damals aussahen, als könnten sie mit bloßen Händen Stahl biegen. Ich erkenne mich – jung, dünn, überfordert, aber entschlossen.

Ich sage in der SWR‑Reportage: „Da haben Sie mir aber schöne Erinnerungen mitgebracht.“ Was ich eigentlich meinte: „Das war die Zeit, in der ich gelernt habe, dass das Leben nicht wartet, bis du bereit bist.“

Ich war 15, als ich nachts von der Disco nicht heimkam und an die Hütte klopfte. Der Nachtheizer ließ mich rein. „Leg dich hin, Bub. Um fünf geht’s los.“ Das war kein Abenteuer. Das war Überleben.

Heute steht dort ein Baumarkt. Ein Baumarkt. Auf dem Boden, auf dem ich gelernt habe, was Arbeit ist. Was Team ist. Was Verantwortung ist.

Manchmal gehe ich vorbei. Nicht, weil ich sentimental bin. Sondern weil ich wissen will, ob ich mir das alles nicht nur eingebildet habe.

2. AKT – TEAM: DIE GABLONZER, DIE MIR GEZEIGT HABEN, WAS WÜRDE IST

Die SWR‑Reportage erzählt von den Heimatvertriebenen aus Gablonz. Menschen, die alles verloren hatten – und trotzdem etwas aufgebaut haben, das eine ganze Stadt ernährte.

Ich habe mit ihnen gearbeitet. Ich habe gesehen, wie sie mit einer Ruhe und Würde gearbeitet haben, die man heute nur noch in Geschichtsbüchern findet. Sie haben mir beigebracht, dass Stärke nichts mit Muskeln zu tun hat. Und dass man weitermacht, auch wenn man nicht weiß, wie.

Heute erinnert daran fast nichts mehr. Nur die Cäcilienhütte steht noch – als Kindergarten. Vielleicht ist das gut so. Vielleicht ist es traurig. Vielleicht ist es beides.

3. AKT – EINSATZ: DER RETTUNGSDIENST, DER MICH GEBROCHEN UND GEFORMT HAT

Dreißig Jahre Blaulicht. Dreißig Jahre Entscheidungen, die man nicht zurücknehmen kann. Dreißig Jahre Gesichter, die bleiben.

Ich habe Menschen geholt, die keiner mehr erreichen wollte. Ich habe Menschen verloren, die keiner verlieren wollte. Ich habe Dinge gesehen, die man nicht vergisst – egal, wie sehr man es versucht.

Ich habe gelernt, dass Mut selten laut ist. Mut ist das ruhige Atmen, wenn alle anderen schreien. Mut ist die Hand, die man hält, wenn es sonst keiner tut. Mut ist, weiterzumachen, obwohl man weiß, dass es wieder wehtun wird.

Ich habe darüber geschrieben, weil ich sonst geplatzt wäre. Ich habe darüber geschrieben, weil ich wollte, dass jemand versteht, wie es wirklich ist. Nicht die Heldengeschichten. Die echten.

4. AKT – KAMPF: WARUM ICH HEUTE NOCH TRAINIERTE, WENN ANDERE SCHON AUFGEGEBEN HÄTTEN

Ich bin 3. Dan Taekwondo.

  1. Dan Goshin Jitsu. Renshi.

Das klingt nach Show. Ist aber mein Rettungsring.

Kampfsport hat mich nicht stark gemacht. Er hat mich ruhig gemacht. Er hat mir beigebracht, dass man nicht jeden Schlag setzen muss. Und dass man manche Schläge einfach einsteckt, weil es sich nicht lohnt, zurückzuschlagen.

Ich trainiere zwei‑ bis dreimal die Woche. Nicht, weil ich muss. Sondern weil ich sonst anfange, Dinge zu reparieren, die gar nicht kaputt sind. Oder Menschen.

5. AKT – ERFINDUNG: DAS NOTFALLSCHILD UND DER KAMPF GEGEN DIE WINDMÜHLEN

Ich habe ein blinkendes Notfallschild erfunden. Einfach. Praktisch. Lebensrettend.

Und ich habe erlebt, wie Bürokratie eine gute Idee in Zeitlupe erdrosseln kann. Ich habe darüber geschrieben, weil ich wollte, dass andere daraus lernen. Ob sie es tun? Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass ich es wieder tun würde.

Manchmal kämpft man nicht, weil man glaubt zu gewinnen. Sondern weil man weiß, dass es richtig ist.

6. AKT – GEGENWART: DIE WELT HEUTE – UND ICH MITTEN DRIN

Ich scrolle durch Facebook und sehe: – Weltpolitik, die brennt. – Menschen, die feiern. – Menschen, die sich erinnern. – Menschen, die kämpfen. – Menschen, die sich über das Wetter beschweren. – Menschen, die Max Werner „Rain in May“ posten, als wäre es ein spirituelles Erwachen.

Und ich denke: Gut, dass ich damals gelernt habe, im Feuer ruhig zu bleiben.

Die Welt ist schneller geworden. Härter. Lauter. Aber ich bin auch älter geworden. Ruhiger. Klarer.

Ich habe gelernt, dass man nicht alles ändern kann. Aber man kann erzählen, was war. Und was bleibt.

EPILOG – WAS VON MIR BLEIBT

Ich bin kein Held. Ich bin kein Nostalgiker. Ich bin kein Mahner.

Ich bin einer, der hingeschaut hat. Einer, der im Feuer stand. Einer, der Leben gerettet hat. Einer, der kämpft, ohne zu schlagen. Einer, der schreibt, ohne zu beschönigen.

Und vielleicht – nur vielleicht – bin ich einer, der daran erinnert, dass eine Stadt mehr ist als ihre Fassaden. Sie ist das, was wir erlebt haben. Und das, was wir nicht vergessen dürfen.

Alfred Brandner

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